Forscher in Großbritannien: Denn sie wissen nicht immer, was sie tun

Von Jochen Hung

2. Teil: Denker unter Druck - Wie sollen Philosophen ihre Arbeit vermarkten?

Unistadt Oxford: In Großbritannien ändert sich das Wissenschaftsleben drastisch Zur Großansicht
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Unistadt Oxford: In Großbritannien ändert sich das Wissenschaftsleben drastisch

Naturgemäß schwerer tun sich dagegen die Geisteswissenschaftler beim Nachweis eines eng umrissenen Nutzens ihrer Forschung. Fächer wie Philosophie oder Sprachwissenschaften produzieren in den seltensten Fällen Produkte, die sich tatsächlich vermarkten lassen. Die Anglistik-Institute, die an der Pilotstudie teilnahmen, führten deshalb größtenteils ihre Star-Professoren ins Feld. Sie konnten immerhin durch regelmäßige Radiosendungen, populäre Buchveröffentlichungen, Zeitungsartikel und öffentliche Lesungen eine breitere Massenwirkung geltend machen.

Warum das "Schielen auf den Massenmarkt" kostbare Zeit frisst

Der Historiker und Anglist Professor Dr. Stephan Collini von der University of Cambridge kritisierte diese Art des Schielens auf den Massenmarkt unter den Geisteswissenschaften daraufhin scharf. In einem Artikel im Hochschulmagazin "Times Higher Education" schrieb er: Erstens sei damit ein ungemeiner Arbeits- und Zeitaufwand ohne große Aussicht auf messbare Wirkung verbunden. Um zum Beispiel eine neue Studie über einen wenig bekannten viktorianischen Dichter bei einem Radiosender unterzubringen, müssten die Universität oder der Forscher kostbare Zeit und Energie für Marketing aufwenden - ganz unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität des Werks. Der Einfluss von abstrakten Ideen oder einem neuen Zugang zu alten Werken lasse sich eben erst - wenn überhaupt - lange nach der Veröffentlichung und nur durch aufwendige Recherche nachweisen.

Zweitens führe, so Collini, eine marktgeleitete Forschung zu einer zwangsläufigen Konzentration auf massentaugliche Themen, etwa das Sexleben des betreffenden Dichters. Überdies bliebe die grundlegende Frage, warum Erfolg auf diesem Gebiet für die Bewertung der Qualität von Forschungsinstituten ausschlaggebend sein solle. Die Folge sind nach Meinung des Autors zweitklassige Universitäten mit erstklassigen Marketingabteilungen.

Trotz dieser fundamentalen Änderung in der Forschungsevaluation und damit auch auf die Hochschulfinanzierung lässt sich in den Führungsetagen der Universitäten kein Widerspruch erkennen. Der Dachverband britischer Universitäten, Universities UK, äußerte im Gegenteil vorsichtige Unterstützung für die Einführung der Wirksamkeitsfaktoren: "Es ist unserer Meinung nach wichtig, den Beitrag universitärer Forschung zu unserer Gesellschaft anzuerkennen und zu fördern." Dieser Begriff meine im Grunde nichts anderes, als mit wissenschaftlicher Arbeit auch die Welt zu verändern. Und dies liege schon jetzt dem Selbstverständnis der meisten wissenschaftlichen Förderorganisationen und Forscher zugrunde. Spitzenforschung und gesellschaftliche Wirkung schlössen sich nicht gegenseitig aus. Bedeckt hält sich die Royal Society - eine der ältesten Gelehrtengesellschaften der Welt. Sie verweigerte jeglichen Kommentar zum REF. Man beobachte "die weitere Entwicklung".

Wenn wir immer wüssten, was wir tun, würde man das nicht Forschung nennen

Die Forscherbasis allerdings murrt. Organisiert von der Gewerkschaft der Universitätsangestellten, der University and College Union (UCU), fanden schon im Jahr 2009, als die neue Gewichtung in der Evaluation das erste Mal auf die Agenda kam, verschiedene Protestaktionen statt. Die UCU war es auch, die Unterschriften berühmter Wissenschaftler und Nobelpreisträger sammelte und eine Liste von bahnbrechenden Entdeckungen britischer Forscher aufstellte - etwa die Entdeckung der DNA-Doppelhelix durch James Watson und Francis Crick -, die unter den neuen Richtlinien nie zustande gekommen wären.

"Wie Einstein schon sagte: Wenn wir als Wissenschaftler immer wüssten, was wir tun, dann würde man das nicht Forschung nennen", sagte die UCU-Generalsekretärin Sally Hunt gegenüber der duz. "Wir können uns nicht vorstellen, wie solch ein ungeprüftes System, das nirgendwo sonst auf der Welt existiert, auf irgendeine Weise die internationale Reputation Großbritanniens und hiesige Spitzenforschung fördert oder bedeutende Akademiker anlockt."

Bestätigt sieht sich die Gewerkschaft auch durch eine eigens in Auftrag gegebene Umfrage Anfang des vergangenen Jahres. Demnach gab mehr als ein Drittel der 600 befragten Wissenschaftler an, ihre Karriere ins Ausland verlegen zu wollen, falls die Änderungen eingeführt werden.

Wie die britischen Pläne in Deutschland Sorge auslösen

Auch in Deutschland werden die britischen Pläne kritisch gesehen. Deutschlands Wissenschaft blieb bisher von solchen Ideen verschont - und so soll es nach Ansicht der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) auch bleiben. "Selbstverständlich sind die Hochschulen in Forschung und Lehre der Gesellschaft verpflichtet", sagte HRK-Präsidentin Professor Dr. Margret Wintermantel. Eine Wirkungsmessung als Index für die Finanzierung könne sie sich allerdings nicht vorstellen. "Wie definiert eine differenzierte Gesellschaft wie die unsrige den Nutzen und wer sollte ihn messen? Gerade für die Grundlagenforschung, die an deutschen Universitäten auf Spitzenniveau betrieben wird, sähe ich große Gefahren", sagte Wintermantel. Denn deren Nutzen sei besonders schwer messbar und nur in wenigen Fällen unmittelbar und klar ersichtlich. Wintermantel: "Irrwege gehören dazu und müssen 'straflos' möglich sein."

Die Zurückhaltung der britischen Universitäts- und Forschungsbosse kann als ein Zeichen starker Verunsicherung gedeutet werden. Ausgelöst sein könnten sie durch die radikalen Kürzungen im Bildungsbudget. Der verschärfende Wettbewerb um schwindende Fördergelder fördert die Konzentration auf politisch opportune Themen. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist das Arts and Humanities Research Council (AHRC), die größte geisteswissenschaftliche Förderinstitution des Landes mit einem jährlichen Budget von umgerechnet rund 115 Millionen Euro. Vor der im Frühjahr anstehenden Verhandlung mit der Regierung über künftige Fördergelder hatte das AHRC bekannt gegeben, unter dem Schlagwort "Big Society" in Zukunft besonders die Erforschung von zivilgesellschaftlichem Engagement zu fördern. Das Pikante daran: Die "Big Society" ist ein Lieblingsprojekt des konservativen Premierministers David Cameron und war ein Eckpfeiler seiner Wahlkampagne im vergangenen Jahr.

Die AHRC-Ankündigung rief in der Akademikergemeinde Empörung aus und wurde als Aushebeln des "Haldane Principle" bezeichnet. Der nach dem Politiker und Philosophen Richard Burton Haldane benannte Grundsatz legt seit über 90 Jahren fest, dass nur Wissenschaftler und eben nicht Politiker entscheiden sollen, wofür Forschungsgelder ausgegeben werden. Die Regierung hatte jedoch zuvor in einer Klärung der Richtlinie festgelegt, dass Forschungsinstitutionen den nationalen Zielvorstellungen der Regierung folgen müssen.

In den Zeiten knapper Kassen hat sich in der britischen Politik offenbar eine nutzenorientierte Sicht auf den Bildungssektor durchgesetzt. Der Tenor: Wenn man jedes Jahr Milliarden von Euro in die Wissenschaft steckt, will man auch wissen, was man dafür bekommt. Diese kaufmännische Einstellung hielt aber nicht erst mit der neuen konservativen Regierung Einzug. Schon unter dem Labour-Premier Gordon Brown wurde die Zuständigkeit für den Hochschulsektor ausgerechnet an das Wirtschaftsministerium übertragen. Die Einführung der "impact factors" ist nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

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1. xxx
Wayne88 15.09.2011
Zitat von sysopZum Marketing gezwungen: Britische Forscher müssen künftig die gesellschaftliche Relevanz ihrer Vorhaben nachweisen. Denn die Regierung in London ändert die Finanzierungs-Regeln. Das Hochschulmagazin "duz" zeigt, warum Wissenschaftler ihre Freiheit bedroht sehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,783684,00.html
Und wer entscheidet anhand welcher Kriterien, was gesellschaftlich relevant ist? Und wie erkennt man, ob etwas langfristig relevant sein könnte? Wenn ich die tausendste Generation sinnlosen Elektronikspielzeugs oder dumpfer Militär- oder Spitzeltechnik erforsche, ist das dann relevant, weil wirtschaftlich verwertbar? Während wenn jemand die europäische Musik des 8. Jahrhunderts nach Christus erforscht, ist das gesellschaftlich nicht relevant? Die Dummheit und zivilisatorische Primitivität des Neoliberalismus ist unendlich.
2. Wieso Neoliberalismus?
LuiW 15.09.2011
Zitat von Wayne88Und wer entscheidet anhand welcher Kriterien, was gesellschaftlich relevant ist? Und wie erkennt man, ob etwas langfristig relevant sein könnte? Wenn ich die tausendste Generation sinnlosen Elektronikspielzeugs oder dumpfer Militär- oder Spitzeltechnik erforsche, ist das dann relevant, weil wirtschaftlich verwertbar? Während wenn jemand die europäische Musik des 8. Jahrhunderts nach Christus erforscht, ist das gesellschaftlich nicht relevant? Die Dummheit und zivilisatorische Primitivität des Neoliberalismus ist unendlich.
Sie haben vollkommen Recht mit dem, was Sie sagen - außer mit dem letzten Satz, denn angefangen damit, "gesellschaftliche Relevanz" vom "Elfenbeinturm der Grundlagenforschung" einzufordern, hat die Linke und nicht etwa der Neoliberalismus. Und die Linke verteufelt auch heute noch Grundlagenforschung und alles, was nicht dem Ziel der Umwälzung der Gesellschaft dient, als nutzlos, rückwärtsgewandt und gefährlich. Technologie fördert Wachstum, Entfremdung und Kapitalismus und bedroht Mensch und Umwelt, "wertfreie" Geisteswissenschaft, die sich nicht dem Diktat von Genderforschungs- und Umverteilungsideologien anschliesst, ist reaktionär - weg damit.
3. xxx
Wayne88 15.09.2011
Zitat von LuiWSie haben vollkommen Recht mit dem, was Sie sagen - außer mit dem letzten Satz, denn angefangen damit, "gesellschaftliche Relevanz" vom "Elfenbeinturm der Grundlagenforschung" einzufordern, hat die Linke und nicht etwa der Neoliberalismus. Und die Linke verteufelt auch heute noch Grundlagenforschung und alles, was nicht dem Ziel der Umwälzung der Gesellschaft dient, als nutzlos, rückwärtsgewandt und gefährlich. Technologie fördert Wachstum, Entfremdung und Kapitalismus und bedroht Mensch und Umwelt, "wertfreie" Geisteswissenschaft, die sich nicht dem Diktat von Genderforschungs- und Umverteilungsideologien anschliesst, ist reaktionär - weg damit.
Äh Also ich wollte hier keinen ideologischen Grabenkampf anzetteln, aber wenn ich durch die akademische Welt schau dann sind es doch eher (meist sehr kluge) linke und progressive Leute, die scheinbar ökonomisch nutzlose Fächer gegen den Ökonomisierungsdruck in der Forschung und Lehre verteidigen, und dieser Druck kommt ganz klar von Seiten der Neoliberalen, die eben Forschung und Lehre dem pseudorationalen Diktat der unmittelbaren wirtschaftlichen Verwertbarkeit unterwerfen wollen. Und man muß schon ganz schön weltfremd sein, um diesen Druck der "Linken" unterzujubeln. Historisch über längeren Zeitpunkt bin ich mir nicht sicher, ob Sie recht haben, aber in den letzten Jahrzehnten war es doch wohl eher so, daß die Neoliberale bestimmten Fächern und Forschungsprogrammen wirtschaftliche NUtzlosigkeit vorgeworfen hat, oft unberechtigt.
4. nicht nur die Geisteswissenschaften bekommen ein Problem!
kezia_BT 15.09.2011
Anzunehmen, die Naturwissenschaften seien von sich aus "gesellschaftlich relevant" ist ein fataler Irrtum, den aber nur der bemerkt, der auf einem nicht als "relevant" geltenden Gebiet forscht. Mir fallen da so schöne Fächer wie Botanik, Zoologie, Ethnobotanik, Ethnologie etc ein. Selbst in "Mainstream" Fächern gibt es hochinteressante Projekte, deren unmittelbare Relevanz aber nicht nachzuweisen ist. Gerade in Großbritannien, wo die Wissenschaften eine so produktive Geschichte haben, weil sie sich frei entfalten konnten, ist es unfaßbar, wie sehr die Wirtschaft nach der Wissenschaft greift und wie wenig die Wissenschaftler dagegen tun können. Ich sehe schwarz für unsere deutschen Hochschulen und Forschungsinstitute!
5. The continent will be isolated
maipiu 15.09.2011
Gerade stelle ich mir vor, Einstein hätte 1905 den gesellschaftlichen Nutzen seiner Relativitätstheorie beweisen müssen. Wie wäre das wohl ausgegangen?
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Britische Universitätsreform: Grenzenlose Campusmaut
Hintergrund
Was ist neu an der Evaluation?
Staatliche Zuschüsse sind in Großbritannien die längste Zeit nach dem Research Assessment Exercise (RAE) vergeben worden. Künftig geschieht dies mit dem Bewertungssystem Research Excellence Framework (REF).
Kriterien
Ausschlaggebende Kriterien für das Research Assessment Exercise (RAE) waren wissenschaftliche Publikationen, das Ansehen der einzelnen Forscher, gemessen etwa in Drittmitteln, sowie die Forschungsumgebung, beispielsweise die Qualität der Doktorandenbetreuung. Die Institute bekamen dafür von Gutachterteams Sterne verliehen: einen Stern für "national anerkannte", bis zu vier Sterne für "weltweit führende" Forschung.
Evaluationsansatz
Wegen des Bürokratie- und Zeitaufwands wurde der RAE überarbeitet, künftig gilt der Nachfolger, der REF. Am Evaluationsansatz hat sich dabei nicht viel geändert. Reduziert wurde beim REF jedoch die Zahl der Gutachtergruppen. Mit dieser Maßnahme sollen Kosten und Zeit gespart werden. So wurden etwa alle Sprachwissenschaften im Panel "Modern Languages" zusammengefasst.
Bewertung
Zudem wird erstmals die "gesamtgesellschaftliche Wirkung" der Forschung bewertet. Wissenschaftliche Veröffentlichungen machen 60 Prozent, die Forschungsumgebung 15 Prozent und die außerwissenschaftliche Wirkung 25 Prozent der Gesamtbewertung aus. Aufgrund der Proteste wird bei der ersten REF-Runde 2014 der "impact" jedoch nur mit 20 Prozent gewertet.

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