Von Lukas Eberle
Seine Tasche, die sieht immer noch so aus, als wäre er gerade auf dem Weg zum Training. Sie ist groß und unhandlich, mit einem Extrafach für dreckige Kickstiefel. Jetzt verlieren sich ein paar Unterlagen darin und Schreibzeug. Und die Sportklamotten, die Tobias Rau an diesem Freitagmorgen für den Kurs "Bewegung und Tanz" brauchte.
Ein Rucksack würde es auch tun. Doch die Tasche ist mehr, sie ist das Souvenir aus einem anderen Leben, einem Leben, in dem Rau sie beinahe täglich auf sein breites Kreuz lud, über viele Jahre hinweg. Immer ist sie schwer gewesen, es musste dort alles für mehrere Trainingsstunden hinein. Jetzt ist die Tasche leicht.
Tobias Rau galt als eines der großen Talente im deutschen Profi-Fußball. Sieben Länderspiele hat er absolviert, er kickte in der ersten Liga für den FC Bayern München, für Wolfsburg und Biele-feld. Mit den Bayern wurde er deutscher Meister und Pokalsieger und spielte in der Champions League.
"Wir hatten so viel Freiheit"
Im besten Fußballeralter, mit 27, hat Rau letzten Sommer seine Profi-Karriere über Nacht beendet. Obwohl er fit war wie selten. Obwohl er von sich glaubte, noch erfolgreich sein zu können, vielleicht auch wieder in der Nationalmannschaft.
Während er Tag für Tag über den Rasen sprintete, den Ball trat, Tore schoss, hatte Raus Freundin Elsa begonnen, Geschichte und Deutsch auf Lehramt zu studieren. Bald bestand der Freundeskreis des Paares zum Großteil aus Studenten. Und das Leben, das Tobias Rau sah, verlockte ihn. "Wir hatten so viel Freiheit", sagt Elsa. "Wir lebten selbstverantwortlich. Tobias war dagegen immer sehr eingebunden im Fußball und hatte seinen Trainer im Rücken."
Langsam dämmerte Rau, dass Elsas Leben das bessere war - und dass es auch seines werden könnte. Er beschloss, nach dem Fußball an die Uni zu gehen. Eine zweite Karriere im Sport, erst Trainerschein, dann Trainerbank, kam für ihn nicht in Frage. Das war ihm in neun Profi-Jahren klargeworden. "Das Fußballgeschäft", sagt Rau, "ist ein Monatsgeschäft. Fast sogar ein Wochengeschäft. Es geht ratzfatz, dann fliegst du aus deinem Verein. Da habe ich einen anderen Lebensentwurf."
Jetzt lebt er ihn. Seit zwei Monaten ist er Bachelorstudent der Sportwissenschaft. Im Nebenfach studiert er Erziehungswissenschaften. Später will er noch Chemie belegen.
"Ich will hier ein Student wie jeder andere sein"
Die meisten seiner Kommilitonen wissen bereits, wer da neben ihnen im Vorlesungssaal hockt. Der Fußballclub Arminia Bielefeld, bei dem Rau die letzten vier Jahre in der ersten Liga gespielt hat, ist die bekannteste Marke der Stadt. Das Stadion liegt nur zwei Kilometer von der Universität entfernt. Im Büro der Sportfachschaft hängt die große, schwarzweißblaue Fahne der Arminia. Doch nicht einmal ein Anflug von Wehmut packt Tobias Rau bei ihrem Anblick - er hat seine Metamorphose ins neue Leben offenbar rückstandslos durchlaufen. "Ich will hier ein Student wie jeder andere sein", sagt er.
Die Bielefelder Hochschule ist eine echte Campus-Uni, der Bau wie eine kleine Stadt in sich. Es gibt eine Bank, eine Post, ein Zeitschriftengeschäft und einen Obstladen. Die Wege sind kurz, alles ist überschaubar. Heimelig geradezu: Die Sportstudenten duzen die meisten ihrer Dozenten.
Im Hörsaal II muss Rau sich seine Riesentasche zwischen die Beine quetschen. Er ist froh, überhaupt zu sitzen. 140 Studenten sind gekommen, viele müssen auf Treppenstufen hocken, auf dem Boden, während es vorn um Didaktik und Methodik im Schulsport geht, also um das, was guten Unterricht ausmacht.
Freundin Elsa will auch hören, was Tobias von seinem Leben erzählt
"Reversibilität" steht an der Tafel. Die Dozentin tippt mit dem Finger immer wieder darauf, als handele es sich um eine goldene Regel der Sportpädagogik. "Im Sportunterricht müssen Sie flexibel sein", erklärt sie. "Trauen Sie sich, auch mal Ihr Konzept und Ihren Zeitplan komplett umzuwerfen." Das passt: Wenn es Reversibilität ist, die einen guten Sportlehrer ausmacht, wird Rau keine Probleme haben im Job - mit Umsturz, Wende und Neuanfang kennt er sich schließlich bestens aus.
Um seine 28 Semesterwochenstunden zu füllen, hat sich Rau drei Praxiskurse herausgesucht, dazu Vorlesungen in Sportmedizin, -psychologie und -pädagogik sowie einige Seminare. Im Frühjahr wird er für vier Wochen ein Praktikum an einer Schule machen. "Es kommt viel auf mich zu", sagt Rau. "Aber ich wollte das auch so."
Nach der Vorlesung verabschiedet sich Tobias von drei Kommilitonen. Nicht mit einem gewöhnlichen Händeschütteln, sondern mit einem Handschlag unter Kumpels, bei dem man Daumen in Daumen hakt und sich auf die Schulter klopft.
Dann setzt sich Rau in die Cafeteria, Elsa kommt dazu, sie will auch hören, was er über sein neues Leben erzählt.
Gleich zu Beginn, sagt er, habe er bemerkt, dass die "Atmosphäre unter den Sportstudenten ganz besonders ist". Es begeistert ihn, wie locker und freundschaftlich es zugeht. Teamgeist und Gemeinschaft, das waren für ihn bisher Funktionen von Ehrgeiz und Leistung - selten Folge echter Freundschaft.
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