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Evolutionsdebatte: CDU-Politiker Althaus bietet Kreationisten ein Forum

Darwins Evolutionslehre contra biblische Schöpfung - der erbitterte Kulturkampf in den USA erreicht Deutschland. Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus plant eine Veranstaltung, bei der auch ein umstrittener Biologe auftreten soll.

Naturforscher Darwin: Hassfigur für bibeltreue US-Christen
AP

Naturforscher Darwin: Hassfigur für bibeltreue US-Christen

Die Debatte ist alt. Es geht um Gott und die Welt - im wörtlichen Sinne: Ist die Evolution verlaufen, wie von Darwin beschrieben? Oder stand am Anfang nicht der Urknall, sondern ein höheres Wesen, das Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen hat? Kreationisten werden die Verfechter der letztgenannten Theorie genannt. In den USA kämpfen sie seit Jahren darum, die Darwinsche Lehre aus den Schulbüchern zu verbannen oder wenigstens die biblische Schöpfungsgeschichte als gleichwertig zu lehren - im Biologieunterricht, nicht etwa in Religion, denn dieses Fach gibt es an öffentlichen Schulen der USA nicht.

Dort ist der Streit "Darwin versus Bibel" längst ein erbitterter Kulturkampf, was man in deutschen Wissenschaftlerkreisen überwiegend verblüfft oder amüsiert zur Kenntnis nimmt. Ernsthaft beschäftigen sich deutsche Forscher bislang kaum mit den Forderungen der Kreationisten.

Nun aber bietet Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) ihnen ein Forum. Althaus, der bis 1989 als Lehrer für Physik und Mathematik gearbeitet hat, plant eine Veranstaltung der Reihe "Erfurter Dialog", bei der Kreationisten und Evolutionsforscher über die verschiedenen Ansätze diskutieren sollen. Dazu gebe es schließlich "kein abgeschlossenes wissenschaftliches Konzept", erklärte Althaus im Magazin "Stern". Der amtierende Ministerpräsident will zum Forum auch Siegfried Scherer einladen. Der Münchner Mikrobiologe war zuletzt in die Schlagzeilen geraten, als er vor drei Jahren mit dem Schulbuch "Evolution - ein kritisches Lehrbuch" den deutschen Schulbuchpreis gewann, der seit 1990 vom einem Kuratorium vergeben wird und Werke auszeichnen soll, die "Ehrfurcht vor Gott" vermitteln.

Spaghettimonster als Schöpfer

Der Wissenschaftler ist mit seinen Ansichten in der Fachwelt jedoch umstritten. Im Vorwort des prämierten Schulbuchs hieß es in der ersten Auflage von 1986: "Diese Arbeit ist der erste Versuch im deutschen Sprachraum, den in der Schule gebrauchten Argumenten für Evolution eine auf der Schöpfungslehre beruhende Gegenposition beizugeben." Scherer werden Verbindungen zu amerikanischen Instituten nachgesagt, die die moderne Evolutionstheorie bekämpfen - und von Präsident Bush prominente Rückendeckung erfahren.

Ministerpräsident Althaus: Plant Forum für Evolutionskritiker
DPA

Ministerpräsident Althaus: Plant Forum für Evolutionskritiker

Denn Bush unterstützt die Lehre des sogenannten "Intelligent Design" (ID), eine akademische Variante des Kreationismus mit Theorie-Überbau. Demnach seien die Organismen und Kreisläufe des Lebens zu komplex, um sich in den Jahrmillionen der Evolution entwickelt zu haben. Die bibeltreuen Evolutionskritiker vermuten dahinter eine übernatürliche Intelligenz, einen Bauplan des Lebens für die Entwicklung der Arten.

Im US-Bundesstaat Kansas hatte die Schulbehörde bereits Anfang des Jahres entschieden, auch das "Intelligent Design" im Biologieunterricht zu lehren. In anderen Bundesstaaten mehren sich ebenfalls die Forderungen nach einem Aufkleber auf allen Biologie-Büchern , die Schüler darauf aufmerksam machen sollen, dass die Evolutionstheorie bislang nicht erwiesen sei.

Der Streit um die Entstehungslehre hat in den USA inzwischen skurrile Auswüchse getrieben. So begründete der 25-jährige Physiker Bobby Henderson eine Religion, die ein fliegendes Spaghetti-Monster als Schöpfer von Himmel und Erde verehrt. Die augenzwinkernde Aktion löste einen regelrechten Kult aus. In zahlreichen Weblogs wird über die Spaghetti-Kirche diskutiert, wirkliche "Pastafarians" trinken aus Fan-Bechern mit dem Abbild der Gottheit. Trotz der Satire-Attacke wächst der Einfluss der "Intelligent Design"-Verfechter zunehmend.

"Diskussionen werden wohl noch erlaubt sein"

In Deutschland steckt die Kreationisten-Bewegung dagegen noch in den Kinderschuhen. Für Scherers Schulbuch wurde bisher kein Antrag auf Zulassung als offizielles Lehrmittel gestellt, auch nicht nachdem es vor drei Jahren mit dem umstrittenen Preis ausgezeichnet worden war. Schon damals hatte Dieter Althaus auf der Preisverleihung die Laudatio auf Scherer gehalten und das Buch als "sehr gutes Beispiel für werteorientierte Bildung" gelobt.

Der Kasseler Biologieprofessor Ulrich Kutschera bezeichnete es als "Katastrophe", dass sich der CDU-Politiker Althaus derart engagiere. Auch Cornelia Pieper, die Vorsitzende des Forschungsausschusses im Bundestag, kritisierte, die Äußerungen des Ministerpräsidenten seien "nicht nachvollziehbar".

Thüringens Regierungssprecher Uwe Spindeldreier stritt indes ab, dass die geplante Veranstaltung Lobbyarbeit für die Evolutionskritiker bedeute. "Was wir hier planen, hat überhaupt nichts mit Bush oder Kreationisten zu tun", sagte Spindeldreier SPIEGEL ONLINE. Die Thüringer Staatskanzlei plane lediglich einen wissenschaftlichen Dialog von Vertretern verschiedener Theorien zur Entstehung des Lebens. "Es wird wohl noch erlaubt sein, solche Diskussionen zu führen", so Spindeldreier in einer Pressemitteilung.

Jens Radü

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