Uni-Demokratie in England: University of London schafft Studentenvertretung ab

Unsanft gegen Gebühren: Studenten demonstrieren vor dem Gebäude der ULU (Archivbild) Zur Großansicht
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Unsanft gegen Gebühren: Studenten demonstrieren vor dem Gebäude der ULU (Archivbild)

Die University of London schafft bald die formal größte Studentenvertretung Europas ab - und erntet dafür sowohl große Proteste als auch Zustimmung. Kritiker sprechen von einer Gefahr für die Demokratie. Die ULU kündigt an, ihre Zentrale notfalls zu besetzen.

Die University of London Union (ULU) ist mit mehr als 120.000 Studenten die größte Studentenvertretung Europas. Zumindest formal, denn wer an der University of London studiert, ist automatisch Mitglied der Studentenvertretung. Zur University of London gehören 19 Colleges und zehn Forschungsinstitutionen. Hauptaugenmerk der ULU ist einerseits die Organisation von Sport- und Freizeitaktivitäten für Studenten, aber auf der Kampf gegen die hohen Studiengebühren und für bessere Wohn- und Studienbedingungen in der britischen Hauptstadt.

Ende Juli 2014 soll nun Schluss mit der ULU sein, teilte die University of London vergangene Woche mit. Spätestens dann soll die ULU auch ihr siebenstöckiges Hauptgebäude in der Londoner City verlieren. In einem Bericht an den Rat der Mitgliedshochschulen der University of London führt der stellvertretenden Chef der Universität hohe Kosten und Organisationsmängel als Kritikpunkte an. Ein Gutachten hatte ergeben, dass die Strukturen der 1921 gegründeten Vertretung veraltet und unwirtschaftlich seien. Zudem organisierten sich viele Studentenvertretungen der einzelnen Colleges mittlerweile unabhängig von der ULU.

Auch ULU-Präsident Michael Chessum räumte in einer Pressemitteilung ein, es bestehe dringender Reformbedarf. Dennoch bezeichnet er die Abschaffung der Studentenvertretung durch die Uni-Leitung als rechtswidrig und als eine Gefahr für die Demokratie. Der Vizepräsident der ULU, Daniel Cooper, befürchtet die Abschaffung weiterer Studentenvertretungen im Land.

Noch am Tag bevor ihre Abschaffung verkündet wurde, hatten einige Mandatsträger das Ende der ULU in einem offenen Brief im "Guardian" als einen gefährlichen Präzedenzfall und als Angriff auf demokratische Vertretungsstrukturen bezeichnet.

"Von demokratischen Verhältnissen kann bei der ULU keine Rede sein"

Es gibt allerdings auch Studenten, die von der ULU wenig halten. In einem Blog-Eintrag begrüßte Victoria Monro, Studentin am University College London, die Entscheidung, die ULU zu beerdigen. In der Studentenvertretung herrschten keine demokratischen Verhältnisse, die ULU sei ein "sozialistischer Haufen", der die Union für seine Zwecke missbrauche.

Tatsächlich hat die Union seit geraumer Zeit ein Legitimationsproblem. Die Beteiligung zur Wahl der Studentenvertretung hatte zuletzt zwei Prozent nicht überschritten. Die Wahlbeteiligung für lokale Studentenvertretungen erreicht in der Regel dagegen 15 bis 25 Prozent. Das Budget der ULU, das die Hochschule finanziert, beläuft sich pro Jahr auf 800.000 Pfund, umgerechnet fast 950.000 Euro. Laut ULU gehe das meiste Geld allerdings in Form von Mieten an die Universität zurück.

Die Uni will das Hauptgebäude nach dem Auszug der ULU im Sommer 2014 in ein "Student Services Centre" umwandeln und die bisherigen Angebote wie Arbeitsräume und Schwimmbad erhalten. Damit wollen sich Chessum und Cooper allerdings nicht abfinden und kündigen Widerstand an. Eventuelle Besetzungen des Gebäudes sind schon in Planung. Präsident Chessum ist sich sicher: "Der Kampf ist noch nicht zu Ende."

juj

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Alternativen?
zorr0 07.05.2013
Ähnlich sieht an deutschen Unis doch auch aus. Ist eine Studentenvertretung, die mit einer Beteiligung von maximal 5% gewählt wird noch legitim? Ich habe zusehens den Eindruck, dass sich der AStA an manchen Hochschulen nur noch für ein Sprachrohr für linksextreme Studenten/Organisationen ist. Als Vertretung für die allgemeine Studentenschaft nehme ich den AStA schon lange nicht mehr wahr. Hier muss meiner Meinung nach auch in Deutschland gehandelt werden, was nicht heißen soll, dass Studentenvertretungen abgeschafft werden sollten.
2.
zazzel 08.05.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDie University of London schafft bald die formal größte Studentenvertretung Europas ab - und erntet dafür sowohl große Proteste, als auch Zustimmung. Kritiker sprechen von einer Gefahr für die Demokratie. Die ULU kündigt an, ihre Zentrale notfalls zu besetzen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/europas-groesste-studentenvertretung-soll-abgeschafft-werden-a-898581.html
Klassischer Facepalm. "Beschwer Dich nicht, dass wir Dir so viel Geld abnehmen. Damit bezahlen wir schließlich die Miete in Deinem Haus!" Wow, das sollte ich als Mieter mit meinem Vermieter auch mal ausmachen. UND mich dann beschweren. Immerhin: gut zu wissen, dass die Studentenvertretungen in London auch nicht besser sind als hier. Hier musste sich ein Professor öffentlich anschwärzen lassen, weil einer seiner (erwachsenen) Studenten in seiner Anwesenheit eigenmächtig ein Wahlplakat einer linksextremistischen Gruppe abgerissen hat. Die Lokalzeitung berichtete groß darüber, erwähnte aber nicht, dass die laut Zeitungstext "spätabends arbeitenden AStA-Mitglieder" laut diversen Zeugenaussagen "kiffend auf dem Sofa sitzen" als Arbeit definierten.
3. Leider
ernstl1704 08.05.2013
zeigt sich hier auch das verschobene Selbstverständnis vieler Studenten. Eine Uni ist Heute ein Dienstleister und der Studierende ist der Kunde. Ein Kunde beteiligt sich natürlich nicht an der demokratischen Verwaltung des Dienstleisters. Leider glaubt der Kunde Studierender aber auch in vielen Fällen, das Kunden ja nichts leisten müssen, sondern von der Hochschule geliefert bekommt (Scheine, Wissen, Examen usw..) Engagement ist ein Fremdwort, was zählt ist individuelle Optimierung (von was auch immer, im Zweifel wenn einem nichts besseres einfällt, nehmen wir halt Einkommen und Geld). Ich bin mal gespannt ob auch die Demokratie in der Staatsführung abgeschafft wird, wenn wir eine best. Wahlbeteiligung unterschreiten. Was soll das schließlich noch wenn keiner mehr wählt? Dolles Argument!
4. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 08.05.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDie University of London schafft bald die formal größte Studentenvertretung Europas ab - und erntet dafür sowohl große Proteste, als auch Zustimmung. Kritiker sprechen von einer Gefahr für die Demokratie. Die ULU kündigt an, ihre Zentrale notfalls zu besetzen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/europas-groesste-studentenvertretung-soll-abgeschafft-werden-a-898581.html
Haben die denn gar nix aus dem Bergarbeiterstreik gelernt?
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