Verurteilte Erasmus-Studentin: Sevil Sevimli ist wieder zu Hause

Verurteilte Erasmus-Studentin: Sevil ist zurück in Frankreich Fotos
AFP

Fünf Jahre soll sie in der Türkei in Haft, auf Kaution kam sie frei und flog nach Frankreich: Erasmus-Studentin Sevil Sevimli, 21, ist in ihrer Heimatstadt Lyon gelandet. In die Türkei will sie unbedingt zurück.

Zuerst fiel sie ihrem Vater in die Arme, als sie in die Ankunftshalle des Flughafens trat: Die französische Erasmus-Studentin Sevil Sevimli ist am Mittwoch in ihre Heimatstadt Lyon zurückgekehrt. Freunde, Verwandte und Unterstützer begrüßten die 21-Jährige mit Plakaten und Blumen, viele trugen T-Shirts mit Sevimlis Foto. Sie hatten sich für die Freilassung der Studentin eingesetzt, die drei Monate zusammen mit einigen Mitstudenten in einem türkischen Gefängnis saß.

Die Behörden werfen der Studentin der Universität Lyon Verbindungen zu einer Terrororganisation vor, ein Gericht in Bursa verurteilte sie am Freitag wegen "terroristischer Propaganda" zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft. Sie wird dagegen in Berufung gehen und durfte gegen eine Kaution von umgerechnet etwa 4250 Euro vorerst aus der Gefängnis und nach Frankreich ausreisen.

In einem Fernsehinterview mit dem Sender France3 Rhône-Alps begründete Sevimli das Berufungsverfahren damit, nach einem möglichen Freispruch wieder in die Türkei fahren zu wollen. "Wir wollen es zu Ende bringen, damit ich freigesprochen werde und damit ich nicht weiter verfolgt werden kann", sagte Sevimli. Ob sie vor der Entscheidung über ihre Berufung wieder in die Türkei reisen will, sagte die Studentin nicht.

"Die Türkei kennengelernt - bis in ihre Gefängnisse hinein"

Direkt nach ihrer Ankunft sagte Sevimli, sie danke allen, die sie unterstützt hätten. Neben der Familie und Freunden hatten sich auch Professoren aus Lyon und aus der Türkei für ihre Freilassung stark gemacht. Sevimli betonte, es seien weiterhin Tausende Menschen in der Türkei mit derselben Begründung eingesperrt, mit der die Sicherheitskräfte sie festgenommen hatten. Für sie bedeute das: "Der Kampf geht weiter."

Die Tochter kurdischer Einwanderer aus der Türkei wuchs in Frankreich auf und studiert eigentlich in Lyon Kommunikations-wissenschaft. Im Sommer 2011 ging sie als Erasmus-Studentin in die Heimat ihrer Eltern. Sie entschied sich für die anatolische Provinz Eskisehir, um das Land besser kennenzulernen.

Anfang Mai 2012 nahmen türkische Sicherheitskräfte die junge Frau, die neben dem französischen auch einen türkischen Pass besitzt, gemeinsam mit anderen Studenten fest. Sevimli hatte das Konzert einer linken Band besucht und war bei einer Demo mitmarschiert. Drei Monate lang saß sie in U-Haft, ihr drohten 32 Jahre Gefängnis, dann wurde sie bis zum Prozessbeginn freigelassen. Französische Medien haben intensiv über den Fall berichtet, der zeigt, wie rabiat die Türkei mit politisch aktiven Studenten umgeht.

Am Mittwoch verließ Sevimli den Flughafen nach etwa einer Viertelstunde, um France3 ein Exklusivinterview zu geben. Ihr Ziel, das Land ihrer Vorfahren besser zu verstehen, sei in Erfüllung gegangen, sagte sie dem Sender. "Ich habe die Türkei kennengelernt - bis in ihre Gefängnisse hinein."

son/rsc/lek/cht

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Wieso zurueck
Malshandir 21.02.2013
Also ich Zweifel an der Vernunft dieser Frau. Warum zurueck, die Kaution war das Angebot der Tuerkei es elegant zu loesen. Allerdings hat die Tuerkei beweisen, dass sie nicht einmal im Ansatz reif fuer den EU-Beitritt ist.
2. .
byzopsycho 21.02.2013
Um in der Türkei existenzberechtigt zu sein, hat Sie nach staatlichen Vorgaben eine Bergtürkin zu sein. Das ist alles! Sie muss sich halt nur beugen und es über sich ergehen lassen, so wie alle anderen verschiedene Ethnien in der heutigen Türkei. Alle müssen den Vater der Türken huldigen und wehe da stellt sich eine/r quer! Türkei: Propaganda statt Meinungsfreiheit cducsu.eu/aktuelles/7671-renate-sommer-evpcdu-tuerkei-propaganda-statt-meinungsfreiheit-.html
3.
Atheist_Crusader 21.02.2013
Zitat von byzopsychoAlle müssen den Vater der Türken huldigen und wehe da stellt sich eine/r quer!
Ach, zu Atatürk reicht heute ein Lippenbekenntnis. Immerhin war er ein gefährlicher Progressiver (nach den Maßstäben seiner Zeit) und ein Vorantreiber der Säkularisierung. Das passt überhaupt nicht zu Erdogan und seiner religiösen, neo-osmanischen Agenda. Trotzdem zeigt er Fall nur mal wieder, wie tief gewisse Köpfe im Sand stecken, wenn die Träger derselben immer noch die Türkei in der EU sehen wollen.
4. Das Rechtssystem
faxendigge 21.02.2013
der Türkei mit all seinen Propaganda und "Beleidigung des Türkentums" Paragraphen ist selbstverständlich eine innere Angelegenheit der Türkei. Allerdings kann es noch ziemlich lange dauern bis dann ein Kanzler auf Knien nach Ankara kriecht - um es mit den Worten des Herrn Öttinger zu sagen.
5. ohne ...
ratem 21.02.2013
Es dürfte der Türkei vermutlich nicht klar sein. Aber dieses Urteil hat dem Ansehen des Landes einen verheerenden Schaden zugefügt. Eine EU-Mitgliedschaft auf Basis des derzeitigen (praktisch nichtexistenten) Rechtssystems der Türkei ist eigentlich völlig ausgeschlossen.
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