Akademische Hochstapler: "Frankreich ist ein Plagiatoren-Paradies"

Nationalbibliothek in Paris: "Ein eigenständiges Werk kostet viel Mühe und Zeit" Zur Großansicht
Corbis

Nationalbibliothek in Paris: "Ein eigenständiges Werk kostet viel Mühe und Zeit"

Die französische Literaturprofessorin Hélène Maurel-Indart kämpft seit langem gegen Plagiate. In ihrem Land treten Eliten nicht zurück, wenn sie ihren Titel verlieren. Im Interview spricht sie über skrupellose Abschreiber und über ihre beste Waffe: Humor.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Ländern treten Politiker zurück, weil sie eine Geliebte haben, in anderen, weil sie plagiiert haben, schrieb die französische Tageszeitung "Le Monde" zum Rücktritt von Annette Schavan - das klingt, als belächle man in Frankreich den deutschen Umgang mit Plagiatsaffären.

Maurel-Indart: In Frankreich würde ein Politiker nicht zurücktreten, wenn er seinen Doktortitel verliert. Hier sind Plagiatsaffären heftige, kurze Skandale. Danach kann der prominente Plagiator seine Karriere weiterverfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Genügt in Frankreich ein Universitätsabschluss für eine große Karriere?

Maurel-Indart: In Frankreich ist es leicht, Karriere zu machen, wenn man von einer Grande Ecole kommt. Diese Elitehochschulen sind sehr renommiert. Wer zum Beispiel an der ENA studiert hat, der französischen staatlichen Hochschule zur Ausbildung von hohen Verwaltungsbeamten, braucht keinen Doktortitel mehr.

Fotostrecke

6  Bilder
Plagiatsvorwürfe in Frankreich: Verdächtig, verdächtig
SPIEGEL ONLINE: Und welchen Wert hat der Doktortitel an der Universität in Ihrem Land?

Maurel-Indart: In Frankreich braucht man den Doktortitel, um Hochschullehrer und dann Professor zu werden. Er ist also nur eine von mehreren Etappen im Lebenslauf. Allerdings ist er wichtig und notwendig für eine wissenschaftliche Karriere.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Die kleine Untersuchung über den skrupellosen Plagiator" wünschen Sie sich aber insgesamt mehr Prestige für Promovierte?

Maurel-Indart: Ja, eigenständig angefertigte Doktorarbeiten sind Glanzleistungen. Es kostet Mühe und mindestens drei Jahre Zeit, eine Doktorarbeit zu schreiben. Mehr Wertschätzung ist wichtig, trotzdem verarbeite ich Plagiate mit Humor.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an Plagiaten lustig?

Maurel-Indart: Ich decke die Skrupellosigkeit des Plagiators mit Humor auf. Plagiate sind oft so grotesk, dass der Schummler lächerlich wirkt: Wenn ein vielbeschäftigter Prominenter auf einmal ein großes Werk vorstellt und jeder weiß, dass er eigentlich gar keine Zeit dafür hat, ist das entlarvend. Doch weil sie hier kaum Konsequenzen fürchten müssen, juckt sie das wenig. Frankreich ist ein Plagiatoren-Paradies.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Maurel-Indart: In Frankreich ist es sehr schwierig, eine Autorität in einer Institution zur Verantwortung zu ziehen. Aber ich sehe eine Veränderung in den letzten fünf Jahren: Die Medien interessieren sich mehr für Plagiatsaffären, die Gesellschaft will mehr Transparenz - und durch das Internet wird es auch einfacher, Plagiate aufzudecken. Abschreiben allerdings auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben auch eine französische Webseite, die "Das Plagiat" heißt. Jagen Sie damit Plagiatoren?

Maurel-Indart: Ich bezeichne mich nicht gerne als Plagiatsjägerin. Ich lehre und informiere über Plagiate, auch auf meiner Seite. Aber dort Plagiatoren zu melden, ist mir zu heikel. In meiner Funktion als Professorin muss ich nur Plagiate bei meinen eigenen Studenten bestrafen, wenn ich welche entdecke.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das zu heikel, wenn Franzosen das mit dem Plagiieren ohnehin nicht so eng sehen, wie Sie sagen?

Maurel-Indart: Es ist manchmal immer noch weniger riskant zu plagiieren, als den Plagiatoren zu denunzieren.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch jedoch prangern Sie Plagiatoren an.

Maurel-Indart: Ja, ich habe aber auch lange und präzise daran gearbeitet und wissenschaftliche Maßstäbe angelegt. Das Buch enthält konkrete Beispiele und beschreibt Typen von Plagiatoren und ihre Art zu schummeln. Es ist für die breite Öffentlichkeit bestimmt, damit jeder nachvollziehen kann, was ein Plagiat ist und was nicht. Nur so viel: Um eins zu erkennen, muss man sehr genau hinschauen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern im Kampf gegen Plagiatoren?

Maurel-Indart: Wir müssen die Plagiatssoftware verbessern. Und es muss klar sein, welchen Schaden ein Plagiat insgesamt anrichtet: Ehrliche Schriftsteller werden entmutigt, Zeit und Mühe in ein eigenes Werk zu stecken. Kunstwerke, Schriftstücke und Institutionen, die Titel vergeben, verlieren ihren Wert durch Plagiate.

Das Interview führte Vanessa Klüber

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Warm bitte "Elite?"
sehrwichtig 18.02.2013
Was sind das bitte für "Eliten," die skrupellos betrügen und selbst nichts gebacken kriegen. Der Begriff Elite ist anscheinend nicht mehr zu gebrauchen. Auf den Müllhaufen damit.
2. SoSo....
pappa_lapapp 18.02.2013
Zitat von sysopDie französische Literaturprofessorin Hélène Maurel-Indart kämpft seit langem gegen Plagiate. In ihrem Land treten Eliten nicht zurück, wenn sie ihren Titel verlieren. Im Interview spricht sie über skrupellose Abschreiber und über ihre beste Waffe: Humor. Französische Professorin Maurel-Indart im Interview über Plagiate - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/franzoesische-professorin-maurel-indart-im-interview-ueber-plagiate-a-882692.html)
....hätte mich nicht gewundert, wenn über kurz oder lang irgendwie auch das Ausland - bevorzugt natürlich Frankreich (SPON frankophob??) - für die allgegenwärtigen Minderwertigkeitskomplexe der Politiker, Bürger und nicht zuletzt der Presse dieses Landes herhalten muss.... Herr Lehrer, Herr Lehrer, der Franzose hat aber auch abgeschrieben... Merke: manche Themen sind einfach nur lächerlich infantil und bedienen lediglich die Promillos beim samstäglichen Kneipentreffen.
3. Na und...
fatherted98 18.02.2013
...bei uns treten auch nicht alle zurück. Koch-Merin ist noch im Amt, Schatzimakakis ist noch Abgeordneter...und beide immer wieder im TV....und daran wird sich wohl auch nix ändern...also...ist doch genauso wie in Frankreich....nur ohne Humor.
4. Bananenrepublik
hsiebold 18.02.2013
Schaut man sich die Qualität in Industrie und Politik an, weiß man, wie das Niveau in Frankreich ist. Unsere Nachbarn nehmen's gerne mit Humor? - nur wenn's an Eingemachte wie Agrarsubventionen, Atomstrom, etc. geht, verstehen die keinen Pass...
5.
testthewest 18.02.2013
Zitat von hsieboldSchaut man sich die Qualität in Industrie und Politik an, weiß man, wie das Niveau in Frankreich ist. Unsere Nachbarn nehmen's gerne mit Humor? - nur wenn's an Eingemachte wie Agrarsubventionen, Atomstrom, etc. geht, verstehen die keinen Pass...
Sie nehmen halt das mit Humor, was lustig ist. Dr. in Geisteswissenschaften sind doch ein ein Witz. Und über Atomstrom lacht auch in Dtl keiner, und härtere Richtlinien für große Autos wollen wir auch nicht... Also mal schön die Kirche im Dorf lassen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Plagiatsaffären
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 69 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Person
  • Hélène Maurel-Indart
    Hélène Maurel-Indart, geboren 1961, ist Literaturprofessorin an der Universität von Tours in Frankreich. Ihr Buch "Die kleine Untersuchung über den skrupellosen Plagiator" ist im Januar 2013 im Léo Scheer Verlag erschienen. Die Literaturwissenschaftlerin hat außerdem ein Werk zur Ursprünglichkeit von Werken und zum Plagiat mit dem Namen "Über das Plagiat" veröffentlicht. Und sie bloggt unter Le Plagiat.