Forschungsskandal in Göttingen: "Das ist kein Einzelfall"

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Beim Flunkern erwischt: 16 Göttinger Forscher werden verdächtigt, Publikationslisten gefälscht zu haben, um Fördergelder abzuräumen. In der Wissenschaft punktet man mit möglichst vielen Veröffentlichungen. Stärkt die Praxis der Begutachtung den Trend zu Masse statt Klasse?

Im Juni wird in Göttingen das "Abenteuer Wissenschaft" gefeiert. So heißt ein Festival, mit dem die Stadt den Titel "Stadt der jungen Wissenschaft 2009" bejubeln will. Doch Kurt von Figura, Rektor der Göttinger Universität, ist momentan so gar nicht nach Feiern zumute. Der Ruf der Universität sei "erheblich beschädigt worden", teilte er am Montag in einer Stellungnahme mit.

Bibliothek der Uni Göttingen: "Ruf erheblich beschädigt"
DPA

Bibliothek der Uni Göttingen: "Ruf erheblich beschädigt"

In der Göttinger Forschung ging es jüngst allzu abenteuerlich zu. Zum Fiasko für die "Eliteuniversität" kam es im Sonderforschungsbereich 552, der sich mit der Veränderung des Regenwalds in Indonesien befasst: Wissenschaftler sollen in einem Antrag auf Forschungsförderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) falsche Angaben über Publikationen gemacht und teilweise Veröffentlichungen erfunden haben.

Aufgeflogen war der Schwindel bereits im Februar bei der Begutachtung des Antrags zur Weiterförderung des Sonderforschungsbereichs, öffentlich wurde er durch einen Bericht im aktuellen SPIEGEL. Mittlerweile hat sich auch die Staatsanwaltschaft Göttingen eingeschaltet und prüft, ob ein Anfangsverdacht wegen Untreue gegeben ist.

Der Hinweis kam aus der Wissenschaft

Um einen Eklat zu vermeiden, zog die Hochschule den Antrag auf 8,6 Millionen Euro Forschungsgelder zurück und verzichtete auch auf die sonst übliche Auslauffinanzierung. Die Förderung wird somit am 30. Juni 2009 enden. Die Universität hat eine Untersuchung eingeleitet, auch die DFG hat von den 16 betroffenen Wissenschaftlern Stellungnahmen eingefordert. "Dauer und Ergebnisse des DFG-Verfahrens sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen", sagte Dorothee Dwzonnek, Generalsekretärin der DFG. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würden Rückforderungen fällig. Über die Höhe wollte Dwzonnek keine Angaben machen.

Die DFG, mit einem Etat von 2,3 Milliarden Euro Europas größter Forschungsförderer, wollte sich zu weiteren Fragen nicht äußern. Ulrike Beisiegel, die sich als DFG-Ombudsfrau seit 2005 mit Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens beschäftigt, dagegen schon: Der Fall in Göttingen sei "kein Einzelfall", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Immer wieder bekomme sie Fälschungsversuche auf den Tisch. "Wir kriegen aber natürlich nur die Spitze des Eisbergs zu sehen", so Beisiegel.

Im Göttinger Fall nannten Forscher in ihrem Antrag vom 3. Dezember 2008 Manuskripte, die noch nicht veröffentlicht, sondern nur bei Journalen eingereicht worden waren, eine durchaus nicht seltene Praxis in DFG-Verfahren. Dass die Manuskripte jedoch noch gar nicht oder nur im Anfangsstadium existierten, erfuhren die Gutachter erst durch einen Hinweis eines Wissenschaftlers. Möglicherweise wäre das Fehlverhalten sonst kaum bemerkt worden. "Die Nennung noch nicht veröffentlichter Manuskripte ist zwar üblich, sollte es aber nicht sein", sagt Beisiegel.

Im Regelfall lassen sich die DFG-Gutachter die in den Anträgen genannten Manuskripte vorlegen. Für eine eingehende Beurteilung fehlt jedoch oft die Zeit: "Das wissenschaftliche System läuft ein wenig über, es sind zu viele Anträge und zu wenig Gutachter", sagt Ombudsfrau Beisiegel. Nötig sei ein Umdenken im ganzen System: "Drei gute Publikationen sollten ausreichen - anstelle einer möglichst langen Liste."

Gutachter unter Zeitdruck

Auch Hildegard Westphal, Geologin an der Universität Bremen und selbst Gutachterin, stellt fest, es gebe "hier und da die Mentalität, dass Masse vor Klasse geht". Das Grundproblem sei, "dass die Grundausstattung der Universitäten immer schlechter geworden ist und die Hochschulen auf Drittmittel angewiesen sind". Während so der Druck auf Wissenschaftler steige und die Bedeutung von Anträgen für die Unis zunehme, arbeiten die Gutachter laut Westphal im Schatten, die Wertschätzung der Gutachtertätigkeit sei zu gering. "Es kostet viel Zeit, wenn man es richtig machen will, aber es taucht nicht im Lebenslauf auf und spielt bei der leistungsgemäßen Besoldung keine Rolle. Wäre das anders, würde sich sicher einiges ändern."

Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke ist mit dem Procedere der Gutachten bestens vertraut - und gibt zu, den Angaben in den Anträgen zu vertrauen. "Es käme mir nicht in den Sinn, meine Hilfskräfte loszuschicken, um die Veröffentlichungen zu prüfen", sagt der Konstanzer Professor, der im Jahr 2003 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG gewann.

Allerdings gebe es Unterschiede zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften. Dort sei es "sehr schwierig, in den großen Journals zu veröffentlichen", Manuskripte lägen sehr lang in den Redaktionen, ehe sie angenommen würden, so Koschorke. Zeit, die bei vorgegebenen Abgabefristen der Anträge oft nicht bleibe.

"Mehr auf die Manuskripte achten"

Für problematisch bei den Antragsverfahren hält Koschorke ohnehin weniger die Publikationslisten als den Zwang zur Innovation. "Beim Antrag muss man herausstellen, dass man an einer vollkommen neuen Sache arbeitet." Wenig Freiheit sieht er auch bei der Themenfindung der Forschungsvorhaben. "In den Gutachten sollten bestimmte Stichwörter vorkommen, Globalisierung zum Beispiel oder Religion und Gewalt, und interdisziplinär sollte das Projekt sein", so Koschorke. "Das führt zu einer Monothematik bei den eingereichten Anträgen." Zudem müsse immer schon genannt sein, was am Ende der Forschung herauskommen soll. "Wenn man blufft, dann indem man mehr verspricht, als man letztlich herausfinden kann."

Auch der Literaturwissenschaftler sieht die Antragsteller angesichts der Finanzmisere der Hochschulen zum Erfolg verdammt: "Die Universitäten sind so abgemagert, dass sie schon zur Sicherung der Grundfinanzierung Drittmittel einwerben müssen." Über die Bürokratisierung der Forschungsanträge führten kürzlich die deutschen Leibniz-Preisträger Klage. In einer SPIEGEL-ONLINE-Umfrage wünschte sich der Göttinger Philologe Heinrich Detering etwa weniger "Antrags- und Gutachtenprosa".

Göttingens Rektor zog in seiner Stellungnahme erste Konsequenzen aus den Fälschungsvorwürfen: In Anträgen aus seiner Universität würden künftig nur noch "veröffentlichte oder zur Veröffentlichung angenommenen Publikationen" angegeben, so Figura. Zudem seien erste Schritte zur Verbesserung des Qualitätsmanagements eingeleitet worden.

Ombudsfrau Beisiegel lobt diese Schritte, die Universität sei vorbildlich, "weil sie konsequent vorgeht - das wünschte ich mir von allen Hochschulen". Sie ist sicher, der Skandal werde auch etwas Gutes haben: "Die Gutachter werden künftig mehr auf die angegebenen Manuskripte achten."

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