Deutscher Burschentag: Rechtsextreme gewinnen Machtkampf

Von Florian Diekmann und

Entscheidung in Eisenach: Auf dem Deutschen Burschentag scheiterte die Abwahl eines hohen rechtsextremen Funktionärs. Jetzt steht der Dachverband vor der Spaltung. Liberale Burschenschafter räumen ihre Posten, sie rechnen mit einer Austrittswelle.

Burschentag in Eisenach (2011): Liberale Burschenschafter kündigen jetzt ihren Rückzug an Zur Großansicht
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Burschentag in Eisenach (2011): Liberale Burschenschafter kündigen jetzt ihren Rückzug an

Formal ist es nur ein gescheiterter Abwahlantrag, politisch ist es eine Katastrophe für die Deutsche Burschenschaft (DB), dem Dachverband mit rund 120 Bünden und knapp 10.000 Burschenschaftern: Auf dem Burschentag in Eisenach wurde der Chefredakteur der Verbandszeitung, Norbert Weidner, im Amt bestätigt. Die Entscheidung fiel knapp aus, doch die Personalie offenbart, dass die liberalen Burschenschafter den internen Machtkampf verloren haben - und nun den Rückzug antreten. Künftig geben endgültig ihre rechtsextremen Verbandsbrüder den Ton an.

Denn Weidner ist nicht irgendein Burschenschafter. Als "Schriftleiter" der "Burschenschaftlichen Blätter", wie der Chefredakteur dort offiziell heißt, gehört er zu den wichtigsten Funktionären des Verbandes. Er bestimmt die Ausrichtung der auflagenstarken Publikation; es ist einer der bestbezahlten Posten, den die DB zu vergeben hat. Weidner und die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, in deren Vorstand er ist, waren vor dem Burschentag immer wieder massiv kritisiert worden, unter anderem wegen der rassistischen "Ariernachweis"-Anträge im vergangenen Jahr.

Der jüngste Eklat, über den SPIEGEL ONLINE berichtete, geht darauf zurück, dass Weidner den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, Dietrich Bonhoeffer, öffentlich als Landesverräter bezeichnet hatte - sowie dessen Verurteilung "rein juristisch" als "gerechtfertigt". Die Bonner Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen wegen des Verdachts auf Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ein. Weidner war zudem früher in mehreren rechtsextremen Organisationen in herausgehobener Stellung aktiv, etwa in der später verbotenen militanten Neonazi-Partei FAP.

Wie es zum Machtkampf in der Deutschen Burschenschaft kam

Diesem Treiben wollten liberalere Burschenschafter nicht länger schweigend zusehen - sie organisierten Widerstand. In einem Aufruf (hier als pdf) verurteilen fast 400 meist angesehene Burschenschafter, darunter auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), vor einigen Wochen die Äußerungen Weidners "auf das Schärfste" und forderten seinen Rücktritt. Vor dem Burschentag versuchten die liberaleren Burschenschafter, Weidners Abwahl auf dem Jahrestreffen zu organisieren - und scheiterten nun.

Der Erfolg von Weidner und seinen Unterstützern dürfte zu einem massiven Mitgliederschwund der DB führen. Als Reaktion auf das Wahlergebnis erklärte bereits der Pressereferent des Dachverbandes, Michael Schmidt, seinen Rücktritt. Man müsse das Ergebnis einer demokratischen Entscheidung zur Kenntnis nehmen, sagte Schmidt, der zu den profiliertesten Vertretern der liberaleren Burschenschaftern zählt. Den Erfolg der Rechtsextremen könne man nicht schönreden. Jetzt sei damit zu rechnen, dass zahlreiche Burschenschaften aus dem Dachverband austreten.

Am Abend wurde bekannt, dass außer Schmidt noch vier weitere Liberale aus dem erweiterten Vorstand zurückgetreten sind. Bei den Vorstandswahlen am Freitagnachmittag traten Vertreter des liberalen Flügels erst gar nicht mehr an - darunter auch der chinesischstämmige Burschenschafter, gegen den sich die "Ariernachweis"-Anträge im vergangenen Jahr gerichtet hatten.

Ein Sprecher der "Initiative Burschenschafter gegen Neonazis", die besonders engagiert gegen die Rechtsextremen Stellung bezieht, sieht nun den "parlamentarischen Kampf von demokratischen Burschenschaftern gegen rechtsextreme Burschenschafter in der DB" als verloren an. Auch er rechnet mit einer "Austrittswelle" von "demokratischen, finanzstarken Burschenschaften", was ihm zufolge zu einer baldigen Insolvenz des Dachverbands führen könnte.

Weidner selbst wollte weder den gescheiterten Abwahlantrag noch die Vorwürfe gegen ihn kommentieren. Seine Bestätigung im Amt dürfte allerdings das Ende des lange währenden Machtkampfs zwischen liberaleren und rechten Burschenschaftern einläuten: Denn schon seit Jahrzehnten ist der Dachverband zerstritten. Auf der einen Seite steht die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG), ein Zusammenschluss von mehr als 40 deutschen und österreichischen Bünden. Er wurde vor mehr als 50 Jahren gegründet, um völkische und damit offen rassistische Positionen durchzusetzen. Zur BG gehört auch Weidners Burschenschaft, die Bonner Raczeks. Mittlerweile besetzt die BG wichtige Schlüsselstellen im Dachverband. Ihre Stärke bezieht sie aus ihrer inneren Geschlossenheit.

Auf der anderen Seite stehen die liberaleren Bünde, die sich jetzt wohl nach und nach zurückziehen werden. Viele Dutzend haben diesen Schritt in den vergangenen Jahren bereits getan. Im März dieses Jahres gründeten die verbliebenen Liberalen die mehr als 20 Bünde zählende Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) als Gegengewicht zur BG - doch auch nach diesem Zusammenschluss schafften sie es nicht, die Rechtsextremen in Schach zu halten.

Auch der Burschentag an sich, also das Treffen auf der Wartburg in Eisenach, ist umstritten. Bereits vor Beginn sagte eine Sprecherin der Stadt, es werde deshalb kein städtischer Vertreter am Burschentag teilnehmen. Außerdem sei für Samstag eine Gegendemonstration mit 300 Teilnehmern angemeldet worden.

Mit Material von dapd und dpa

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insgesamt 102 Beiträge
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    Seite 1    
1. "Liberal"...
Wildes Herz 01.06.2012
Zitat von sysopDiesem Treiben wollten liberalere Burschenschafter nicht länger schweigend zusehen - sie organisierten Widerstand. In einem Aufruf (hier als pdf) verurteilen fast 400 meist angesehene Burschenschafter, darunter auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), vor einigen Wochen die Äußerungen Weidners "auf das Schärfste" und forderten seinen Rücktritt. Erfolg für rechtsextreme Burschenschafter beim Deutschen Burschentag - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,836442,00.html)
Huiuiui... wenn schon erzkonservative CSU-Politiker zu den "liberaleren Burschenschaftern" zählen - will man ja gar nicht wissen, welchen Parteien dann erst die nicht-ganz-so-"liberalen" Burschenschafter nahe stehen! Mal ganz abgesehen davon, dass "liberal" im Zusammenhang mit Burschenschaften ohnehin ein geradezu absurder Begriff ist.
2. schade...
StellvNeueDB 01.06.2012
Es kann nicht die Aufgabe der Burschenschaften sein, sich selbst durch Richtungsstreitigkeiten zu lähmen. Es geht darum, mit Blick nach vorne etwas für Deutschland und Europa zu tun. Es bleibt zu hoffen, dass die Bünde, die nunmehr sicherlich die DB verlassen werden, dafür nun mehr Zeit finden. Übrigens: 120 Burschenschaften, wie berichtet, hat die DB schon längst nicht mehr.
3. Wen wunderts,
brandyandy 01.06.2012
wen störts? Burschenschaftler waren schon zu meinen Studentenzeiten, in den 80ern als faschistoide Saufköppe bekannt. Immer schön protegiert von den Alten Herren hatten sie immer im wahrsten Sinne des Wortes nichts sagende Hübschchens als Freundinnen und frühzeitig nen Wanst vom Saufen und Fressen. An der Uni eher Durchschnitt landeten sie trotzdem in irgendwelchen Kanzleien und auf irgendwelchen Pöstchen - kein Wunder, dass es mit der Wirtschaft bergab geht! Braucht kein Mensch, solche Vereine...
4.
distel60 01.06.2012
Zitat von brandyandywen störts? Burschenschaftler waren schon zu meinen Studentenzeiten, in den 80ern als faschistoide Saufköppe bekannt. Immer schön protegiert von den Alten Herren hatten sie immer im wahrsten Sinne des Wortes nichts sagende Hübschchens als Freundinnen und frühzeitig nen Wanst vom Saufen und Fressen. An der Uni eher Durchschnitt landeten sie trotzdem in irgendwelchen Kanzleien und auf irgendwelchen Pöstchen - kein Wunder, dass es mit der Wirtschaft bergab geht! Braucht kein Mensch, solche Vereine...
Ich halte ja nun gar nicht viel von Burschenschaften, aber ihr Beitrag klingt geradezu, als ob Sie die Burschenschaftler in höchstem Maße beneiden würden! Hübsche Mädels, viel Party, mäßig schaffen und gut verdienen!
5.
spon-facebook-10000167436 01.06.2012
Die Deutschen Burschenschaften sollten niemals ihre Herkunst vergessen. Das war die liberale Zeit der Vereinigung von Völkern, die Erschaffung von Demokratie, das ist eigentlich ihr Stolzestes Werk das sie stetig vergessen. Gleichheit Brüderlichkeit. Auflösung von Grenzen und dem Wiedererichten eines starken vereinten Europas gleich welcher Kultur, nur die Bildung und brüderlich liberale Einstellung zählt. Wieviel ist davon noch geblieben? Seid ihr noch Brüder?
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Alter Herr/Hohe Dame
Verbindungsmitglied im Berufsleben, finanziert durch seine Beiträge die Aktivitäten der Korporation. Wird auch "Philister" genannt.
Bierkrank
Ausdruck für Studenten, die nicht mehr trinken wollen oder können.
Bierverschiss
Verweis für Teilnehmer einer –> Kneipe.
Bummel
Offizieller Spaziergang durch die Stadt, dabei wird die –> Couleur angelegt.
Conkneipant/Kneipschwanz
Mitglied, das laut Verbindungssatzung eigentlich nicht aufgenommen werden darf, wegen besonderem Interesse oder besonderer Verdienste aber dabei sein soll. Wurde früher auch "Kneipschwanz" genannt.
Couleur
Farben der Verbindung, werden als Band, –> Zipfel oder Mütze getragen.
Fux/Fuchs
Neumitglied im ersten Jahr, Status endet mit der Burschenprüfung.
Kneipe
Traditionelle Studentenfeier mit strengem Ablaufplan, in der festlicheren Variante "Kommers" genannt.
Pauken/Mensur
Studentische Fechtkunst bei schlagenden Verbindungen. Verletzungen im Gesicht sind möglich, die Narben heißen "Schmiss" und waren früher Statussymbole.
Stiftungsfest
Gründungsjubiläum, wird mit festlichem Ball und Kommers gefeiert.
Zipfel
Schmuckanhänger in –> Couleur, tauschen befreundete Bundesbrüder und -schwestern miteinander.
Zirkel
Symbol einer Verbindung, enthält mehrere Buchstaben in ausgeschmückter Handschrift, Abschluss bei aktiven Mitgliedern mit einem Ausrufezeichen.

Fotostrecke
Burschentag in Eisenach: Ehre, Freiheit, Vaterland, Rassismus
Flügelkämpfe in der Deutschen Burschenschaft
Wie Rechtsextreme das Ruder übernahmen
Die Deutsche Burschenschaft ist der älteste und größte Dachverband von rund 120 Mitgliedsbünden. Wie kam es dazu, dass er heute von Rechtsextremen bestimmt wird?
Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.