Fotoprojekt mit Essgestörten: "Der Körper ist nur das Schlachtfeld"

Rebecca Sampson fotografierte für ihre Abschlussarbeit Essgestörte, sie gewann damit einen angesehenen Wettbewerb. Im Interview erzählt die 26-Jährige von ihren eigenen Erfahrungen -  und warum Passanten sie bei der Arbeit beschimpften.

Fotoprojekt Essstörung: "Der Körper ist nur das Schlachtfeld" Fotos
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SPIEGEL ONLINE: Frau Sampson, Sie haben für Ihre Abschlussarbeit Essgestörte fotografiert und sind dafür in die Klinik zurückgekehrt, in der sie früher selbst behandelt wurden. Warum?

Sampson: Als ehemals selbst Betroffene habe ich die Berichterstattung zum Thema Essstörungen immer als sehr einseitig empfunden. Ich wollte mit meiner Arbeit einen tieferen Einblick in die Welt hinter der allgemein bekannten Fassade ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hat Sie gestört?

Sampson: Mein Eindruck ist, dass es zu sehr um den Körper geht. Dabei ist der Körper lediglich das Schlachtfeld, also der Austragungsort, seelischer Konflikte.

SPIEGEL ONLINE: Die Konflikte wollten Sie in ihren Fotos zeigen?

Sampson: Ja, denn der Ursprung der Krankheit liegt in der Seele der Betroffenen. Auf Fotos zu diesem Thema sieht man häufig schockierend dargestellte, ausgemergelte Körper, aber keine Gesichter und keine Emotionen. Dadurch erreicht man selten so etwas wie Aufklärung.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Sampson: Solche Bilder landen häufig in Internetforen. Schwer Magersüchtige setzen sie oft als eine Art Messlatte ein, um damit in Konkurrenz zu treten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder werden momentan in der renommierten Ausstellung "Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie" gezeigt. Vielleicht landen sie irgendwann auch in solchen Foren.

Sampson: Ich habe versucht, das zu verhindern. Ich wollte nicht die Körper von Essgestörten zeigen, sondern ihre Gefühle. Betroffene neigen dazu, sich in ihrer Selbstwahrnehmung auf ihren Körper zu reduzieren. Ich als Fotografin wollte nicht dasselbe tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nicht nur dünne, sondern auch stark übergewichtige Menschen fotografiert.

Sampson: Für mich war unwichtig, welche Art der Essstörung die Betroffenen haben. Mich stört es, dass in der Gesellschaft die verschiedenen Krankheitsbilder so unterschiedlich akzeptiert werden. Stark übergewichtige Menschen werden gern diskriminiert und ausgegrenzt. Im Gegensatz dazu werden Magersüchtige oft bemitleidet oder sogar bewundert, da das Krankheitsbild so nah an dem ist, was die Mode vorgibt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ein dicker Mensch an der Pommesbude steht, heißt es: Kein Wunder.

Sampson: Viele meinen, dicke Menschen seien bloß undiszipliniert. Sehr viele von ihnen leiden aber an einer schweren und behandlungsbedürftigen Krankheit, die ihnen selten zugestanden wird. Auch einige Ärzte schicken sie zur Ernährungsberatung, statt der Ursache auf den Grund zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Patienten auch auf dem Jahrmarkt und in der Fußgängerzone fotografiert. Haben Sie Diskriminierungen beim Fotografieren erlebt?

Sampson: Es gab viele verletzende Kommentare von Menschen, die eigentlich ganz sympathisch wirkten. Die Kommentare will ich nicht wiederholen. Die Boshaftigkeit hat mich sehr erschreckt. Es waren aber unter anderem diese Leute, die ich mit meiner Arbeit erreichen wollte. Es kann doch nicht so schwer sein, ein bisschen Respekt zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Porträtierten dazu gesagt?

Sampson: Die haben sich überhaupt nicht einschüchtern lassen. Sie waren unglaublich mutig und stark. Ich habe ihnen bei den Fotos keine Vorgaben gemacht, sondern sie haben sich die Orte selbst ausgesucht. So konnten sie ihre eigenen Geschichten erzählen. Einige sind später auch quer durch Deutschland gereist, um zur Ausstellungseröffnung zu kommen. Das ist, als ob sie sich ein Schild umhängen würden auf dem steht: Ich bin essgestört. Das hat mich und viele andere sehr beeindruckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Porträtierten auf ihr Projekt reagiert?

Sampson: Ich war drei Wochen in der Klinik in Bad Oeynhausen und hatte gehofft, am Ende zwei, drei Leute von dem Projekt überzeugen zu können. Letztlich habe ich 49 Betroffene fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben ihnen die Bilder gefallen?

Sampson: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Viele standen seit Jahren nicht mehr vor der Kamera. Einige haben gesagt: "Das bin ich gar nicht!" Oder: "Oh, mein Gott, bin ich schön." Oder: "Hilfe, bin ich dünn." Menschen mit Essstörungen haben oft eine verzerrte Körperwahrnehmung und können nicht beurteilen, ob sie dick oder dünn sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in ihrer Jugend selbst an Magersucht erkrankt. Es muss hart sein, sich mit der eigenen Geschichte noch einmal so auseinanderzusetzen.

Sampson: Letztlich war es eine sehr gute Erfahrung für mich. Ich hatte mir immer vorgenommen, eines Tages die Klinik wieder zu besuchen. Damals habe ich immer vermisst, dass mal jemand kommt und sagt: "Es ist zu schaffen." Ich habe immer die Statistiken gelesen, und die sehen düster aus. Es gibt einen oft verwendeten Standardsatz von Essgestörten, den ich früher auch benutzt habe: "Naja, man lernt damit zu leben." Sehr wenige glauben daran, wieder ganz gesund zu werden. Ich wollte den Betroffenen Mut machen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, es ist Ihnen gelungen?

Sampson: Ich habe zumindest viele positive Rückmeldungen bekommen und habe zu vielen noch engen Kontakt.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

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Rebecca Sampson, 26, ist eine der Preisträgerinnen von "Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie", einem der bedeutendsten Wettbewerbe für junge Fotografen. Sie hat die Ostkreuzschule für Fotografie besucht und arbeitet heute als freie Fotografin in Berlin. Ihre Abschlussarbeit "Aussehnsucht", und die der anderen sieben Preisträger, ist noch bis zum 27. Februar in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Danach zieht die Ausstellung weiter nach Stuttgart und Washington DC.
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