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01. Juni 2012, 18:05 Uhr

Deutscher Burschentag

Rechtsextreme gewinnen Machtkampf

Von und

Entscheidung in Eisenach: Auf dem Deutschen Burschentag scheiterte die Abwahl eines hohen rechtsextremen Funktionärs. Jetzt steht der Dachverband vor der Spaltung. Liberale Burschenschafter räumen ihre Posten, sie rechnen mit einer Austrittswelle.

Formal ist es nur ein gescheiterter Abwahlantrag, politisch ist es eine Katastrophe für die Deutsche Burschenschaft (DB), dem Dachverband mit rund 120 Bünden und knapp 10.000 Burschenschaftern: Auf dem Burschentag in Eisenach wurde der Chefredakteur der Verbandszeitung, Norbert Weidner, im Amt bestätigt. Die Entscheidung fiel knapp aus, doch die Personalie offenbart, dass die liberalen Burschenschafter den internen Machtkampf verloren haben - und nun den Rückzug antreten. Künftig geben endgültig ihre rechtsextremen Verbandsbrüder den Ton an.

Denn Weidner ist nicht irgendein Burschenschafter. Als "Schriftleiter" der "Burschenschaftlichen Blätter", wie der Chefredakteur dort offiziell heißt, gehört er zu den wichtigsten Funktionären des Verbandes. Er bestimmt die Ausrichtung der auflagenstarken Publikation; es ist einer der bestbezahlten Posten, den die DB zu vergeben hat. Weidner und die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, in deren Vorstand er ist, waren vor dem Burschentag immer wieder massiv kritisiert worden, unter anderem wegen der rassistischen "Ariernachweis"-Anträge im vergangenen Jahr.

Der jüngste Eklat, über den SPIEGEL ONLINE berichtete, geht darauf zurück, dass Weidner den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, Dietrich Bonhoeffer, öffentlich als Landesverräter bezeichnet hatte - sowie dessen Verurteilung "rein juristisch" als "gerechtfertigt". Die Bonner Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen wegen des Verdachts auf Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ein. Weidner war zudem früher in mehreren rechtsextremen Organisationen in herausgehobener Stellung aktiv, etwa in der später verbotenen militanten Neonazi-Partei FAP.

Wie es zum Machtkampf in der Deutschen Burschenschaft kam

Diesem Treiben wollten liberalere Burschenschafter nicht länger schweigend zusehen - sie organisierten Widerstand. In einem Aufruf (hier als pdf) verurteilen fast 400 meist angesehene Burschenschafter, darunter auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), vor einigen Wochen die Äußerungen Weidners "auf das Schärfste" und forderten seinen Rücktritt. Vor dem Burschentag versuchten die liberaleren Burschenschafter, Weidners Abwahl auf dem Jahrestreffen zu organisieren - und scheiterten nun.

Der Erfolg von Weidner und seinen Unterstützern dürfte zu einem massiven Mitgliederschwund der DB führen. Als Reaktion auf das Wahlergebnis erklärte bereits der Pressereferent des Dachverbandes, Michael Schmidt, seinen Rücktritt. Man müsse das Ergebnis einer demokratischen Entscheidung zur Kenntnis nehmen, sagte Schmidt, der zu den profiliertesten Vertretern der liberaleren Burschenschaftern zählt. Den Erfolg der Rechtsextremen könne man nicht schönreden. Jetzt sei damit zu rechnen, dass zahlreiche Burschenschaften aus dem Dachverband austreten.

Am Abend wurde bekannt, dass außer Schmidt noch vier weitere Liberale aus dem erweiterten Vorstand zurückgetreten sind. Bei den Vorstandswahlen am Freitagnachmittag traten Vertreter des liberalen Flügels erst gar nicht mehr an - darunter auch der chinesischstämmige Burschenschafter, gegen den sich die "Ariernachweis"-Anträge im vergangenen Jahr gerichtet hatten.

Ein Sprecher der "Initiative Burschenschafter gegen Neonazis", die besonders engagiert gegen die Rechtsextremen Stellung bezieht, sieht nun den "parlamentarischen Kampf von demokratischen Burschenschaftern gegen rechtsextreme Burschenschafter in der DB" als verloren an. Auch er rechnet mit einer "Austrittswelle" von "demokratischen, finanzstarken Burschenschaften", was ihm zufolge zu einer baldigen Insolvenz des Dachverbands führen könnte.

Weidner selbst wollte weder den gescheiterten Abwahlantrag noch die Vorwürfe gegen ihn kommentieren. Seine Bestätigung im Amt dürfte allerdings das Ende des lange währenden Machtkampfs zwischen liberaleren und rechten Burschenschaftern einläuten: Denn schon seit Jahrzehnten ist der Dachverband zerstritten. Auf der einen Seite steht die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG), ein Zusammenschluss von mehr als 40 deutschen und österreichischen Bünden. Er wurde vor mehr als 50 Jahren gegründet, um völkische und damit offen rassistische Positionen durchzusetzen. Zur BG gehört auch Weidners Burschenschaft, die Bonner Raczeks. Mittlerweile besetzt die BG wichtige Schlüsselstellen im Dachverband. Ihre Stärke bezieht sie aus ihrer inneren Geschlossenheit.

Auf der anderen Seite stehen die liberaleren Bünde, die sich jetzt wohl nach und nach zurückziehen werden. Viele Dutzend haben diesen Schritt in den vergangenen Jahren bereits getan. Im März dieses Jahres gründeten die verbliebenen Liberalen die mehr als 20 Bünde zählende Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) als Gegengewicht zur BG - doch auch nach diesem Zusammenschluss schafften sie es nicht, die Rechtsextremen in Schach zu halten.

Auch der Burschentag an sich, also das Treffen auf der Wartburg in Eisenach, ist umstritten. Bereits vor Beginn sagte eine Sprecherin der Stadt, es werde deshalb kein städtischer Vertreter am Burschentag teilnehmen. Außerdem sei für Samstag eine Gegendemonstration mit 300 Teilnehmern angemeldet worden.

Mit Material von dapd und dpa

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