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Forschungsgeld für Hochschulen: Auf die Größe kommt es an

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Corbis

Junge Forscherin: Große Institutionen bekommen leichter noch mehr Geld

Wer hat, dem wird gegeben - auch bei Forschungsgeld gilt das Matthäus-Prinzip, wie eine neue Studie zeigt. Das Hochschulmagazin "duz" analysiert die Ungerechtigkeit in der Wissenschaft: Fürstlich ausgestatte Unis verwalten ihre Behäbigkeit, kleine kreative Hochschulen leiden. Was tun?

Es war eine knappe Entscheidung. Mit einem Forschungscluster zur Mathematik bewarb sich die Universität Leipzig 2007 um Fördergelder aus der Exzellenzinitiative. Die Gutachter fanden lobende Worte - und trotzdem ging Leipzig im Rennen um die Millionen in letzter Minute leer aus. Und nicht nur das: Kurz darauf verließen einige Mathematiker die Hochschule. Nach Freiburg oder Heidelberg gingen die Forscher, ein Physiker folgte einem Ruf nach Konstanz.

Der Geist folgt dem Geld - und die damalige sächsische Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange (SPD) fand drastische Worte für die Folgen der Exzellenzinitiative: "Hier in Sachsen laufen den Universitäten reihenweise die guten Wissenschaftler davon, weil sie dem Ruf einer Elite-Uni folgen", sagte sie in einem Interview. Prof. Dr. Hans-Bert Rademacher, Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik der Leipziger Uni, drückt sich heute vorsichtiger aus. "Es ist schwer zu sagen, ob die Kollegen nicht gegangen wären, wenn wir den Zuschlag bei der Exzellenzinitiative bekommen hätten", sagt er. "Aber unsere Position in Bleibe- und Berufungsverhandlungen wäre mit dem Exzellenzcluster sicher eine bessere gewesen."

Wer hat, dem wird gegeben. Der berühmte Satz aus dem Matthäus-Evangelium greift auch bei der Vergabe von Forschungsgeldern. Standorte mit guter Ausstattung und hochkarätigen Forschern gewinnen hinzu, abgeschlagene Hochschulen und Fachbereiche drohen zurückzufallen. Diese Beobachtung als Folge der Exzellenzinitiative machte bereits vor einigen Jahren der Bremer Soziologe Prof. Dr. Uwe Schimank (duz EUROPA 03/2009, S. 7).

Das Phänomen ist längst bekannt aus Australien, den USA oder Großbritannien. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Frank Meier fragte Schimank in einem Aufsatz, ob das Matthäus-Prinzip in Deutschland nicht mittlerweile mächtiger sei als das Prinzip Humboldt. Er sah die Einheit von Forschung und Lehre in Gefahr, wenn es nur noch darum geht, möglichst viele Drittmittel für die Forschug einzusammeln.

Wieso verschanzt sich die DFG hinter dem Datenschutz?

Eine neue Studie des Flensburger Hochschulforschers Prof. Dr. Gerd Grözinger und seiner Mitarbeiterin Nadin Fromm, die der duz vorliegt, bestätigt diese Beobachtung. Die beiden untersuchten, wo die Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gelandet sind. Nicht alle Daten, die Grözinger sich für seine Analyse gewünscht hätte, bekam er. Zweimal wurde er bei der DFG in Bonn vorstellig, weil er genauere Förderdaten wollte, aufgeschlüsselt nach Hochschulen und Programmarten. Ohne Erfolg. Teils habe die DFG berichtet, dass genauere Angaben schlicht nicht verfügbar wären. Teilweise verwies sie auf den Datenschutz. "Datenschutz bei öffentlicher Forschungsförderung?", wundert sich Grözinger. Er vermutet: Der größte deutsche Forschungsförderer wollte einer kritischen Analyse nicht noch das Futter liefern.

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Denn die Befunde, die Grözinger berichtet, sind auch so schon brisant. So steigen die Chancen, Fördermittel zu erhalten, mit der Größe einer Hochschule oder eines Fachbereiches deutlich an. Das an sich ist noch nicht verwunderlich: Wo viele Wissenschaftler versammelt sind, können auch viele Anträge geschrieben werden. Grözingers Analyse findet allerdings Hinweise darauf, dass der Erfolg bei der Einwerbung von Mitteln überproportional mit der Größe ansteigt.

Pro Kopf erhalten große Fachbereiche deutlich mehr Geld als kleinere. "Je besser ein Fachbereich personell besetzt ist, desto relativ stärker wird er von der DFG unterstützt", konstatiert die Studie. "Große Einheiten werden beim gegenwärtigen System der Forschungsförderung bevorzugt."

"Den Hochschulen droht die Spaltung"

Das hat nicht nur Folgen für die Hochschulen, sondern für ganze Regionen. Die Bundesländer profitieren höchst ungleich von den Mitteln, die die DFG verteilt. Nach einem festen Schlüssel zahlt jedes Bundesland entsprechend seiner Finanzkraft und Bevölkerung in den Topf der DFG ein, die anderen zwei Drittel des Budgets stellt der Bund. Durch das Geld aus Berlin bekommt zwar jedes Bundesland unterm Strich mehr an Forschungsförderung heraus, als es zur Finanzierung der DFG aufbringt. Allerdings: Einige Länder bekommen deutlich mehr, als es ihrem Einzahlanteil entsprechen würde.

Für Bremen als Stadtstaat mit einer großen Universität erweist sich die DFG als relativ gutes Geschäft, für Brandenburg als Flächenland mit kleinen Hochschulen eher als schlechtes. Das regionale Gefälle ist umso größer, je gewichtiger das Förderprogramm ist. Beim sogenannten Normalverfahren, bei dem es in der Regel um vergleichsweise kleine Summen für Projekte einzelner Forscher geht, profitieren die Länder noch einigermaßen gleichmäßig. Bei den oft Millionen Euro schweren Förderungen der Sonderforschungsbereiche und Graduiertenschulen können manche Länder überproportional viel für sich herausholen, während andere kaum Chancen haben. "Wer bereits viele Forschungsgelder bekommt, hat bessere Chancen auf noch mehr Fördermittel", sagt Grözinger. Das gelte nicht nur für die DFG: "Den Hochschulen in Deutschland droht die Spaltung."

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1. Die Fakten der Bildungspolitik:
gog-magog 15.10.2013
Zitat von sysopCorbisWer hat, dem wird gegeben - auch bei Forschungsgeld gilt das Matthäus-Prinzip, wie eine neue Studie zeigt. Das Hochschulmagazin "duz" analysiert die Ungerechtigkeit in der Wissenschaft: Fürstlich ausgestatte Unis verwalten ihre Behäbigkeit, kleine kreative Hochschulen leiden. Was tun? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/forschungsfoerderung-wer-volle-koerbe-hat-bekommt-noch-mehr-a-926881.html
Dieses Phänomen ist politisch gewollt, da sollte man sich an den Universitäten nichts vor machen. Der Umbau der deutschen Universitätslandschaft ist in vollem Gange und am Ende stehen 3 Typen: 1. Die "Eliteuniversität", die dem entspricht, was man gemeinhin als Volluni mit Lehre und Forschung versteht. Davon wird es in Deutschland kaum mehr als 10 Einrichtungen geben und nicht einmal jedes Bundesland wird über eine verfügen. 2. Die "Forschungsuniversität", was nichts anderes ist, als eine Großforschungseinrichtung mit unterbezahlten Forschern, die sich mit maximal W3-Gehältern abfinden müssen. 3. Die "Lehruniversität", die 80-90% aller heutigen Universitäten umfassen wird und an denen nicht mehr geforscht, sondern nur noch "gelehrt" wird. Dabei handelt es sich um eine Art höhere Bildungsanstalt mit vorwiegend Billig-Bachelor-Studiengängen, deren einzige Aufgabe es ist, die Zahl der "Akademiker" in Deutschland zu erhöhen und Lehrer für die Schulen auszubilden. Damit wird - wie in den USA - das Humboldt'sche Bildungsideal mit der Einheit von Lehre und Forschung abgeschafft, die Akademikerlandschaft zweigeteilt. Fachkongresse wird es dann nur noch international geben, weil alle relevanten Forscher eines Fachgebiets in Deutschland an einigen wenigen Einrichtungen sitzen werden. Dort findet der fachliche Austausch in Kaffeerunden statt und ist natürlich extrem preisgünstig. Exakt dies ist der Weg, den die Merkel-Union mit ihrem Mövenpicker-Anhängsel eingeschlagen hat. Die Länder spielen mit, weil sie viel Geld für Bildung sparen können und müssen, denn dort stehen zukünftig hohe Pensionslasten für verbeamtete Altakademiker und Lehrer an, die in allen Ländern aus dem Bildungsetat finanziert werden müssen. Das ist auch der Hintergrund, warum jetzt in Bayern Kultus- und Bildungsministerium zusammengelegt wurden. Man mache sich nichts vor: es geht in diesem Land einzig und allein noch ums Bildungssparen.
2.
badner18 15.10.2013
Wie erklärt sich der Autor dann, dass ausgerechnet die Uni Konstanz den Exzellenz Status besitzt, obwohl sie zu den kleinsten "echten" Universitäten gehört? Auch die Fachbereiche dürften dort nicht deutlich größer sein, als bei anderen Unis.
3.
duschwolf 15.10.2013
Richtig. Und auch die Uni Bremen gehört nicht gerade zu den großen Unis (gerade im Hinblick darauf, dass es sich fast um eine Volluniversität handelt) bzw. hatte vor der Exzellenzinitiative in vielen Fachbereichen nicht den allerbesten Ruf. Ansonsten ist es nun einmal so, dass es an vielen kleinen Universitäten sehr viele forschungsschwache Professoren gibt bzw. auch schon vor 15 Jahren Professoren gegeben hat, die sich auf die Lehre konzentriert haben - dies ist keine neue Entwicklung und ist durch die "Freiheit der Forschung und Lehre" ja auch so gewollt. Gerade an den TUs hingegen stehen die Professoren massiv unter Druck, Drittmittel einzuwerben. Es wäre daher mal interessant zu sehen, wie sich die Antragsannahmequoten zwischen kleinen Universitäten und den forschungsintensiven Universitäten unterscheiden. Abgesehen davon ist die DFG ja auch nicht der einzige Fördergeber. Es gibt bspw. von der EU schon lange Mittel für relativ strukturschwache Regionen durch den ERDF bzw. ESF - diese lassen sich z. B. auch für Unis in Nordwestniedersachsen oder Teile von Sachen (lustigerweise inkl. der TU Dresden) beantragen.
4. ESF etc.
whostalking 15.10.2013
Zitat von duschwolfRichtig. Und auch die Uni Bremen gehört nicht gerade zu den großen Unis (gerade im Hinblick darauf, dass es sich fast um eine Volluniversität handelt) bzw. hatte vor der Exzellenzinitiative in vielen Fachbereichen nicht den allerbesten Ruf. Ansonsten ist es nun einmal so, dass es an vielen kleinen Universitäten sehr viele forschungsschwache Professoren gibt bzw. auch schon vor 15 Jahren Professoren gegeben hat, die sich auf die Lehre konzentriert haben - dies ist keine neue Entwicklung und ist durch die "Freiheit der Forschung und Lehre" ja auch so gewollt. Gerade an den TUs hingegen stehen die Professoren massiv unter Druck, Drittmittel einzuwerben. Es wäre daher mal interessant zu sehen, wie sich die Antragsannahmequoten zwischen kleinen Universitäten und den forschungsintensiven Universitäten unterscheiden. Abgesehen davon ist die DFG ja auch nicht der einzige Fördergeber. Es gibt bspw. von der EU schon lange Mittel für relativ strukturschwache Regionen durch den ERDF bzw. ESF - diese lassen sich z. B. auch für Unis in Nordwestniedersachsen oder Teile von Sachen (lustigerweise inkl. der TU Dresden) beantragen.
Schon, aber auch bei ESF ist (wie eigentlich bei allen EU-Mitteln) ein gewisser Eigenanteil notwendig. Wenn man dann, wie Brandenburg, seine Unis dermassen unterfinanziert, dass beim einzelnen Lehrstuhl gerade so noch Grundmittel für Telefon und Kopien vorhanden sind, reicht es oft nicht mal dafür, und schon können nur noch die besser finanzierten abgreifen.
5. Ein weiterer Schlag
Friedrich der Streitbare 15.10.2013
mit der Abrissbirne in unser erfolgreiches Bildungsmodell. Zuerst wurde dem OECD Geplärre nach mehr Akademikern Rechnung getragen und damit die duale Ausbildung ausgehöhlt, so dass es an fähigen Technikern und Handwerkern zu mangeln beginnt, während mittelmäßige bis schlechte Akademiker Schwierigkeiten haben eine Stelle zu bekommen. Jetzt wird das recht homogene Niveau der deutschen Hochschullandschaft erodiert, auf dass Türme der Exzellenz sichtbar werden. Frühe Leistungsvergleiche zeigten Noten von 2,4-2,6 für die verschiedenen Universitäten an, so dass es von geringerer Bedeutung war, wo man in Deutschland seinen Abschluss erworben hatte. Daher wurden deutsche Absolventen auch immer mit Handkuss und ohne große Beachtung der Herkunft im Ausland genommen, während man bei Absolventen aus dem gelobten Land im genau hinschauen musste, ob sie ihren Abschluss nicht auf der State University of Kentucky gemacht hatten. Volkswirtschaftlich sind diese angestrebten Exzellenzzentren ebenfalls bedeutungslos, da hierzulande die entsprechende Geschäftskultur - venture capital - zur kommerziellen Ausbeutung der dort entstehenden Produkte fehlt. Als Beispiel mag die ehemalige Firma Artemis gelten, die die Ideen der deutschen Nobelpreisträgerin Nüsslein, kommerzialsieren sollte. Zunächst mit Staatsgeldern gefördert, fehlte die dann notwendige private Kapitalisierung, so dass letztlich Amerikaner zugriffen, brav unterschrieben, dass mindestens 3 Jahre lang die hiesigen mit Steuergeldern initiierten Arbeitsplätze erhalten bleiben und pünktlich nach Ablauf der Zeit den Laden hier dicht machten. Sämtliche Patente sind jetzt in den USA und wieder einmal wird dort deutsches Know How eventuell erfolgreich genutzt, während die deutsche Volkswirtschaft mitsamt wissenschaftlicher Exzellenz erneut in die Röhre schauen.
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Wie verteilt man das ganze Geld?
Die Studie
"Auch Breiten- statt nur Spitzenförderung. Warum EPSCoR ein Vorbild für die DFG sein könnte" – so lautet der Titel der Studie von Gerd Grözinger und Nadin Fromm. Sie erscheint in Kürze gemeinsam mit den Ergebnissen aus elf weiteren Projekten in einem Sammelband "Neue Governance der Wissenschaft: Reorganisation – externe Anforderungen – Medialisierung", Transcript Verlag.
Die Konferenz
Die Ergebnisse der Studie sowie die anderer Untersuchungen werden am 10. und 11. Oktober 2013 auf einer Fachkonferenz in Berlin vorgestellt und diskutiert. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung veranstaltete Tagung "Neue Governance der Wissenschaft" findet im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) statt.
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