Exzellenzinitiative: Größer, besser, weiser

Von Bernt Armbruster

2,7 Milliarden Euro aus der Exzellenzinitiative: Das weckt Träume von Eliteglanz und Forschungsgloria. Bis September entscheiden Deutschlands Hochschulen, ob sie ihren Hut in der Ring werfen. Das "duz"-Magazin zeigt, wie die Politik mitmischt - und warum man sich auch zu Tode siegen kann.

Antragsgebirge der Exzellenzsaison 2005: Jetzt bloß nichts durcheinanderbringen Zur Großansicht
DFG/ Fotostudio Querbach

Antragsgebirge der Exzellenzsaison 2005: Jetzt bloß nichts durcheinanderbringen

Sie kann auch anders. Die Kür der besten Anträge in der Exzellenzinitiative zum Beispiel überließ die Politik ganz der Wissenschaft und verblüffte damit selbst Experten: "Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich die Politik so herausgehalten hat", sagt Prof. Dr. Stephan Leibfried, Herausgeber der im März veröffentlichten Studie "Die Exzellenzinitiative - Zwischenbilanz und Perspektiven". Seit der Arbeit hält Leibfried eine Forschungsförderung für möglich, bei der wissenschaftliche Gütekriterien nicht "durch politisches Proporzdenken ausgehebelt werden".

So sehr sich Verfechter der Wissenschaftsautonomie darüber freuen können, der politische Persilschein gilt nur für das Auswahlverfahren. Im Vor- und im Nachspiel der Runden ging und geht es keineswegs politikfrei zu. So sind es letztlich Bund und Länder, die als Finanzier die Wettbewerbsregeln aufstellen. Dabei kann die Politik, aber muss nicht auf die Wissenschaft hören. Dem "Netzwerk mittelgroßer Universitäten" kam die Politik entgegen. Bereits vor zwei Jahren hatte der Verbund von 17 Universitäten einer bloßen Fortschreibung der ersten beiden Exzellenzrunden den Kampf angesagt, "um einer drohenden Funktionsverarmung des Universitätssystems entgegenzuwirken".

In der im März veröffentlichten Neuausschreibung des Wettbewerbs spielt die Lehre nun eine stärkere Rolle als bisher. Und auch die Bandbreite in den Förderlinien wurde erweitert. Dafür lobte sich Berlins Wissenschaftssenator Prof. Dr. Jürgen Zöllner prompt selbst: "Bund und Länder haben mit ihren Vorgaben dafür gesorgt, dass die Exzellenzinitiative auch für kleinere und mittlere Universitäten attraktiv ist."

Es geht um 2,7 Milliarden Euro

Aktien im Spiel haben neben den Hochschulen vor allem Landespolitiker - nicht nur durch die Verheißung, im Erfolgsfall eines Antrags sich mit der Reputation auserwählter Exzellenz schmücken zu können, sondern auch durch die finanziellen Möglichkeiten für ambitionierte Projekte. Insgesamt 2,7 Milliarden Euro werden in der nächsten Runde in drei Förderlinien vergeben. Besonders eng geht es dort zu, wo ganze Hochschulen für Zukunftskonzepte den Status der Exzellenzuniversität erringen können. Gerade dort können Entwicklungswünsche einer Hochschule schnell mit den hochschulpolitischen Prioritäten eines Landes kollidieren.

Exellenzinitiative - Der Wettbewerb im Überblick
Insgesamt 2,7 Milliarden Euro stellen Bund und Länder von 2012 bis 2017 für die Exzellenzinitiative bereit.
Zeitplan

1. September 2010 (Ausschlussfrist): Eingang der Antragsskizzen für Neuanträge

Mitte März 2011: Aufforderung zur Stellung der Neu- und Fortsetzungsanträge

1. September 2011 (Ausschlussfrist): Eingang der Neu- und Fortsetzungsanträge

Mitte Juni 2012: Bekanntgabe der Förderentscheidungen 2012 bis 2017 nach Abschluss eines wissenschaftsgeleiteten Verfahrens

1. November 2012: Beginn der Förderung

Förderlinien

Graduiertenschulen mit jährlich 1 bis 2,3 Millionen Euro. Info: Dr. Anselm Fremmer (anselm.fremmer@dfg.de), Dr. Annette Schmidtmann (annette.schmidtmann@dfg.de)

Exzellenzcluster mit drei bis acht Millionen Euro plus Programmpauschale. Info: Dr. Sonja Ochsenfeld-Repp (sonja.ochsenfeldrepp@dfg.de, Tel. 0228 8852387), Dr. Klaus Wehrberger (klaus.wehrberger@dfg.de, Tel. 0228 8852355)

Bis zu zwölf Zukunftskonzepte, Förderung von bis zu fünf neuen Anträgen mit insgesamt rund 142 Millionen Euro jährlich einschließlich Programmpauschale. Info: Dr. Sabine Behrenbeck (Tel. 0221 3776234), Dr. Hildegard Brauns (Tel. 0221 3776255)

Link und Literatur

Stephan Leibfried: Die Exzellenzinitiative, Campus Verlag, 2010

www.dfg.de/foerderung/programme/exzellenzinitiative

Quelle: "duz"

So wie in Hannover. Der Präsident der dortigen Leibniz-Universität, Prof. Dr. Erich Barke, hätte seine Uni nur allzu gerne mit einem eigenen Zukunftskonzept ins Exzellenzrennen geschickt. Zusammen mit der Medizinischen Hochschule und der Tierärztlichen Hochschule baut die Leibniz-Universität gerade ein Forschungszentrum auf. Nicht nur manche Regional- und Bildungspolitiker im SPD-dominierten Hannover sehen am Horizont bereits eine große Exzellenzuniversität Hannover erwachsen. Ein Erfolg in der Exzellenzinitiative hätte dem Projekt enorme Schubkraft verliehen. Und so stufte Barke die Teilnahme als "eine ganz besondere Chance" ein.

Ergreifen wird sie Barke dennoch nicht. In die nächste Runde schickt der Uni-Präsident nur ein Exzellenzcluster, bei den Zukunftskonzepten wird er passen. In der CDU-geführten Landesregierung sind die Weichen anders gestellt: Dort hat ein Projekt Vorrang, in dem die drei Technischen Hochschulen des Landes Braunschweig, Clausthal-Zellerfeld und Hannover ihre Qualitäten in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu geballter Kraft bündeln sollen.

Wenn der Minister die Bremse zieht

Diese Vision - eine "Niedersächsische Technische Hochschule" (NTH), die in ihrem Exzellenzniveau dem Vorbild der Schweizer ETH Zürich und in ihrer Autonomie dem hessischen Modell der TU Darmstadt folgt - soll als Hochschule mit eigenem Rechtsstatus in der Exzellenzinitiative antreten. Und so war es Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) selbst, der die Leibniz-Universität zurückpfiff und sie auf das Gemeinschaftsprojekt in der NTH einschwor. Barke: "Solche Entscheidungsprozesse sind eben von politischen Komponenten nicht völlig frei."

Klar scheint nach den Erfahrungen der ersten Runde, dass die drei Linien des Programms so etwas wie einen Spagat suchen zwischen der elitären Spitzenförderung der maximal zwölf Exzellenzhochschulen und der breiter angelegten Förderung von Exzellenzclustern und Graduiertenschulen, in die ein Drittel aller Universitäten involviert war und von der immerhin 37 Hochschulen mit 85 Projekten profitierten. So gelten denn die Exzellenzcluster Insidern einfach als besonders "fette Sonderforschungsbereiche". Deshalb ist das Interesse an diesen beiden Linien der Initiative breit angelegt: Man will die Chance nutzen, sich wenigstens in einzelnen Schwerpunkten als exzellent zu profilieren.

Allerdings raten Experten wie Dr. Markus Zanner von der TU München, auch die Beteiligung in diesen beiden Linien nicht unbedacht anzugehen. Denn solche Projekte wollen auch dann finanziert sein, wenn die Exzellenzmillionen nicht mehr fließen. Riskant kann es auch werden, wenn eine kleinere Hochschule nur ein einziges Projekt durchbringt. Das kann die innere Balance der ganzen Uni in Schieflage bringen.

Auch umgekehrt lauern Risiken: Leistet sich eine Hochschule zu viele Schwerpunkte, bindet sie so viele Mittel, dass sie bewegungsunfähig wird. Zanner: "Man kann sich auch zu Tode siegen."

Wer kann dazu schon Nein sagen?

Ob in Hannover, an der Ruhr oder in Berlin, ob fachwissenschaftlich orientiert oder auf thematische Forschungsfelder bezogen, fast überall wird mittlerweile an Zukunftskonzepten gearbeitet, um die eigene Hochschule im Wettbewerb nach vorne zu bringen. Dabei machen sich viele Hochschulleitungen die Exzellenzinitiative als Initialzündung und als Katalysator zunutze. Für die Uni Münster etwa formuliert es Prorektor Prof. Dr. Stephan Ludwig so: "Die Uni bewegt sich durch die Beteiligung an der Initiative strategisch deutlich schneller."

Diese Erfahrung des Aufbruchs ist es, die alle bisher erwählten Unis für besonders wertvoll halten. Auch deshalb treten in der dritten Linie alle bisherigen Exzellenz-Unis erneut an. Wie eine Umfrage der duz ergab, ermuntern die Unis ambitionierte Hochschulen ausdrücklich dazu, es ihnen gleichzutun. Doch vor allem für kleinere Unis kann es gute Gründe geben für ein Nein zum Wettbewerb. Dazu entschloss sich die Hochschulleitung der Bauhaus-Universität Weimar nach Gesprächen mit den eigenen Fachbereichen. "Wir konzentrieren unsere Energie lieber auf unsere Projekte als auf so große Unterfangen, die zu uns nicht passen", erklärte Dr. Andreas Mai, Planungsreferent der Hochschule.

Politisch gewünscht ist eine solche Zurückhaltung freilich nicht. Denn im föderalen Wettbewerb von Süd und Nord, Ost und West geht es nicht nur um wissenschaftliche, sondern auch um politische Exzellenz. Entsprechend wurden von Bayern bis Schleswig-Holstein Programme aufgelegt, um die eigenen Hochschulen fit für den Wettbewerb zu machen. Wer es dennoch unterlässt, kommt leicht unter Rechtfertigungsdruck und in Erklärungsnot.

Politisch klar ist aber auch, dass den Hochschulen ihre grundlegenden Probleme erhalten bleiben. Die nämlich liegen weniger in der Förderung der Spitze als in der finanziellen Auszehrung des Fundaments. Und für dessen Sanierung sind noch keine politischen Weichen gestellt.

Bernt Armbruster, Hochschulmagazin "duz"

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1. Man muss sich fragen...
Armin Wolff 20.05.2010
... was haben diese ganzen "Exzellenz-Initiativen" (von welchen Exzellenzen wird eigentlich dauernd geredet, ich dachte, der Kaiser sei tot?) bisher tatsächlich greifbares produziert? Ich meine, außer hohlen Phrasen in nervigstem Dinglish aus dem Buzzword-Generator, viel heißer Luft, Bergen von Papier - und Universitäts-Granden, sie sich in trunkener Selbstbeweihräucherung schier die eigenen Schultern blutig klopfen? Für die hiesige Uni Freiburg heisst die Antwort schlicht: nix... Denn vernünftige Veränderungen der Strukturen "von unten" sind weder politisch gewollt noch finanzierbar...
2. Volkswirtschaftlicher Unfug
holdenb 20.05.2010
Exzellenzintiativen widersprechen dem ökonomischen ersten Gossenschen Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen (vgl. Thünen): es ist falsch, in die Spitze zu investieren. Ausserdem belastet die Teilnahme am "Wettbewerb" die universitären Ressourcen erheblich und lenkt von den Inhalten ab ("Crowding Out"). Es handelt sich um eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für Sekundärnutzer und demonstriert die Inkompetenz der ökonomisierten Hochschule und ihrer preissüchtigen Leitungen.
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