Als ich am Tag meiner ersten Klausur morgens das Hörsaalgebäude betrat, war ich fast gar nicht aufgeregt. Ich hatte mich vernünftig vorbereitet und gut geschlafen - eine 90-minütige Klausur wie in der Schule, was sollte da schon schiefgehen?
Um Punkt 10 Uhr wurden die Türen des Hörsaals geöffnet und meine Kommilitonen und ich drängten hinein. Kaum hatte jeder einen Platz, wurde uns erklärt: Der erste Teil der Klausur beziehe sich auf die Vorlesung über "Das politische System der Bundesrepublik", der zweite Teil sei ein Essay zu einem Seminar-Thema. Da wir auf sieben Seminare mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufgeteilt waren, gab es sieben verschiedene Klausuren.
Auf dem Podium, wo sonst der Professor doziert, hatten sich schon die Seminarleiter versammelt. Bei ihnen mussten wir die Angaben abholen und mit Personal- und Studentenausweis unsere Identität bestätigen. Am anderen Ende des Podiums gab es das gestempelte Papier. Das war ein rechtes Kuddelmuddel und es dauerte eine Viertelstunde, bis alle mit den richtigen Zetteln ausgestattet waren. Und ich ließ mich von der allgemeinen Hektik anstecken.
Nach der Prüfung ist vor der Prüfung
Was waren noch gleich die Reservekompetenzen des Bundespräsidenten? Bei der ersten Frage stockte ich kurz, doch dann kam ich in Schwung: Nach einer gescheiterten Vertrauensfrage oder wenn der Kanzler nur mit relativer Mehrheit gewählt wird, kann der Präsident den Bundestag auflösen. Und im Falle des Gesetzgebungsnotstands kann er für kurze Zeit Beschlüsse des Bundesrats auch ohne das Parlament in Kraft setzen.
Mit den anderen Fragen kam ich gut zurecht und am Ende musste ich noch die "Mediokratie-These" erörtern, die besagt, dass die Medien über die Politik herrschen würden. Dann war meine erste Klausur an der Uni vorbei, und ich war erleichtert, dass sie trotz Anfangschaos ganz gut gelaufen war.
Bei den nächsten Klausuren wird die anfängliche Hektik zur Routine, hoffe ich. Schließlich gilt im Moment: Nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Erst beschäftige ich mich mit politischen Theorien von Jürgen Habermas bis Max Weber. Und in der nächsten Klausur geht es um die Veränderungen des Wohlfahrtsstaats durch die Globalisierung.
Den Großteil der Themen finde ich spannend, das macht das Lernen einfacher. Wenn es doch mal um stures Auswendiglernen geht, verlasse ich mich auf die Atmosphäre in der Politik-Bibliothek: Zur Prüfungszeit ist sie immer gut gefüllt und wenn ich meine Kommilitonen konzentriert lernen sehe, motiviert mich das sofort.
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