Von Gregor Peter Schmitz, Cambridge/Massachusetts
Die Klappstühle stehen längst auf dem Harvard Yard bereit, dem Zentrum der Eliteuniversität in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts. Diese Woche werden die frischgebackenen Absolventen auf ihnen sitzen, rote Flaggen wehen bereits rund um den Yard. Veritas steht darauf geschrieben, Wahrheit. Das Uni-Motto.
Als Rednerin tritt bei der Abschlusszeremonie unter anderem CNN-Star Christiane Amanpour auf. Doch die wahren Stars sind die Abgänger, jeder einzelne nimmt sein Diplom feierlich entgegen, es ist ihr ganz großer Auftritt.
Adam Wheeler, 23, eigentlich Mitglied der Class of 2010, der diesjährigen Abschlussklasse, wird seinen Harvard-Auftritt verpassen. Er hat einen anderen: Wenige Blocks weiter in einem kleinen Gerichtsraum, beim Middlesex District Attorney, dem Bezirksstaatsanwalt.
Auch dort geht es um viel und ebenfalls um die Wahrheit. Doch die dürfte für Wheeler wenig angenehm werden - der ehemalige Student ist wegen 20 Vergehen angeklagt, darunter Diebstahl, Betrug und Identitätsschwindel.
Keine Note und kein Empfehlungsschreiben war echt
Wheeler beteuert, nicht schuldig zu sein. Aber die Beweislage ist erdrückend: Die Staatsanwaltschaft hat haarklein zusammengetragen, wie er sich 2007 zum Wechsel nach Harvard bewarb, wie er mit Transkripten belegte, dass er die ehrwürdige Phillips Academy in Andover als High School absolviert und zudem am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Jahr lang perfekte Noten gesammelt hatte.
Auch bei den SAT-Tests, dem amerikanischen Uni-Vorbereitungsexamen, wollte Wheeler 1600 Punkte erzielt haben, den idealen Wert. In den beigefügten Empfehlungsschreiben lobten Professoren ihn als eine Art Genie.
In Wahrheit hatte der Bewerber eine wenig bekannte High School besucht, aus dem kleinen Bowdoin College in Maine war er rausgeflogen, wegen Schummelei. Seine SAT-Werte lagen im Mittelmaß.
Doch in Harvards Zulassungsbüro machte sich niemand die Mühe, Wheelers Lügen genauer zu überprüfen. Stattdessen erhielt der vermeintliche Überflieger einen der begehrten Studienplätze, Hauptfach Englisch. Damit nicht genug: In seinen Harvard-Jahren kassierte er auch noch Stipendien und Fördermittel, rund 45.000 Dollar, darunter zwei Preise für Essays. Die Sieger-Texte, das weiß die Uni mittlerweile, hatte Wheeler aber bequemerweise einfach abgeschrieben.
Genie, Buchautor und Sprecher des Altarmenischen
Die tollkühne Schummelei hätte diese Woche mit dem Auftritt im Harvard Yard enden können - wenn Wheeler nicht größenwahnsinnig geworden wäre. Zu Beginn seines Abschlussjahres vorigen Herbst bewarb sich der Fälscher für ein Rhodes-Stipendium, das wohl begehrteste akademische Stipendium überhaupt. Es schickt amerikanische College-Absolventen zum Graduiertenstudium nach Oxford, nur die Besten und Schlauesten werden überhaupt in Betracht gezogen.
Auf dem Papier gehörte Wheeler dazu - doch natürlich nur, weil er erneut kräftig nachbesserte. Laut seinem Lebenslauf hatte er perfekte Noten in allen Klassen erhalten, nebenbei noch zahlreiche Vorträge gehalten, an Unis von Kanada bis England. Nicht weniger als vier Bücher wollte er mitverfasst haben, selbst Altarmenisch sprach er angeblich.
Ein Professor las sich die imposante Bewerbung durch, ihm kam einer der Projekttexte sehr bekannt vor. Er forschte nach und fand heraus, dass Wheeler diesen einfach von einem Professor kopiert hatte. Nun forschten Uni-Offizielle endlich genauer nach und entdeckten immer mehr Lücken. Die Transkripte waren getürkt, die Bücher und Essays sowieso. Professoren, die ihn angeblich gepriesen hatten, kannten Adam Wheeler teilweise gar nicht.
"Seit Mr. Wheeler in Harvard angefangen hat, hat er ein Leben voller Lügen und Täuschung gelebt", sagt Middlesex-Staatsanwalt John Verner.
Berwerber-Coaching für Edelunis ist ein Millionengeschäft
Immerhin ist der kleine Schummler Wheeler jetzt aber in Amerika eine große Nummer. Schließlich sind die Auswahlprozesse der akademischen Eliteeinrichtungen dort sagenumwoben. Die Zulassung zu einer guten Uni kann in den USA noch immer über Lebenschancen entscheiden.
Wie man das am ehesten anstellt, ist eine boomende Industrie: Auch in Harvards Uni-Buchhandlung stehen gleich an der Kasse Bücher mit den Essays erfolgreicher Bewerber. Pfiffige Tutoren verdienten Millionen Dollar mit dem Uni-Vorbereitungswahn.
Im vorigen Jahr bewarben sich rund 30.000 Studenten auf einen Platz im Harvard College, weniger als sieben Prozent erhielten den Zuschlag. Dutzende Harvard-Mitarbeiter grübeln im Zulassungsbüro monatelang über den nächsten Jahrgang am College, der vierjährigen Grundausbildung. Sie suchen einen möglichst diversen Mix aus gesellschaftlichen Schichten und Ethnien für ihren Campus.
Bewerber mit perfekten Noten fallen kaum auf, die haben die meisten - auch die Kombination Model, Schülerzeitungschefredakteur, Cheerleader und Debattierclubpräsident ist nicht selten.
Dass man so viel Brillanz einfach nur vorspielen könnte, konnte sich niemand recht vorstellen, gerade in Harvard nicht. Die Uni verwendet nicht einmal elektronische Überwachungsprogramme gegen Plagiarismus, wie sie selbst viele High Schools mittlerweile routinemäßig anwenden.
Als er sich in Yale bewarb, stoppten die Eltern den notorischen Lügner
Allerdings hätte es die gar nicht gebraucht, um Wheeler zu entlarven. Der war keineswegs ein begnadeter Fälscher. Er listete Kurse auf, die es in seiner angeblichen High School gar nicht gab. Er gab seine Noten am MIT in Buchstaben an, obwohl die Hochschule ein Zahlensystem verwendete. Seine Empfehlungsschreiben hätten sich mit einem Anruf leicht entlarven lassen können.
Doch niemand rief an. Es reichte wohl, dass der Fälscher stets Original-Briefpapier verwendete.
Der Fall Wheeler zeigt auch, dass dreiste Betrüger besonders gute Chancen bei Einrichtungen haben, an die sich wenige herantrauen. Ähnlich erfolgreich war vorigen November ein Ehepaar aus Washington, das ohne Einladung zum Staatsbankett im Weißen Haus erschien - und prompt Einlass erhielt.
Kein Wunder, dass Wheeler selbst nach seinem Harvard-Fiasko mit dem Schummeln nicht aufhören mochte. Bald schon wurde er an anderer Stelle vorstellig, diesmal in Yale, wieder als möglicher Transferstudent. Laut Bewerbung hatte er natürlich in Harvard nur Bestnoten erhalten.
Doch Offiziellen dort kam seine Bewerbung seltsam vor, sie hakten nach. Wheelers Eltern setzten seiner Yale-Bewerbung ein Ende, sie knöpften sich ihren Sohn vor und verlangten, er dürfe jetzt nicht weiter lügen.
Nun wartet der Schummel-Bewerber auf seinen Prozess. Das Gericht in Cambridge hat ihn vorerst auf Kaution freigelassen. Unter einer Bedingung: Wheeler darf sich den einschlägigen Eliteunis vorerst nicht mehr nähern.
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