Erstsemester: Wie Hochschulen die Frischlinge bespaßen

Von Matthias Lauerer

Früher begrüßte der Rektor die Erstsemester mit warmen Worten im größten Hörsaal - Erinnerungswert gleich Null. Heute laden deutsche Hochschulen ihre neuen Studenten zum Studienstart ins Fußballstadion, zur Spreefahrt oder gleich aufs Volksfest. UniSPIEGEL zeigt Aktionen für Anfänger.

Studienstart 09: Fußball, Spreefahrt, Leberkäs Fotos
Susann Rutscher

Es ist ein regnerischer Montagmorgen vor dem Dortmunder Fußballstadion. Ein paar sattgelbe Herbstblätter tanzen durch die Luft, als kurz vor zehn Uhr fast 3500 mehrheitlich schwarz gekleidete Studenten durch den Nieselregen auf die Eingänge zustreben. Der Grund: Die TU Dortmund lädt ihre Erstsemester heute zur Begrüßungsfeier ins Stadion.

80.552 Menschen passen in die Arena, doch heute sind nur die Tribünen 71, 72 und 73 mit akademischem Nachwuchs vollbesetzt. Unten halten die Honoratioren von Stadt und Uni ernste Reden. Der Moderator motiviert die bibbernden Studenten mit "La Ola". Die Welle rollt recht fein über die drei Blöcke.

Doch erst als Ex-BVB-Profi Lars Ricken, Champions-League-Held des Jahres 1997, die Kneipen im Dortmunder Kreuzviertel empfiehlt, tauen die Erstsemester auf. Und richtig warm wird ihnen ihnen ein paar Minuten später beim Versprechen von je einer Karte für kommende BVB-Derbys - sie pfeifen, johlen und klatschen laut. Während Ricken spricht, segeln Papierflieger über der Nordtribüne.

Tobias, 19, sitzt weit oben auf einem kalten Hartschalensitz aus Plastik. Er wohnt noch in Bochum, studiert im ersten Semester Wirtschaftsingenieurwesen und freut sich "besonders auf das Studentenleben". Grinsend lässt Tobias seinen Papierflieger segeln. Noch kommt die "Kohle von Mama und Papa", aber schon bald will der Dortmunder Studienanfänger mit den Sommersprossen in Bochums Partymeile, dem Bermudadreieck zwischen Südring und Konrad-Adenauer-Platz, kellnern.

Die neue Stadt anmalen - von oben bis unten

Eine ganz andere Atmosphäre erlebte die Studentin Franziska Marten, 22, Anfang Oktober in Lüneburg. An ihrer Hochschule, der Leuphana Universität, machten sich die gut 1200 Studienanfänger mit 38 weltbekannten Streetart-Künstlern auf, um das Stadtbild zu verändern.

An 30 Orten verschönerten Neuankömmlinge und Künstler gemeinsam Flächen und fade Hauswände der mittelalterlichen 72.000-Einwohner-Stadt. Kunstwerke entstanden unter dem Begriff "Art Totale". Und so prangen nun etwa ein 16 Meter hoher Graffiti-Elefant, riesige Fahrräder und eine Zehn-Meter-Welle an einer Häuserwand der Hansestadt. Die Erstsemester drehten über das Malen, Sprayen und Zeichnen kurze Videos.

"Team 83", hinter dem Franziska Schmidt, 18, und Franziska Marten, 22, stecken, gewann mit drei weiteren Lüneburger Beginnern den Video-Wettbewerb. Ihr Preis: je zwei Karten für die kommende "Berlinale" in Berlin. Deren Chef Dieter Kosslick gab die Gewinner per Online-Preisverleihung bekannt. Marten freut sich auf ihr Studium der Umweltwissenschaft und sagt über ihre Uni: "Man fühlt sich einfach gut aufgehoben." Zuvor studierte sie Soziologie in Kassel und erfuhr dort, wie es sein kann, wenn man an einer Massenuni "ziemlich verloren" ist.

Drei Stunden zu Fuß durch die Stadt

Daniel Fischer, 24, verschlug es nach Pforzheim nahe Karlsruhe am Rand des Schwarzwalds. Seit Ende September studiert er Markt- und Kommunikationsforschung in Süddeutschland. Wenn man ihn auf den ersten Uni-Tag anspricht, lacht er kurz. "Wir durften auf den Spuren des 'Goldstadtwalks' unsere neue Stadt erkunden." In 19 Kleingruppen zogen die Neuen los. "Ein Künstler zeigte uns die Stadt aus seiner Perspektive. Und beim Bürgermeisterempfang gab es Schokoriegel und Saft."

Den freiwilligen Einstellungstest der Fachhochschule bestand Fischer mit der Note "sehr gut", bis auf sein "schwäbisches Deutsch" gefiel er den Prüfern. "Ich fühle mich hier superwohl", sagt er. Und das, obwohl er nicht in die Stadt ziehen wollte. Doch wegen des dichten Stundenplans in seinem Bachelor-Studium war Pendeln bei Fahrzeiten von 45 Minuten zur Hochschule nicht möglich.

Auch Studienanfänger privater Hochschulen werden verwöhnt. Der Besuch der Berliner SRH Hochschule kostet Sonja Maier im Monat 700 Euro. Dort lässt sie sich im Kommunikationsmanagement ausbilden. In der Einführungswoche bietet die private Uni Maier und den 109 anderen Neuen ein strammes Programm. Ein Highlight: die private Führung in der Kleingruppe durch den Bundestag.

Frischlinge auf dem Volksfest

Bei acht Grad und Nieselregen ging es ins ehemalige Reichstagsgebäude. Mit leichtem Timbre in der Stimme erinnert sich die Studentin an die zwei Stunden: "Man ist der Geschichte so nahe." Anschließend schipperte die Gruppe 90 Minuten an Bord des Ausflugsdampfer "Schöneberg" über die Spree. Maier und Kommilitonen schauten sich die Silhouette der Millionenstadt von Wasser aus an und spannten aus, vor dem Studienstart.

Die Stuttgarter Hochschule der Medien lud ihre Erstsemester eine Woche vor Semesterbeginn zum Cannstatter Wasen, Deutschlands zweitgrößtem Volksfest. Gut 200 Anfänger nahmen das abendliche Angebot an, mitten unter ihnen auch Boris Schließmann, 23: "Für jeden von uns gab es am Bahnhof zum Vorglühen erst einmal einen billigen Wodka."

Danach ging es weiter ins warme Festzelt. Bis nach 23 Uhr blieb die Studentengruppe, sang laut zu Musik der Liveband Karnevalslieder und tanzte auf den Tischen. Mediengestalter Schließmann ließ es vorsichtig angehen und begnügte sich mit "zwei Maß Bier". Sein Urteil über den Abend: "Das war eine super Idee, und mit den fast 20 Studenten, die bei uns am Tisch saßen, habe ich jetzt immer zu tun."

Dinieren, Laufen, Tragen

Auch in anderen Städten überhäufen Unis und Hochschulen die Neuankömmlinge mit jeder Menge Nettigkeiten. Passau schneidet seit 1978 vegetarierunfreundlich zünftig dampfenden Leberkäse für rund 2500 Studenten an. Weil das Kürzel "Erstis" den Passauern noch nicht albern genug klingt, spricht man dort von "Quietschies", und die bekommen am Mittwoch in der Mensa bayerische Brotzeit inklusive Freigetränk.

Feierlicher geht es an der Universität Marburg zu. Dort serviert man am Anfang November für alle Neuen ein "dreigängiges Überraschungsdinner". Beim Essen legt Essen noch eine Schippe drauf, das Studentenwerk wirbt mit einem "4-Gang-Candlelight-Dinner" für Uni-Frischlinge. Gereicht wird ein "Carpaccio von geräucherter Entenbrust an Salatbouquet mit Orangen-Brombeer-Dressing" und "Tournedos vom Rinderfilet auf Trüffeljus mit Karottenpüree und Thymianpolenta". Oh, là, là! Erfurt gibt seinen Erstis die "Student map" an die Hand. Die will das Irrlichtern durch die "Erfordia turrita", lateinisch für das türmereiche Erfurt, verhindern - ein Beiname, den der durch die Gassen irrende Martin Luther im 16. Jahrhundert erfand.

An der Karlsruher Uni, hier am "Institute of Technology", denkt man lieber praktisch: 4200 Erstsemester erhalten graue Rucksäcke geschenkt, darin Blöcke, Stifte, ein USB-Stick sowie der "Erstsemester Guide to KIT". Und Süßigkeiten. Damit der süße Zauber, der jedem Anfang innewohnt, nicht schnell vergeht.

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