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Wiedersehen nach zehn Jahren: Das magische Erasmus-Gefühl

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Erasmus-Jahr: Au revoir Fotos
privat

Zehn Monate lang studierten sie zusammen in Paris, waren enge Freunde: sieben junge Menschen aus ganz Europa. Danach brach der Kontakt ab. Nun hat unsere Autorin ihre Erasmus-Freunde getroffen - ein Wiedersehen nach zehn Jahren.

Ramón steht am Ufer der Seine und singt. Seine Finger fliegen über die Saiten der Gitarre, seine rauchige Stimme begleitet die Töne. Im Hintergrund leuchtet das Gebäude der französischen Nationalversammlung. Es ist dunkel, aber die Nacht liegt noch vor uns.

Wir sind für ein Wochenende nach Paris zurückgekommen, es ist Anfang November, wenige Tage vor den Anschlägen in der Stadt. Wir wollen schauen, was aus uns geworden ist. Fast zehn Jahre lang haben wir uns in dieser Konstellation nicht mehr gesehen. So lange ist unser gemeinsames Erasmus-Jahr her. Wir, das sind sieben Menschen aus vier verschiedenen Ländern: Ramón aus Barcelona, Carlos aus Valencia, Davide aus Bologna, Lisa aus Wien, Anna aus Wiesbaden, Katharina aus Köln und ich.

Wir waren Anfang zwanzig, als wir im Wintersemester 2005/2006 an die Université Paris XII kamen - diesen grauen Betonkomplex mit der lauten Bibliothek, den heruntergekommenen Hörsälen, dem Frontalunterricht und dem schlechten Mensa-Essen. Paris XII, das ist eine Hochschule an der Grenze zu den Banlieues im Südosten der Stadt, eine Uni mit mehr als 30.000 Studenten.

Ramón war der Erste, den ich damals in Paris traf. Er wohnte mit seiner Freundin Marta im Studentenwohnheim direkt neben mir. Ich klopfte an die Tür, weil mein Schlüssel nicht funktionierte. Wir konnten uns kaum verständigen, weil Ramón kein Englisch und ich kaum Französisch sprach. Damals wusste ich noch nicht, wie wichtig die beiden in den nächsten zehn Monaten für mich werden sollten. Zusammen mit einem Dutzend anderer europäischer Studenten bildeten wir einen Freundeskreis, der uns im Ausland die Familie ersetzte.

Vor Paris hatte ich drei Jahre in Jena studiert und war froh, endlich mal rauszukommen. Viele Freunde gingen damals ins Ausland. Erasmus, das verspricht Aufregung, Unabhängigkeit und das Gefühl, alles erreichen zu können. Dieses Versprechen war wie ein Weckruf: Wir feierten nächtelang in den Bars und Kneipen, bis wir auf dem Montmartre den Sonnenaufgang sehen konnten. Wir fuhren Achterbahn in Disneyland und machten Urlaub in der Bretagne. Wir versuchten, uns in ein Coldplay-Konzert zu schmuggeln, und tanzten im Tresorraum eines besetzten Bankgebäudes.

Irgendwann kamen keine E-Mails mehr

In diesen zwei Semestern wurden wir unzertrennlich. Wir schworen uns ewige Freundschaft. Die Welt war uns egal. Politik interessierte uns nicht. Wir lebten in unserem Mikrokosmos. Probleme waren: Hausarbeiten auf Französisch, Fernbeziehungen und die Mieten in Paris. Als ich nach einem Jahr wieder nach Deutschland musste, zurück in mein altes Leben, brachten die anderen mich zum Zug. Zwei Stunden lang weinte ich so sehr, dass sich die Leute in meinem Abteil Sorgen machten.

In den ersten Monaten danach haben wir uns noch E-Mails geschrieben. Wir haben telefoniert. Ich habe Lisa in Wien besucht und mit Anna und Katharina Silvester gefeiert. Ramón habe ich in all den Jahren noch zweimal gesehen, Davide einmal, Carlos und Marta gar nicht.

Irgendwann kamen keine E-Mails mehr, keine Glückwünsche zum Geburtstag. Nur über Facebook bekam ich noch Bruchstücke aus dem Leben der anderen mit. Ich erfuhr, dass Davide bei einem Verein in Deutschland arbeitete, dass Marta ein Restaurant in Barcelona eröffnet hatte, dass Carlos mit einer neuen Freundin zusammengekommen war. Auch ich war zwischen 20 und 30 damit beschäftigt, meinen Weg im Leben zu finden.

Bevor ich diesmal nach Paris fuhr, habe ich mich gefragt, was nach dieser langen Zeit geblieben ist und wie wir uns verändert haben. Erasmus in Paris, das war meine "L'auberge espagnole". Nun sollte der zweite Teil kommen: das große Wiedersehen. Aber kann man das Erasmus-Gefühl einfach wiederherstellen?

Nicht alle schaffen es zu kommen, Marta zum Beispiel arbeitet jeden Tag bis spät in die Nacht in ihrem Restaurant und kann es sich nicht leisten, ein Wochenende fernzubleiben. Ramón und sie trennten sich am Ende des Erasmus-Jahres, aber die beiden sind noch befreundet. Ich selbst bin schon Freitagmittag in Paris, vielleicht, weil ich das Wochenende so weit wie möglich ausdehnen will.

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Ich treffe mich mit Davide, der auch schon in der Stadt ist. Er sieht noch genauso aus wie früher, nur die Haare sind weniger geworden. Wir umarmen uns und reden miteinander, die Worte fließen, ganz selbstverständlich, wie früher. Davide sagt, er sei nach seiner Rückkehr wieder bei seinen Eltern eingezogen, habe es dort aber nicht lange ausgehalten. Bologna sei ihm nach Paris so unglaublich eng vorgekommen. Er lebt seit sechs Jahren in Oldenburg. Klar, irgendwie hatte ich das mitbekommen. Trotzdem überrascht mich der Gedanke, dass er die ganze Zeit über in meiner Nähe wohnte - und wir uns trotzdem aus den Augen verloren haben. Er hat eine deutsche Freundin und spricht ein ganz weiches, langsames Deutsch, das sehr beruhigend wirkt.

Bilanz der vergangenen zehn Jahre

Carlos ruft an, er sei gerade gelandet. Ich habe das letzte Mal im Sommer 2006 mit ihm geredet. George W. Bush war damals US-Präsident, und in Deutschland fand die Fußball-WM statt. Und jetzt ruft Carlos mich einfach an und fragt, wo wir uns treffen. "Ich bin fett geworden", das ist das Erste, was er sagt, als er ins Café kommt. Ich finde, er übertreibt. Aber seine Haare sind grau. Carlos ist jetzt Richter, wie er es immer wollte. Sogar im Erasmus-Jahr hat er das Studium sehr ernst genommen. Carlos verhandelt Verbrechen, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Er entscheidet über Exhibitionisten, über Männer, die ihre Frauen schlagen, oder Leute, die ohne Führerschein Auto fahren.

Was mir auffällt: Wir müssen uns nicht warm reden, driften nicht ins Oberflächliche ab, sondern steigen gleich tief ein, wir sprechen offen darüber, warum unsere Beziehungen in die Brüche gegangen sind, reden über unsere Ängste und Sorgen, philosophieren darüber, was mit unserer Seele passiert, wenn wir sterben.

Wir gehen zu Lisa, die seit ein paar Jahren wieder in Paris lebt. Sie hat eine Wohnung im 10. Arrondissement, die sehr klein und sehr teuer ist, dafür mit Blick auf einen steingepflasterten Hinterhof, in dem zwei Bäume stehen. Lisa hat Käse und Wein besorgt, wir bringen Baguettes mit. Katharina und Anna stoßen dazu, und wir erzählen unser Leben im Schnelldurchlauf. Ich würde gern Englisch sprechen, weil ich Französisch zwar verstehe, aber kaum noch einen geraden Satz bilden kann. Aber damit komme ich nicht durch, ich bin die Einzige, der es so geht.

Viele sind in andere Städte gezogen, haben eine weitere Sprache gelernt. Katharina ist Lehrerin. Anna ist die Einzige, die ein Kind hat. Ramón sucht eine Freundin, Davide sucht einen Job. Ist es schlimm, mit Anfang dreißig seine Arbeit zu verlieren oder noch nicht den Menschen gefunden zu haben, mit dem man Kinder kriegen will? Auch ich ziehe eine Bilanz der vergangenen zehn Jahre: Ich habe zwar ziemlich lange studiert, aber jetzt einen Job, den ich mag, und wohne in einer Stadt, in der ich mich wohlfühle.

Lisa unterrichtet an einer Uni in Paris zwölf Stunden Deutsch in der Woche und hat vor Kurzem einen Platz an einer renommierten Schauspielschule bekommen. Die Jury sagte, sie sei sehr talentiert und dürfe ein Jahr überspringen. Lisa fragt mich, ob sie das jetzt wirklich durchziehen soll - mit 34 noch mal etwas Neues anfangen? Sie hat früher schon so viel gezweifelt, war hin- und hergerissen zwischen zwei Welten: dem ruhigen Leben in Wien und dem ungewissen, aufregenden in Paris. "Klar, mach das", sage ich. Sie wollte schon immer ans Theater, und das ist ihre große Chance, außerdem passt ein Leben unter Kreativen viel besser zu ihr als eines an der Uni.

Um zwei Uhr nachts beschwert sich ein Nachbar von oben über die Lautstärke, indem er versucht, Wasser durch eines von Lisas Fenstern zu schütten. "Das ist Paris", sagt Lisa. Manchmal hasst sie die Stadt. Wir sprechen über Flüchtlinge, über die Situation in Europa. Wir sind politischer geworden und fragen uns, ob die Welt vor zehn Jahren auch schon so grausam war.

Da ist es wieder, das Erasmus-Gefühl

Am nächsten Tag lassen wir uns durch die Straßen treiben, sitzen in kleinen Cafés, besuchen einen Markt, schlendern zu Notre-Dame. Irgendwann landen wir am Ufer der Seine und singen so, wie wir es früher gemacht haben. Ich bin glücklich, weil wir uns noch immer so gut verstehen. Ramón stimmt eine langsame Version von "You're the One that I Want" an. Er ist jetzt berühmt, zumindest ein bisschen. Vor fünf Jahren hat er bei "Nouvelle Star", der französischen Version von "Deutschland sucht den Superstar", den dritten Platz belegt. Nun gibt es auf YouTube Videos von ihm, in denen Mädchen kreischen und Plakate mit seinem Namen hochhalten. Vor ein paar Jahren habe ich mir sein Album gekauft. Ich finde es seltsam, ihn in Fernsehinterviews zu sehen, aber bin stolz auf ihn, vor allem, weil er so geblieben ist wie früher.

Ich bin melancholisch wegen der Flüchtigkeit, die in diesem Wiedersehen liegt. Ein Wochenende in zehn Jahren - das ist doch nichts. Dennoch fühle ich eine tiefe Verbundenheit zwischen uns.

Wir wollen uns jetzt öfter sehen, planen einen Skiurlaub in Österreich, sprechen über ein Treffen in Hamburg. Carlos mahnt, die Ziele nicht zu hoch zu stecken. "Mal schauen, wie es ist, wenn wir wieder im Alltag ankommen", sagt er. Wir wissen, dass er recht hat. Vielleicht ist die Erasmus-Zeit auch nur so magisch, weil sie zeitlich begrenzt ist?

In der Nacht sind wir die letzten Gäste in einem kleinen Restaurant. Einige Stühle stehen schon auf den Tischen, der Kellner spült Gläser. Ramón erzählt Casting-Geschichten von "Nouvelle Star": wie bescheuert er manche Outfits fand und wie blöd es sei, sich während des Singens auf die Choreografie zu konzentrieren. Carlos zeigt uns Zaubertricks und erzählt schmutzige Witze, die niemand versteht.

Wir haben Lust zu tanzen und überlegen, ob wir ins "Favela Chic" gehen, einen unserer früheren Stammklubs, den es immer noch gibt. Doch der Kellner in dem Restaurant dreht die Musik auf, spielt für uns die Lieder, die wir hören wollen, und lässt uns tanzen, obwohl er schon den Boden gewischt hat.

Jemand hat uns für kurze Zeit die Vergangenheit zurückgegeben, denn da ist es wieder: das Erasmus-Gefühl, dieses Versprechen auf Abenteuer, dieser Glaube daran, alles erreichen zu können, egal, wer wir sind, egal, woher wir kommen. Und in dieser Nacht fühlt es sich großartig an.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
chris6871 02.01.2016
Sie schreiben, dass Sie Ihren Beruf mögen. Wenn man Ihren Artikel liest, gewinnt man den Eindruck, dass Sie ihn lieben. Erinnerungen an die eigenen Twen-Jahre werden lebendig... Danke!
2. Sehr schöner ...
hakenohr 02.01.2016
... Artikel, danke. Ich kenne ähnliches und kann gut nachempfinden, was Sie schreiben, insbesondere dieses Gefühl zwischen Flüchtigkeit und tiefer Verbundenheit.
3. Erasmus ist mit das Beste..
josquin 02.01.2016
..was die Völker Europas tun können, um nie wieder in einen Krieg untereinander abzugleiten. Und nebenbei bemerkt auch das Billigste, selbst wenn im Erasmus-Jahr der Schwerpunkt eher auf feiern als studieren liegt. Es sei den jungen Leuten herzlich gegönnt.
4. Sentimental verklärte Allerweltserfahrungen
Hinterdemspiegel 02.01.2016
Bitte verschonen Sie uns mit weiteren rührseligen Geschichten aus Ihrem privaten Leben. Wen interessiert es, dass auch Ihre Freunde dicker werden. Andere Menschen haben es auch geschafft, erwachsen zu werden und damit nicht die Leserschaft des "Spiegel" belästigt. Wenn ich dies lese so fürchte ich, dass uns noch einige Banalitäten bevor stehen...
5. Remake von Auberge Espagnole
maxleferrailleur 02.01.2016
für so einen Erasmus-Auslandsaufenthalt wie der beschriebene in Paris vor zehn Jahren sollte der Steuerzahler kein Geld ausgeben: total oberflächlich, nichts vom Land gesehen und auch kein Interesse daran, nicht die geringste Anstrengung wirklich was zu verstehen.....rausgeschmissenes Geld
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© UNI SPIEGEL 6/2015
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Titelbild
Heft 6/2015 Was vom Erasmus-Gefühl bleibt

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