Universitäten im Elite-Kampf: Elixiere der Exzellenz

Von Bernt Armbruster

Sie sind die Zukunftshoffnung mancher Universitäten: "Institutes for Advanced Studies". Das Hochschulmagazin "duz" erklärt, wie diese Kreativlabore die Spitzenforschung befeuern - und wie sehr sie vom Geld aus der Exzellenzinitiative abhängen.

Uni Freiburg: Höhenflüge von Spitzenforschern Zur Großansicht
Uni Freiburg / Mesenhol

Uni Freiburg: Höhenflüge von Spitzenforschern

Als Gast hat man es meistens gut. Viele Forscher suchen nach Jahren harter Arbeit an der Uni eine Zeit des Rückzugs. Sie wollen Gast, englisch: Fellow, sein. Zum Beispiel am Freiburg Institute for Advanced Studies (Frias). Dort sind sie von Lehrverpflichtungen, Verwaltungskram oder endlos langen Debatten in Gremien befreit. Sie können sich zu den Höhenflügen der eigenen Lieblingsforschungsthemen aufschwingen. Und doch ist es kein abgehobenes, privilegiertes Luxusleben, das dort bereits 252 Wissenschaftlern zuteil wurde.

Die Erwartungen sind hoch, das Arbeitspensum ist straff. Kreative Jungbrunnen für ausgebrannte Forscher sollen solche Elite-Institute wie das Frias sein. Aber sie wirken auch wie rettende Gesundheitselixiere, die den rasanten Uni-Betrieb von seinen Überlastungssymptomen heilen. Ob in München oder Aachen, in Konstanz, Heidelberg oder Göttingen, fast alle Exzellenz-Universitäten setzen auf den Energieschub, den solche Spitzenzentren freisetzen, und auf die Strahlkraft, mit der sie die ganze Hochschule vitalisieren.

Vorbild ist das Urmodell: das Institute for Advanced Studies in Princeton. Von ihm profitierten über 6000 Koryphäen, darunter 38 Nobelpreisträger wie Albert Einstein. Solche Kraftzentren für das Gehirn fördern wissenschaftliche Exzellenz. Doch kaum eines der deutschen Institute wäre international konkurrenzfähig, würde der Bund nicht Geld zuschießen.

Gekommen, um zu bleiben - Willkommen im Breisgau

Jährlich fließen seit 2008 rund 9,4 Millionen Euro aus der Bundeskasse nach Freiburg. Oben drauf kommen noch 20 Prozent des sogenannten Overheads an die Freiburger Uni, also Zuschüsse für Sach- und Personalkosten. Das Frias ist ein perfektes Beispiel für den Entwicklungsschub, den die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder an wenigen Universitäten in Deutschland angestoßen hat.

Das Forschungszentrum ist zugleich das Herzstück des Freiburger Zukunftskonzeptes, mit dem die ganze Uni unter dem Motto Fenster für die Forschung im Jahr 2007 erfolgreich war. Die Idee dahinter war, nicht nur ausländische Gäste ins Breisgau zu locken, wie es die meisten solcher Institute machen, sondern vor allem die eigenen Leute zu fördern.

REUTERS / FU Berlin / Julia Scheel
Oft tragen deutsche Uni-Gebäude Abkürzungen wie HS201 oder SBS95E - Studenten verpassen ihnen darum Spitznamen. Mal schön, mal bizarr: Testen Sie im Quiz, ob Sie den Campus-Kauderwelsch beherrschen. mehr...
Dafür entwickelte die Uni das Modell des internen Fellow. "Wir wollten, dass auch unsere eigenen Spitzenleute ihre Forschungsbatterien hier bei uns aufladen und nicht sonst wo in aller Welt", sagt Rektor Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer. Ihm geht es nicht nur um ein befristetes Exzellenz-Projekt für Spitzenforschung, Internationalisierung und Nachwuchsförderung, sondern "um eine strukturelle Veränderung der ganzen Hochschule".

Simply the best, better than all the rest - Wer es ans Frias schafft

Seither kommen am Frias die Besten zusammen. Ein Teil aus Freiburg, ein weiterer aus dem Ausland, der Rest sind Nachwuchswissenschaftler (Junior Fellows). Sie arbeiten in vier Bereichen, den sogenannten Schools: Geschichte, Sprache und Literatur, Lebenswissenschaften und auf dem Gebiet der weichen Materie, mit der neue Materialien für die Industrie entwickelt werden. Sie arbeiten drei Jahre lang nur an ihren Projekten.

Wer mitmachen will, muss sich einem strengen Auswahlverfahren stellen. Alle, auch die Freiburger Professoren, werden von unabhängigen wissenschaftlichen Beiräten handverlesen. Inzwischen bewerben sich so viele, dass sich jeder schon ausgezeichnet fühlt, wenn er einen Platz bekommt. Zum Beispiel der Romanist Prof. Dr. Andreas Gelz. Seine Zeit als Fellow widmet er nicht nur den eigenen Forschungen über die Rolle des Skandals im spanischen Kulturraum, sondern auch einem Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für eine Graduiertenschule, wenn er nicht mehr Frias-Gast ist. Oder die Medizinerin Prof. Dr. Kerstin Krieglstein, die am Frias in der molekularen Embryologie "ganz neue Dimensionen", wie sie sagt, erschließt und "als Bonbon" in den Begegnungen mit anderen Disziplinen die "Neue Universitas" erlebt.

She works hard for her money - Warum es ohne Geld vom Bund kaum geht

Abgelehnte Bewerber klingen nicht so glücklich. Natürlich habe es an der Uni dann erhebliche Spannungen gegeben, sagt der Freiburger Rektor Schiewer. Inzwischen werde die interne Unterscheidung zwischen dem Elite-Institut und der Hochschule von der ganzen Uni getragen, "weil alle sehen, welchen Mehrwert das Frias erzeugt".

Erfolgreich vernetzt und mit Bundesgeld ausstaffiert scheint zumindest in Freiburg das Konzept aufzugehen, deutschen Universitäten mit Exzellenzzentren auch international wieder zu Rang und Namen zu verhelfen. Ohne Bundesförderung jedoch kann es ganz schnell wieder schlecht aussehen. Das weiß der international renommierte Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Hans Joas, heute Fellow am Frias. Bis vergangenes Jahr war er selbst noch Leiter eines solchen Instituts, des Max-Weber-Kollegs der Uni Erfurt.

Anders als das Frias konnte das Erfurter Kolleg immer nur mit der Hilfe seiner chronisch klammen Uni rechnen und musste sich deshalb vor allem mit Drittmitteln über Wasser halten. Unter der Regie Joas' und seines Dekan-Kollegen Wolfgang Schluchter gelang das. Die Finanzprobleme drückten die Mutteruniversität so sehr, dass sie sich selbst den Zugriff auf Fellowships sichern wollte. Der Konflikt um die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Exzellenzzentrums eskalierte derart, das Joas seinen Hut nahm.

Die Beispiele aus Freiburg und Erfurt machen das Problem deutlich. Auch die Institutes of Advanced Studies werden keine Elixiere der Exzellenz bleiben, sondern nur kurz flackernde Strohfeuer, wenn das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildungsfinanzierung am Ende doch bleibt. Das aber ist noch nicht ausgemacht. Und so steht ab 2017 auch die Zukunft der Institutes of Advanced Studies in den Sternen, wenn die Exzellenzinitiative am Ende ist und der Bund den Ländern und damit den Hochschulen nicht helfen darf.

"Die Konsequenz wäre, dass wir Spitzenuniversitäten nicht halten könnten", sagt Rektor Schiewer. Dann wird es Notlösungen geben. Er hofft für das Frias auf eine Dreier-Finanzierung. Baden-Württemberg und die Uni haben ein Drittel zugesichert. Fehlt nur noch der Bund.

Bernt Armbruster, Hochschulmagazin "duz"

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Besser eine gute Basis für alle!
strixaluco 12.06.2012
... statt Elitegeschwafel! Warum sollte man einen Anreiz sehen, noch etwas wirklich Besonderes zu leisten, wenn man ohnehin schon einen Elite-Stempel hat? Warum müssen Wissenschaftler in diesem Land ihre Zeit so viel mit Wettbewerben verbringen, die ihnen den Platz für ihre eigentliche Arbeit nehmen? Warum will man nur einigen wenigen anständige Arbeitsbedingungen geben, wo es doch sehr viele gut ausgebildete Wissenschaftler in unserem Land gibt, die gemeinsam viel mehr leisten könnten als wenige "Koryphäen", die man in der Vitrine ausstellt? Warum baut man intelligenten Menschen ein Brett vor den Kopf, indem man sie dazu anleitet, vor allem für die schöne Fassade und nach der neuesten Mode zu arbeiten?
2. Überflüssig wie ein Kropphals.
sir 12.06.2012
"Ob in München oder Aachen, in Konstanz, Heidelberg oder Göttingen, fast alle Exzellenz-Universitäten setzen auf den Energieschub, den solche Spitzenzentren freisetzen, und auf die Strahlkraft, mit der sie die ganze Hochschule vitalisieren." Das klingt wie heiße Luft aus dem Werbeprospekt. Der "Energieschub" für die deutschen Universitäten, die sich vielleicht nicht internationaler "Strahlkraft" erfreuen, aber zumindest seit Jahrzehnten eine Weltwirtschafts- und Weltwissenschaftsmacht mit qualifiziertem Nachwuchs versorgen, bestünde in der nichtelitären, breitgefächerten, langfristigen Ausstattung der Lehr- und Forschungseinrichtungen mit den entsprechenden Mitteln. Das ganze Bewerben, Auseschreiben und Auslaufen macht so viel kaputt, kostet Geld, Zeit und Nerven. Kein Forscher muss sich an einem Institute for Advanced Studies "erholen", wenn seine Arbeitsbedingungen "zu Hause" angemessen sind. Der selbstverständlich praktizierte und notwendige wissenschaftliche Austausch funktioniert auch ohne diese sauteuren Veranstaltungen. Da möchten sich nur wieder kleine Sektionsfürsten ihre Pfründen sichern, der deutschen Gesellschaft ist damit sicherlich nicht geholfen. Und die finanziert diese Späße immerhin.
3.
lindenbast 13.06.2012
Zitat von sirKein Forscher muss sich an einem Institute for Advanced Studies "erholen", wenn seine Arbeitsbedingungen "zu Hause" angemessen sind.
Genau so ist es. Wer NICHT in Verwaltungstätigkeiten aufgerieben wird, wer NICHT jede einzelne, ohnehin überfüllte Veranstaltung fünfmal abprüfen muss (Nachholklausuren, Ausgleichsklausuren, Wiederholungsklausuren - das ist aller etwas gaaaanz anderes, Erklärung wird auf Nachfrage gern geliefert), wer NICHT auf studentische Anfragen Prüfungsordnungen wälzen muss, weil kein Mensch mehr die unterschiedlichen Regelungen der unterschiedlichen Studiengänge, die man bespielen muss, im Kopf haben kann, wer sein Forschungsfreisemester tatsächlich nehmen kann, OHNE zu wissen, dass er dafür im nächsten Semester über Deputat unterrichten muss, wer, wenn er Ämter der Selbstverwaltung übernimmt, die dafür vorgesehene Entlastung an Lehre tatsächlich in Anspruch nehmen kann, ...der braucht kein Institute for Advanced Studies.
4. Die Unis sind selbst schuld!
Dumme Fragen 14.06.2012
Es gibt genügend Wissenschaftler, die auch für wenig Geld exzellente Lehre und Forschung und Selbstverwaltung machen würden. Das Geld ist auch da, und die Stellen an den Unis sind es auch, nur dürfen die Stellen nicht mit promovierten Wissenschaftlern besetzt werden, da diese "überqualifiziert" sind... Hintergrund: Ich kenne mehrere Beispiele von arbeitslosen Akademikern, die zwar als HartzIV-Empfänger zu 1-Euro-Jobs geschickt werden durften, deren Bewerbungen auf TA-Stellen an Universitäten aber von den dortigen Personalräten wg. "Überqualifikation" abgelehnt wurden...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Exzellenzinitiative
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
Gefunden in

Fotostrecke
Zwischenbilanz: Wie viel die Elite-Unis veröffentlichen
Exellenzinitiative - Der Wettbewerb im Überblick
Insgesamt 2,7 Milliarden Euro stellen Bund und Länder von 2012 bis 2017 für die Exzellenzinitiative bereit.
Zeitplan

1. September 2010 (Ausschlussfrist): Eingang der Antragsskizzen für Neuanträge

Mitte März 2011: Aufforderung zur Stellung der Neu- und Fortsetzungsanträge

1. September 2011 (Ausschlussfrist): Eingang der Neu- und Fortsetzungsanträge

Mitte Juni 2012: Bekanntgabe der Förderentscheidungen 2012 bis 2017 nach Abschluss eines wissenschaftsgeleiteten Verfahrens

1. November 2012: Beginn der Förderung

Förderlinien

Graduiertenschulen mit jährlich 1 bis 2,3 Millionen Euro. Info: Dr. Anselm Fremmer (anselm.fremmer@dfg.de), Dr. Annette Schmidtmann (annette.schmidtmann@dfg.de)

Exzellenzcluster mit drei bis acht Millionen Euro plus Programmpauschale. Info: Dr. Sonja Ochsenfeld-Repp (sonja.ochsenfeldrepp@dfg.de, Tel. 0228 8852387), Dr. Klaus Wehrberger (klaus.wehrberger@dfg.de, Tel. 0228 8852355)

Bis zu zwölf Zukunftskonzepte, Förderung von bis zu fünf neuen Anträgen mit insgesamt rund 142 Millionen Euro jährlich einschließlich Programmpauschale. Info: Dr. Sabine Behrenbeck (Tel. 0221 3776234), Dr. Hildegard Brauns (Tel. 0221 3776255)

Link und Literatur

Stephan Leibfried: Die Exzellenzinitiative, Campus Verlag, 2010

www.dfg.de/foerderung/programme/exzellenzinitiative

Quelle: "duz"


Fotostrecke
Professoren als Redner: Tarotspiel der Tagungspilger