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18. Februar 2013, 06:27 Uhr

Akademische Hochstapler

"Frankreich ist ein Plagiatoren-Paradies"

Die französische Literaturprofessorin Hélène Maurel-Indart kämpft seit langem gegen Plagiate. In ihrem Land treten Eliten nicht zurück, wenn sie ihren Titel verlieren. Im Interview spricht sie über skrupellose Abschreiber und über ihre beste Waffe: Humor.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Ländern treten Politiker zurück, weil sie eine Geliebte haben, in anderen, weil sie plagiiert haben, schrieb die französische Tageszeitung "Le Monde" zum Rücktritt von Annette Schavan - das klingt, als belächle man in Frankreich den deutschen Umgang mit Plagiatsaffären.

Maurel-Indart: In Frankreich würde ein Politiker nicht zurücktreten, wenn er seinen Doktortitel verliert. Hier sind Plagiatsaffären heftige, kurze Skandale. Danach kann der prominente Plagiator seine Karriere weiterverfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Genügt in Frankreich ein Universitätsabschluss für eine große Karriere?

Maurel-Indart: In Frankreich ist es leicht, Karriere zu machen, wenn man von einer Grande Ecole kommt. Diese Elitehochschulen sind sehr renommiert. Wer zum Beispiel an der ENA studiert hat, der französischen staatlichen Hochschule zur Ausbildung von hohen Verwaltungsbeamten, braucht keinen Doktortitel mehr.

SPIEGEL ONLINE: Und welchen Wert hat der Doktortitel an der Universität in Ihrem Land?

Maurel-Indart: In Frankreich braucht man den Doktortitel, um Hochschullehrer und dann Professor zu werden. Er ist also nur eine von mehreren Etappen im Lebenslauf. Allerdings ist er wichtig und notwendig für eine wissenschaftliche Karriere.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Die kleine Untersuchung über den skrupellosen Plagiator" wünschen Sie sich aber insgesamt mehr Prestige für Promovierte?

Maurel-Indart: Ja, eigenständig angefertigte Doktorarbeiten sind Glanzleistungen. Es kostet Mühe und mindestens drei Jahre Zeit, eine Doktorarbeit zu schreiben. Mehr Wertschätzung ist wichtig, trotzdem verarbeite ich Plagiate mit Humor.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an Plagiaten lustig?

Maurel-Indart: Ich decke die Skrupellosigkeit des Plagiators mit Humor auf. Plagiate sind oft so grotesk, dass der Schummler lächerlich wirkt: Wenn ein vielbeschäftigter Prominenter auf einmal ein großes Werk vorstellt und jeder weiß, dass er eigentlich gar keine Zeit dafür hat, ist das entlarvend. Doch weil sie hier kaum Konsequenzen fürchten müssen, juckt sie das wenig. Frankreich ist ein Plagiatoren-Paradies.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Maurel-Indart: In Frankreich ist es sehr schwierig, eine Autorität in einer Institution zur Verantwortung zu ziehen. Aber ich sehe eine Veränderung in den letzten fünf Jahren: Die Medien interessieren sich mehr für Plagiatsaffären, die Gesellschaft will mehr Transparenz - und durch das Internet wird es auch einfacher, Plagiate aufzudecken. Abschreiben allerdings auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben auch eine französische Webseite, die "Das Plagiat" heißt. Jagen Sie damit Plagiatoren?

Maurel-Indart: Ich bezeichne mich nicht gerne als Plagiatsjägerin. Ich lehre und informiere über Plagiate, auch auf meiner Seite. Aber dort Plagiatoren zu melden, ist mir zu heikel. In meiner Funktion als Professorin muss ich nur Plagiate bei meinen eigenen Studenten bestrafen, wenn ich welche entdecke.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das zu heikel, wenn Franzosen das mit dem Plagiieren ohnehin nicht so eng sehen, wie Sie sagen?

Maurel-Indart: Es ist manchmal immer noch weniger riskant zu plagiieren, als den Plagiatoren zu denunzieren.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch jedoch prangern Sie Plagiatoren an.

Maurel-Indart: Ja, ich habe aber auch lange und präzise daran gearbeitet und wissenschaftliche Maßstäbe angelegt. Das Buch enthält konkrete Beispiele und beschreibt Typen von Plagiatoren und ihre Art zu schummeln. Es ist für die breite Öffentlichkeit bestimmt, damit jeder nachvollziehen kann, was ein Plagiat ist und was nicht. Nur so viel: Um eins zu erkennen, muss man sehr genau hinschauen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern im Kampf gegen Plagiatoren?

Maurel-Indart: Wir müssen die Plagiatssoftware verbessern. Und es muss klar sein, welchen Schaden ein Plagiat insgesamt anrichtet: Ehrliche Schriftsteller werden entmutigt, Zeit und Mühe in ein eigenes Werk zu stecken. Kunstwerke, Schriftstücke und Institutionen, die Titel vergeben, verlieren ihren Wert durch Plagiate.

Das Interview führte Vanessa Klüber

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