Studienanfänger-Tagebuch: Endlich kein Ersti mehr

3. Teil: Larissa entdeckt das Unileben - Freunde sind wichtiger als Seminare

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Patrick Leibach

Neues Semester, neue Profs, neuer Stundenplan - aber irgendwie immer noch Ersti. So lässt sich der Beginn meines zweiten Semesters am besten beschreiben.

Eigentlich konnte ich das Sommersemester ganz entspannt angehen, schließlich komme ich gerade erst aus Finnland zurück, wo ich einen Freund besuchte und stundenlang in der Sauna saß. Doch mein Gefühl bei der Rückfahrt ins Schwabenland ist mulmiger als gedacht. Der Grund heißt Roland und ist mein neuer Mitbewohner.

In den Semesterferien hat sich in meiner Tübinger Dreier-WG einiges getan: Meine Mitbewohnerin Lena ist ausgezogen, und Lehramtsstudent Roland hat ihr Zimmer übernommen. Da meine vorlesungsfreien Tage ziemlich verplant waren, blieb kaum Zeit, jemand Neues zu suchen. Also hat sich die Hausverwaltung darum gekümmert, und ich lernte Roland nur bei einem dreiminütigen Telefonat kennen: "Hallo. I beh de Roland, middlgroß, gang gära schwämma und koch vieh." ("Hallo, ich bin der Roland, mittelgroß, schwimme gerne und koche viel.")

Zum ersten Mal trafen wir uns vor dem Aufzug. Dass wir ab jetzt zusammen wohnen, bemerkten wir, als wir im vierten Stock vor derselben Haustür standen. Ich habe mir auf der Rückfahrt nach Tübingen umsonst Gedanken gemacht: Mit Roland lässt es sich gut leben, auch wenn wir uns an sein Oberschwäbisch noch gewöhnen müssen.

Mein Opa fragt: Studierst du überhaupt noch?

Meine Stundenplan-Bastelstunde fiel dieses Semester kürzer aus. Während ich im Oktober noch froh war, meine Vorlesungen und Seminare überhaupt irgendwie in eine Woche packen zu können, sind die Ansprüche gestiegen: Denn als "Zweiti" habe ich meine Veranstaltungen an den Stundenplan meiner Freunde angepasst und das Sportprogramm - die Öffnungszeiten der Schwimmhalle und den Kraul-Workshop - mit eingeplant.

Neben dem üblichen Pflichtprogramm scheinen sich Zweitis auch mehr zu trauen: Die Diskussionen im Freundeskreis drehen sich nun darum, wer was zusätzlich macht. Eine Fremdsprache? Das Online-Seminar "Virtuelle Rhetorik"? Karriere-Coaching für Frauen?

Ich habe mich für Improvisationstheater und ein Buchprojekt zum Thema "Inszenierung in der Politik" angemeldet. Für meine Mama der eindeutige Beweis, dass sich die Tochter "super gut in der neuen Heimat eingelebt hat", wie sie meinen Verwandten erzählt. Nur mein Opa ist skeptisch: Er fragte mich, ob ich überhaupt noch studiere.

Ganz Unrecht hat er nicht. Denn in den ersten zwei Wochen musste die Uni kürzer treten, die Freunde hatten Vorrang: Kinoabend bei den spanischen Filmtagen, Essen beim Mexikaner, Cocktails trinken oder auf dem Balkon in der Sonne sitzen.

Von der Krabbeldecke in den Laufstall

Es ist zwar gut zu wissen, dass irgendwo in Tübingen auch ein paar neue unerfahrene Erstis rumlaufen. Spätestens beim Verlängern des Studentenausweises merkte ich, dass auch ich irgendwie noch Ersti bin: Denn ich stand morgens um zehn Uhr mit einer Horde anderer Zweitis vorm Automaten und wartete eine halbe Stunde darauf, dass der meinen Ausweis aktualisiert. Ich nahm mir fest vor, das nächstes Semester entweder morgens um acht oder abends um zehn zu erledigen. Jeder ältere Student wäre beim Anblick der Schlange wohl gegangen. Doch ich wollte das jetzt durchziehen, um endlich das Gefühl zu haben, im zweiten Semester angekommen zu sein.

In den Augen der höheren Semester sind alle Zweitis sowieso immer noch Erstis, die es von der Krabbeldecke in den Laufstall geschafft haben. Nächste Stufe: Dritti! Denn als Student im dritten Semester weiß man definitiv Bescheid, und als Fünfti hat man den Bachelor fast geschafft.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Alles richtig gemacht?
flavour 24.05.2012
Ich verfolge die Serie von Anfang an und muss sagen die drei Studenten haben einen ganz entscheidenen Fehler gemacht. Klar erleben sie alle drei zur Zeit die geilstenJahre im Leben, reisen hier hin, besuchen Freunde da, grillen am See usw. Ein Studium an sich ist eben schon eine Bereicherung an sich. Aber der größte Fehler ist die Wahl des Studienfaches. Larissa: wirds ganz schwer haben mit ihrem Studium, wird wohl hauptsächlich Hausfrau und Mutter werden. Irgendwo dann noch einen halbtags Job machen. Fabienne: Hat den Fehler gemacht nicht auf Pfarrer zu studieren, die wird auch nichts finden aber Papi ist ja Arzt. Mark: wird freelancer bei einer Zeitung, mit unsicherer Auftragslage Ich selber habe was studiert was sehr gebraucht wurde (Agrarwirtschaft) und bin sehr glücklich. Bei mir im Studium gab es eine Übernahmeqoute von 100%.
2. Schaffen gehen
dorpf 24.05.2012
Was sind denn das für Langweiler. Erleben die auch was oder warum werden hier ausschließlich Belanglosigkeiten beschrieben? Vielleicht sollten die drei mal anfangen, insbesondere die Larissa, schaffen zu gehen um ein bissle Praxis in der Arbeitswelt zu sammeln. Gerade bei den gewählten Studiengängen absolut notwendig. Ansonsten droht die Arbeitslosigkeit oder ein Hilfsjob an der Uni (30%-Stelle). Evtl. ergeben sich dadurch auch interessantere Erlebnise und Berichte...
3. Oh jeee..
Racom 11.06.2012
Nach der ersten Seite habe ich den "Artikel" nur noch so überflogen. Hier und da hab ich noch die Sache mit der Sauna aufgeschnappt, dann noch die Kirschbäume und die vielen Reisen... Das ist ja alles wunderschön! Nur leider bildet es nicht den normalen Alltag eines Studenten ab. Sie alle studieren offenbar Fächer, die es einem ermöglichen, einen gewissen Lebensstil zu führen, den ich als Luxus empfinde. Reisen, Entspannung in der Sauna.. Studieren Sie? Fragen Sie mal einen Chemie oder Biologie-Studenten, ob er Zeit für solche Dinge hat.. Die meisten Studenten quälen sich mit Stress und haben alles andere, als Freizeit. Nicht mal in den sog. Semesterferien, wo an vielen Unis in vielen Fächern ein regelrechter Klausurmarathon stattfindet.. Beim Lesen Ihrer Serie beschleicht bis das Gefühl, sie handelten im Auftrag, die neuen Bachelor-Studiengänge als eine dufte Sache darzustellen! Uni-Psychologen melden immer mehr Burnout-Studenten: Menschen, die in jungen Jahren völlig kaputt sind und dem Druck nicht mehr standhalten können. Tablettenabhängigkeiten oder Drogen stehen an der Tagesordnung. Was soll hier im "Artikel" diese völlig einseitige Darstellungsweise? Warum glauben Sie, ist es so, dass keine Studenten, die ein anstrengendes Studium haben, bei Ihrer Serie mitmachen? Keine Lust oder absolut keine Zeit? Ich selbst habe beruflich mit der Uni zu tun und kenne mehrere Fälle von Studenten mit Medikamentenmissbrauch, Burnout und Depressionen aufgrund der großen Belastung in ihren Studiengängen. Sie haben keine Anwesenheitspflicht? Schön für Sie! Fragen Sie da mal einen Studenten eines anderen Fachs. Da kommen manchmal 12 Stunden Uni am Tag zusammen! Fünf Hausarbeiten und Referate müssen zu erledigen? Sie ärmste.. Was sollen andere sagen, die jede Woche zwei 20-Seiten-Protokolle zu ihren Versuchen (Physik, Chemie, Biologie usw.) schreiben müssen? Glauben Sie nicht? Das glaub ich Ihnen! Willkommen in der echten Welt der meisten Studenten... Ich denke, man muss Ihnen die Daumen nicht dafür drücken, dass Sie erfolgreich sind. Das sind Sie im gewissen Sinne schon jetzt, ohne Studium, denn Sie alle haben ja bekanntlich eine Stelle beim Spiegel inne. Vielleicht kommt Ihnen da ein Studium mit nicht allzu großen Verpflichtungen und schon gar keinen Belsatungen gerade richtig. Aber schreiben Sie dann bitte nicht noch darüber, denn Ihre Erlebnisse sind nicht die des normalen Studenten, und erst recht sind sie nicht erzählenswert. Ihre Schilderungen verhelfen denjenigen, die glauben, dass Studenten ein schönes Lottaleben führen, zu argumenten. Vielen Dank.
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  • Patrick Leibach
    Larissa Rohr, 19, kommt aus Frankweiler in Rheinland-Pfalz und studiert seit Oktober Politik- und Medienwissenschaften in Tübingen.
  • Brian Bailey
    Fabienne Kinzelmann, 19, schwor sich: nie Arzt wie Papa. Nach ihrem Abitur in Stuttgart studiert sie in Dresden Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext.
  • Marius Brede
    Marc Becker, 20, studiert nach seinem Abi in Kassel seit Oktober in Marburg Politikwissenschaft. Später will er vielleicht mal als Journalist arbeiten. Oder bei einer NGO.
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