Sexismus-Zoff in der Uni-Liga: Fußball im Zeichen der Männlichkeit

Von Christopher Piltz

Ist das Spaß - oder Sexismus? In der Fußball-Uni-Liga in Göttingen treten Mannschaften wie "FC Siewillja" und "Eintracht Fraunschweigt" an. Dafür hagelt es nun Kritik: Die Gleichstellungsbeauftragte ist empört, sogar Verbote werden diskutiert.

Sexismus-Zoff in der Uni-Liga: Fußball, Bier und Plastikpimmel Fotos
Christopher Piltz

Der Penis steht am Spielfeldrand, locker an das Tornetz gelehnt. Es ist die erste Halbzeit des Spiels "AS Rum" gegen den "FC Kommender Kopfschmerz/E.K.", und im Rücken des Torwarts guckt der Plastikpenis mit seinem grinsenden Gesicht zu. Die Partie findet hauptsächlich in der Hälfte des FC statt, weit weg vom Tor des AS Rum. Am Spielfeldrand machen die Auswechselspieler des AS Witze über ihr eigenes Genital, sie lachen, während die fünf auf dem Feld ein Tor nach dem anderen schießen.

Es ist Mittwochnachmittag, Uni-Liga-Spieltag in Göttingen. Am Spielfeldrand sitzen Fußballer und Zuschauer um Bierkästen und Grills, dünne Rauchwolken ziehen über die große Wiese der Sportanlage der Universität Göttingen. Das Pfeifen der Schiedsrichter ist zu hören, die lauten Anweisung der Spieler, das Grölen der Zuschauer. Die Uni-Liga ist eine Spaßliga. Doch gerade lernt sie die Grenzen von Humor kennen. In diesen Tagen wird nämlich nicht nur lustig rumgekickt. Es wird ernst und scharf diskutiert - über Teamnamen, Sexismus und Zensur.

All das begann mit einem kritischen Kommentar über den Teamnamen "FC Siewillja" auf der Facebookseite der Mannschaft. Eine Kommilitonin der Fußballer beschwerte sich dort öffentlich über den Mannschaftsnamen und das Wappen: Eine halbnackte Frau und ein Fußball. Die Fußballer wiesen den Vorwurf zurück, und plötzlich war sie da, die heftige Sexismusdebatte.

Shitstorm gegen die Psychologiestudenten

Die Mannschaft konnte die Kritik zunächst nicht verstehen - der Name sei doch nur ein Wortspiel, abgeleitet vom spanischen Erstligisten FC Sevilla. "Wir haben es am Anfang etwas locker genommen", sagt Christian Koch. Er ist der Kapitän vom "FC Siewillja", wie die meisten Mannschaftsmitglieder ein junger Psychologiestudent im zweiten Semester. Im roten Trikot, die schwarze Teambinde am Arm, sitzt er auf einer Bierbank und betrachtet das Gewusel auf den vielen kleinen Spielfeldern der Uni-Liga. "Wir wussten nicht, wie wir die Kritik einzuordnen haben, und antworteten mit einer sarkastischen und ironischen Stellungnahme."

Jetzt im Nachhinein erkennt Koch, dass dies wohl ein Fehler war. Innerhalb von wenigen Stunden erschienen Dutzende neue Kommentare auf der Seite der Mannschaft, viele nutzten den Mantel der Anonymität im Internet, um ihre Meinung zu sagen. Mitten in der Diskussion auf Facebook tauchte plötzlich auch ein offizielles Gremium der Universität auf: Das Gleichstellungsbüro der Sozialwissenschaftlichen Fakultät schaltete sich ein. "Liebe FeministInnen", beginnt der Kommentar des Büros, nach einer knappen Zusammenfassung wird aufgerufen, die Studentin zu unterstützen, "da sie sonst im Jahrgang isoliert ist und alleine gegen die Männer von der Mannschaft ist. Los geht's!"

Die Uni-Kicker waren überfordert: "Wir hatten uns bei der Kommilitonin schon entschuldigt, aber auf einmal kamen massive Anschuldigungen. Es hieß, wir würden Frauen runterstufen und sexuelle Übergriffe verherrlichen", sagt Koch. Der Schlagabtausch war zunächst auf der Facebook-Seite des "FC Siewillja" für jedermann einsehbar. Inzwischen aber haben Koch und seine Mitstreiter viele kritische Kommentare von der Seite gelöscht.

Die Diskussion wurde noch einmal heftiger, nachdem die regionale linksalternative Nachrichtenseite "Monsters of Göttingen" über die Debatte berichtet hatte und das Gerücht aufkam, einer der Spieler sei tätlich angegriffen worden. Binnen weniger Tage wurde der "FC Siewillja" zur Projektionsfläche einer Diskussion über alltäglichen Sexismus.

"Ajax Lattenstramm" und "Wacker Durchsaufen"

Christoph Köchy sieht sich als Vater der Uni-Liga Göttingen. Es ist sein Konzept, das hier seit 2005 umgesetzt wird. Mittlerweile hat er die Idee zu Geld gemacht, ist Geschäftsführer der Uni-Liga GmbH, einem Kleinunternehmen, das alle 21 Uni-Ligen in Deutschland koordiniert. Eine solche Diskussion hat er in den vergangenen Jahren noch nicht gehabt. "Wir waren überrascht, was das für eine Welle ausgelöst hat", sagt er. Fragwürdige und provozierende Teamnamen seien Tradition bei der Uni-Liga. Ob "Wacker Durchsaufen", "Ajax Lattenstramm" oder "Eintracht Fraunschweigt" - viele Namen haben ein eher niedriges Niveau. Nur ist es beim "FC Siewillja" das erste Mal, dass jemand sich öffentlich beschwert und der Protest weite Kreise zieht.

"Sie haben es lustig gemeint, aber ob es lustig ist, muss nun besprochen werden", sagt Köchy und gibt sich selbstkritisch: "Wir haben alles hinterfragt. Unsere Dokumente waren schon sehr männlich geprägt, jetzt sind sie gendertauglich." Natürlich kontrolliere die Uni-Liga-Leitung die Teamnamen vor der Saison, so wurde im vergangenen Jahr "AKW Fukushima 11" nicht erlaubt. "Das war pietätlos", sagt Köchy. Die restlichen Namen waren aber bislang nicht kritikwürdig. Für die nächste Saison muss nun ein Katalog erarbeitet werden, der festlegen soll, welche Namen akzeptabel seien und wo die Uni-Liga-Leitung die Grenzen ziehen wird. Dafür zuständig sein soll ein Ausschuss mit Uni-Liga-Vertretern, dem Hochschulsport und der Gleichstellungsbeauftragten.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Christina Klöckner, begrüßt diese Entscheidung der Uni-Liga. "Die Teamnamen künftig auf sexistische Inhalte zu kontrollieren, ist ein erster, wichtiger Schritt", sagt sie. Zudem sei eine längst überfällige Debatte endlich ins Rollen gekommen. "Wenn ein Team-Name wie 'FC Siewillja' als lustiges Wortspiel gedeutet wird, wird das Klima, in dem ein solcher Name zustande kommt, ausgeblendet und die Deutungsmacht, ob ein Name oder eine Handlung grenzüberschreitend ist, der überlegenen Machtposition überlassen." Die überlegene Machtposition - damit meint Klöckner die Männer.

Die Zweitsemester-Fußballer des "FC Siewillja" haben erst einmal ihre Lehre aus der hitzigen Diskussion gezogen. Ein Bierkrug ziert jetzt anstatt einer nackten Frau ihr Logo. Ob sie ihren Namen in der nächsten Saison ändern werden, ist noch nicht geklärt. Vielleicht müssen sie diese Entscheidung aber dank der neuen Namensverordnung der Uni-Liga nicht mehr allein treffen.

Eine ironische Antwort auf die Turbulenzen konnten sich die Kicker nicht verkneifen: Zu ihrem nächsten Spiel brachten sie den riesigen Plastikpenis mit.

In einer früheren Version des Textes stand, die Facebook-Seite des FC Siewillja sei für die Zugriffe von Nichtmitgliedern gesperrt gewesen. Das war nicht richtig. Die Gruppe FC Siewillja ist gesperrt, die Seite allerdings ist frei zugänglich.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 293 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
altebanane 05.06.2012
Zitat von sysopChristopher PiltzIst das Spaß - oder Sexismus? In der Fußball-Uniliga in Göttingen treten Mannschaften wie "FC Siewillja" und "Eintracht Fraunschweigt" an. Dafür hagelt es nun Kritik: Die Gleichstellungsbeauftragte ist empört, sogar Verbote werden diskutiert. FC Siewillja löst Sexismus-Streit in Uniliga Göttingen aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,836493,00.html)
Kennt hier noch jemand das Buch "Der Campus" ? Irgendwie erinnert mich gerade alles an sie ... :-)
2.
teekesselchen 05.06.2012
die namen mögen ein wenig geschmacklos sein, vielleicht auch "anstößig", ich hoffe aber, die werden ihre Namen nicht ändern. Oder setzt sich hier mal wieder die politische Korrektheit durch? Meinungsfreiheit muss sowas abkönnen!
3.
CommonSense2006 05.06.2012
Unglaublich bescheuert, mittlerweile kann ich diese Empörungskultur der "Gleichstellungsbeauftragten" und "Frauenbeauftragten" nicht mehr ertragen. Die sind nur für eine unlustige, gleichförmig graue Welt zuständig, wo am Ende sich kein Mensch mehr traut, das Maul aufzumachen, weil es vielleicht gegen die Regeln der political correctness verstößt. Müsste es nicht eigentlich "Gleichstellungsbeauftragtin" heißen, weil Männer diesen Job sowieso nie bekommen? Oder lieber gleich "Hohepriesterin der Correctness und geheiligte Inhaberin der Deutungshoheit" ?
4.
Senore 05.06.2012
Zitat von sysopChristopher PiltzIst das Spaß - oder Sexismus? In der Fußball-Uniliga in Göttingen treten Mannschaften wie "FC Siewillja" und "Eintracht Fraunschweigt" an. Dafür hagelt es nun Kritik: Die Gleichstellungsbeauftragte ist empört, sogar Verbote werden diskutiert. FC Siewillja löst Sexismus-Streit in Uniliga Göttingen aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,836493,00.html)
Spaß natürlich, und nichts weiter. Mein Gott, als ob das irgendwie "abwertend" gemeint war. Wenn Frauen-Gruppen so etwas machen ist es natürlich nur lustig und emanzipiert, bei Männern gleich Sexismus. Armes Deutschland.. aber das ist ja nun keine wirklich neue Entwicklung. Und die Gleichstellungsbeauftragten (die natürlich immer noch ausschließlich für Frauen da sind, auch wenn sie mittlerweile einen "gender-neutralen" Namen haben) brauchen schließlich auch eine Daseinsberechtigung.
5. Omg!!
Vrqa 05.06.2012
Zitat von sysopChristopher PiltzIst das Spaß - oder Sexismus? In der Fußball-Uniliga in Göttingen treten Mannschaften wie "FC Siewillja" und "Eintracht Fraunschweigt" an. Dafür hagelt es nun Kritik: Die Gleichstellungsbeauftragte ist empört, sogar Verbote werden diskutiert. FC Siewillja löst Sexismus-Streit in Uniliga Göttingen aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,836493,00.html)
Das ist doch nur Dumme-Jungen-Quatsch!! Ich bin ja selber eine Frau, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Jungs das tatsächlich sexistisch gemeint haben sollen. Die finden das einfach nur urkomisch und lustig, trinken ein Bierchen dazu, kicken etwas Fußball... So what!? Göttinger Mädels: nicht gleich flennen, die Kerle sind halt so!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Männer und Frauen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 293 Kommentare
Fußball an deutschen Unis
Uni-Liga Göttingen
Die Uni-Liga Göttingen startete 2005 als erste Uni-Liga in Deutschland mit 48 Teams. Mittlerweile spielen 84 Mannschaften mit insgesamt mehr als tausend Fußballern jeden Mittwoch im Sommersemester auf dem Sportgelände der Universität Göttingen. Bundesweit gibt es bislang 21 Ligen.
Die Regeln
Die Partien dauern zweimal 20 Minuten, gespielt wird auf Kleinfeldern. Neben dem Torwart sind noch fünf Spieler auf dem Feld.
Fotostrecke
Piraten und Weiblichkeit: "Sexismus ist ein Problem"

Fotostrecke
Liebelei in Mannheim: Ich schlaf mit dir, schläfst du mit mir?