Fachhochschulen: Hinein ins Licht

Von Hans-Christoph Stephan

Der Exzellenz-Wettbewerb lässt Euros über die Universitäten regnen - aber die Fachhochschulen wären fast untergegangen. Nun treten sie aus dem Schatten der Unis und lassen ihre Muskeln spielen. Mit eigenem Profil wollen FHs die Regionalliga verlassen.

Wenn der Sommer kommt, ruft die Heide. Und das dauert zum Glück nicht mehr ganz so lang. Dann fährt Prof. Dr. Hanno Kirsch wieder jeden Morgen 20 Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit durch die Heidelandschaft im Dithmarscher Land. Vor seiner Wohnung in Meldorf setzt er den Fahrradhelm auf. In der Kreisstadt Heide nimmt er ihn wieder ab, wenn er vor der jüngsten Fachhochschule (FH) Schleswig-Holsteins steht: der FH Westküste.

Kirsch ist ihr Präsident und Chef von 25 Professoren, die etwas mehr als 1000 Studierende betreuen. 40 Prozent der jungen Leute kommen nicht aus Schleswig-Holstein. Das hat nichts damit zu tun, dass die Kleinstadt den größten unbebauten Marktplatz Deutschlands hat, sondern vor allem mit einem Studiengang: "Internationales Tourismusmanagement". Der ist sehr beliebt, und die Hochschulleitung setzt voll darauf.

Einzigartig und unverwechselbar werden - damit haben derzeit die FHs in Deutschland voll zu tun. "Wir stecken allesamt in einer Profilierungsdebatte", sagt Prof. Dr. Michael Stawicki, Präsident der HAW Hamburg. Ein Grund: Seit die Politik im Exzellenzwettbewerb 1,6 Milliarden Euro in die staatlichen Unis pumpte, sind die 99 staatlichen Fachhochschulen in deren Schatten gerutscht. Aus dem wollen sie raus.

Hochschulen sind am Ende alle gleich

Ein anderer Grund: Hochschulforscher beobachten, dass wegen der ähnlichen Studiengänge im Bologna-Prozess die Unterschiede zwischen FHs und Unis in ganz Europa verwischen. Am Ende könnten sie ganz verschwinden. Deshalb diskutierten Anfang März Experten an der FH Osnabrück über eine Neuordnung des künftigen europäischen Hochschulsystems. In dieser neuen Hochschul-Welt wird jede Hochschule, egal ob FH oder Uni, sehen müssen, wo sie bleibt. Um sichtbar zu sein, braucht sie ein klares Profil.

Viele FHs zeigen deshalb jetzt umso mehr, wie viel Muskeln sie wirklich haben. Forschungsstarke FHs wie in Hamburg, München, Köln oder Münster bilden Konsortien. Die meisten FHs gehen allerdings ihre eigenen Wege. Etwa in den Wirtschaftswissenschaften wie die Hochschule Reutlingen, die weltweite Kooperationen mit Partnerhochschulen knüpft, um ihre eigenen Kompetenzen zu stärken. Oder in der Internationalität, so wie die FH Frankfurt, die nach Auskunft des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) die wohl beliebteste Hochschule für ausländische Studierende ist. Im vergangenen Wintersemester kamen sie aus 94 Ländern.

Auch kleine FHs verstecken sich nicht in der Provinz. Die Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg mit 500 Studenten und 18 Professoren zum Beispiel hat das nachhaltige Wirtschaften im Wald nach vorn gestellt. Die ehemalige verwaltungsinterne Hochschule kooperiert selbstbewusst mit Unis von Ulm bis Groningen. Und Ende Februar schlossen sich die staatliche und die evangelische Fachhochschule in Ludwigshafen zusammen, um ihre Kompetenzen in Betriebswirtschaft und sozialen Berufen zu vereinen.

Bologna-Prozess zwingt alle zum Umdenken

Genau an diesem Punkt versuchen die Landespolitiker derzeit zu helfen - aus purer Not. Akuter Fachkräftemangel, vor allem bei den Ingenieuren, und der sogenannte Studentenberg stehen vor der Tür. Zwar wurden seit Ende der sechziger Jahre FHs in der ganzen Bundesrepublik gebaut, um mehr Menschen zu akademischen Abschlüssen und der regionalen Wirtschaft zu Nachwuchs zu verhelfen. Doch der Anteil der FH-Studenten liegt seit Jahren nahezu unverändert bei einem Drittel. In den Niederlanden sind längst zwei Drittel aller Studierenden an den dortigen Hogeschool eingeschrieben. "Die Fehler aus den siebziger Jahren werden jetzt behoben", sagt Baden-Württembergs Wissenschaftminister Prof. Dr. Peter Frankenberg, "wir haben damit schon vor zehn Jahren angefangen."

Seit den achtziger Jahren empfahl der Wissenschaftsrat (WR) gebetsmühlenartig, mehr Studienplätze an den FHs zu schaffen und deren Fächerstruktur auszubauen. "Das ist so nicht geschehen, wie wir es gefordert haben", sagt WR-Generalsekretär Wedig von Heyden. Ausnahmen wie Baden-Württemberg bestätigen die Regel. "Daher ist es heute auch Aufgabe der Universitäten, einen Großteil der Studierenden für wissensbasierte Berufe außerhalb der Forschung zu qualifizieren", sagt von Heyden. Der Bologna-Prozess zwingt alle zum Umdenken. Dass dies nicht schon früher geschehen ist, rächt sich jetzt bitter: Der Wirtschaft fehlen kluge Köpfe.

Die Not ist so groß, dass Bund und Länder - in Bildungsfragen ansonsten spinnefeind - seit Sommer 2007 gemeinsam auf der Brücke stehen und das Schiff "Hochschule" durch das demografische Sturmtief steuern. Mühevoll haben sie den Hochschulpakt gezimmert. Nun steckt der Bund bis 2011 erst einmal 565 Millionen Euro in 91.000 Studienplätze. Die Länder legen den gleichen Betrag drauf und nennen ihre Programme visionär "Hochschule 2012" oder "Ausbildungsoffensive".

Gemeinsam durch das Sturmtief

In einigen dieser Programme liegt der Schwerpunkt auf dem Ausbau der FHs. In Nordrhein-Westfalen etwa übernehmen sie weit mehr als die Hälfte der 26.000 neuen Studienplätze. Dafür sollen sogar drei bis vier neue FHs gebaut werden. In Baden-Württemberg schultern die 24 FHs gemeinsam mit den zwölf Berufsakademien allein bis Ende dieses Jahres 2100 der 3000 neuen Studienplätze. Und in Bayern machte Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein Ende Februar den FH-Ausbau zur Chefsache, als er sich mit den 19 FH-Präsidenten traf. Bis 2011 sollen 19.000 neue Studienplätze an den FHs entstehen. Damit steigt ihr Ausbildungsanteil von 25 auf 40 Prozent. Ein ähnlicher Wind bläst gerade durch Berlin.

Das Geld fließt zwar in Tausende Studienplätze, aber nur in ein paar Hundert Professoren-Stellen. Und die sind beim derzeitigen Besoldungsrahmen absolut unattraktiv für den üblichen FH-Professor, der aus der Wirtschaft kommt. Beckstein will das Problem bei der anstehenden bayerischen Dientsrechtsreform "mit Priorität regeln". Bislang sei der Wechsel von der Firma in die FH "meist ein wirtschaftlicher Abstieg mit entsprechenden sozialen Folgen", sagt Prof. Dr. Jörg Wallmeier, Präsident der FH Trier.

Ein FH-Professor bekommt nach W2-Besoldung knapp 49.000 Euro brutto Grundgehalt im Jahr. Ein Ingenieur verdiente 2006 als Abteilungsleiter in der Wirtschaft nach Angaben des Verbandes Deutscher Ingenieure im Schnitt rund 70.000 Euro. Wallmeier muss daher zunehmend auf Bewerbungen wissenschaftlicher Mitarbeiter und Juniorprofessoren von Unis mit wenig Praxiserfahrung zurückgreifen.

Belohnung für gute Hochschullehrer

Die Lehrbedingungen werden dadurch nicht besser. "Die Betreuungsrelationen sind schlecht, weil nicht mehr Professoren eingestellt wurden. Der Bologna-Prozess ist eben nicht zum Nulltarif zu haben", sagt der FH-Sprecher in der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Andreas Geiger (siehe Interview).

Der Exzellenzwettbewerb für die Lehre, den der Stifterverband mit fünf Millionen Euro in Gang gesetzt hat, ist nur ein Tröpfchen auf einen völlig überhitzten Stein. Zwar dürfen die FHs nun mitmachen, aber "wir brauchen viel mehr Geld", sagt HAW-Präsident Stawicki. Er hat schon eine Liste, was er damit alles machen würde: didaktisches Training für junge und erfahrene Professoren, Coaching für Lehrende, Soft-Skill-Training für Studierende, mehr Personal für E-Learning. Das würde auch dort helfen, wo es besonders drückt: beim Ingenieur-Nachwuchs. Im Wintersemester 2006/07 studierten rund 187.000 Jung-Ingenieure an den FHs, 36.000 mehr als an den Unis.

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FH-Präsident Wallmeier in Trier hätte auch Ideen parat. So will er Professoren finanziell belohnen, die gut lehren. Und er will mehr Arbeitsplätze für die Gruppenarbeit einrichten. Denn: "Viele Studenten pendeln jeden Tag aus der Region nach Trier. Sie brauchen Plätze, um gemeinsam zu lernen."

Das würde den Studenten an der FH Westküste auch gefallen. Sie leben nicht nur in Heide, sondern kommen aus ganz Schleswig-Holstein. Bessere Lehrbedingungen sind für Präsident Hanno Kirsch aber auch aus einem anderen Grund wichtig. Er würde gern 200 Studierende mehr aufnehmen. Denn der Boom im hundert Kilometer entfernten Hamburger Hafen strahlt bis nach Heide. Außerdem ist da noch ein Fraunhofer-Institut in Itzehoe. Das alles schafft Jobs, für die junge Leute gesucht werden. Und Kirsch will sie dafür fit machen. Denn es geht um den Ruf seiner Hochschule, und zwar an der gesamten Westküste - mindestens.

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