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Frauen-Studiengänge: Männer müssen draußen bleiben

Für Germanistik entscheiden sich Frauen oft, für Maschinenbau oder Informatik nur selten - auch weil ein Studium allein unter Männern abschreckend wirkt. Spezielle Studiengänge nur für Frauen sollen das ändern. Manche Männer lästern über ein "Puddingstudium", aber das ist grober Unfug.

Frauen-Studiengänge: Lernen ohne Machosprüche Fotos
TMN

Katharina Müller, 30, hat sich schon immer für Technik interessiert. Ihren PC hat sie stets eigenhändig aufgerüstet. Da lag es nahe, Informatik zu studieren. Doch als sie ihren Bekannten davon erzählte, waren viele überrascht - vor allem die Männer. "Sie dachten, es wäre ein Scherz", erzählt Müller. Dabei ist sie im Hörsaal eine Frau unter vielen: Sie studiert an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) - in einem Frauenstudiengang.

Fünf solcher Angebote gibt es in Deutschland, und zwar für die Fächer Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen und Informatik. Frauen sind in typischen Männerfächern noch immer unterrepräsentiert: So machten sie im Wintersemester 2009/2010 in Informatik nur knapp ein Viertel und im Wirtschaftsingenieurwesen nur ein Achtel aus, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Frauenstudiengänge sollen helfen, diese Lücke zu schließen.

Susanne Ihsen beschäftigt sich an der TU München mit dem Geschlechterverhältnis in den Ingenieurwissenschaften. In einer Studie hat die Professorin Aussagen von Studenten in Technikfächern ausgewertet. Das Ergebnis: Fast jeder zehnten Studentin ist es unangenehm, in einem solchen Studiengang als Frau aufzufallen.

"Viele sagen sich: Das tue ich mir nicht an"

Ulrike Schleier wundert das nicht. "Frauen in technischen Berufen werden oft kritisch angeschaut. Viele sagen sich: Das tue ich mir nicht an", sagt die Professorin. An der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven leitet sie einen Frauenstudiengang, der 1997 als erster in Deutschland eingerichtet wurde. Das Ziel: "Frauen sollen sich frei von Rollenbildern entwickeln können", erklärt Schleier. Ihrer Berliner Kollegin Juliane Siegeris zufolge ist die Lernatmosphäre in einer männerfreie Zone entspannter: "Frauen trauen sich eher als männliche Kommilitonen, Fragen zu stellen", sagt die Professorin, die im Frauenstudiengang an der HTW in Berlin lehrt.

Für die Zulassung zu den Frauenstudiengängen ist je nach Hochschule das Abitur oder die Fachhochschulreife nötig. Für Bewerber mit Berufserfahrung greifen oft Sonderregelungen. "Bewerberinnen sollten sich für Technik und logisches Denken interessieren. Außerdem sollten sie keine Angst vor Mathematik haben", sagt Heide-Rose Vatterrott, die einen Frauenstudiengang an der Hochschule Bremen leitet. Vor allem der Wille zähle, ergänzt Ulrike Schleier: "Wie ein Kondensator funktioniert, muss man am ersten Tag noch nicht wissen." Das ist für viele ein Pluspunkt der Frauenstudiengänge. "Für mich war es ausschlaggebend, dass wir bei null angefangen haben", erzählt die Studentin Katharina Müller.

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind ausgezeichnet: "Firmen nehmen gut ausgebildete Absolventinnen derzeit mit Kusshand", sagt Susanne Ihsen. Angesichts des Fachkräftemangels umwerben einige Unternehmen sogar gezielt die weiblichen Technikexperten. "Viele Firmen wenden sich verstärkt mit einer frauenfreundlichen Policy nach außen."

"Es ist nicht Aufgabe der Fachfrau, soziales Schmieröl zu liefern"

Häufig fällt dabei der Begriff "Soft Skills". Gemeint ist oft, dass Frauen "weiche" Faktoren wie Kommunikationstalent und Teamfähigkeit eher mitbringen als Männer. Doch das sehen die meisten Professorinnen skeptisch: "Es ist nicht die Aufgabe der Fachfrau, soziales Schmieröl zu liefern", sagt Susanne Ihsen. Ähnlich sieht es Ulrike Schleier: Mit solchen Klischees stelle man die Frauen wieder in eine Ecke. "Ich kenne Studentinnen, die total unkommunikativ sind", sagt sie.

Es gibt viele Gründe, warum sich Studentinnen für Frauenstudiengänge entscheiden: Einige haben etwa im Informatikunterricht in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht. Andere scheuen die Konkurrenz zu Männern unter den Kommilitonen. "Männliche Studienanfänger bringen oft ein diffuses Halbwissen mit", sagt Heide-Rose Vatterrott. "Das kann Studentinnen anfangs einschüchtern."

Ob in Stralsund, Berlin oder Wilhelmshaven - eines haben alle Frauenstudiengänge gemeinsam: Sie sind inhaltlich genauso anspruchsvoll wie gemischte Angebote. Das ist den männlichen Kommilitonen anfangs oft nicht klar. "Viele männliche Erstsemester geben dumme Kommentare ab und unterstellen, das Frauenstudium sei leichter", so Ulrike Schleier. Die Bemerkungen reichten von "E Light" bis hin zu "Puddingstudium".

Katharina Müller studiert mittlerweile im dritten Semester. Und schon jetzt hat sie sich ein beachtliches Fachwissen angeeignet. Ihre männlichen Bekannten haben akzeptiert, dass sie ein Informatikstudium absolviert. Das hat einen Nebeneffekt: Immer öfter bitten sie die junge Frau bei Computerfragen um Rat.

Von Merle Schmalenbach, dpa

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1. Hmm...
Pacolito, 20.01.2011
Zitat von sysopFür Germanistik entscheiden sich Frauen oft, für Maschinenbau oder*Informatik nur selten - auch weil ein Studium allein unter Männern abschreckend wirkt. Spezielle Studiengänge nur für Frauen sollen das ändern. Manche Männer lästern über ein "Puddingstudium", aber das ist grober Unfug. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,736153,00.html
Sollen sie doch. Ich kann mir aber lebhaft das Geschrei vorstellen, sollte irgendeine Uni es wagen, einen reinen Männerstudiengang einzurichten.
2. Und nach dem Studium ?
BillWilcox 20.01.2011
Ist ja schön und gut, dass Frauen ermutigt werden sollen "Männerberufe" zu erlernen. Aber wenn sie bereits im Studium Angst vor der männlichen Konkurrenz haben, wie soll es dann erst im Berufsalltag werden?
3.
Motorpsycho 20.01.2011
Ein klarer Verstoss gegen das Antidiskriminierungsgesetz, oder nicht? Wird Zeit, dass ein Mann gegen soetwas klagt.
4. Und was machen die später im Job
README.TXT 20.01.2011
wenn ein Mann ihnen sagt: "Sie haben einen Fehler gemacht?" Renne sie dann gleich heulend zur Frauenbeauftragten und schreien "DISKRIMINIERUNG!". Wer stellt denn sowas später freiwillig ein? Reine Frauenfirmen? Also echt...
5. Tja
donbilbo 20.01.2011
Tja so ist das. Als ich studierte, wurden wir angeschrieben mit "Liebe Studenten". Das war natürlich Geschlechterdiskriminierung²³ wie wir jetzt zum Glück alle wissen. Deshalb heisst es inzwischen "Liebe Studierende". Die lieben Studierenden kennen die Diskriminierung des männlichen Geschlechts schon seit Jahren zB. in Form von mit Schranken versperrten, in bester Lage angelegten sogenannten Frauenparkplätzen. Ich lief im Winter im Dunkeln immer gerne einen Kilometer zum Massenparkplatz, schliesslich drohten als Gefahr ja nie Erkältung, Überfälle, Stürze im Glatteis oder durchnässte Kleidung im Dauerregen. Nein, die einzige Gefahr ging von männlichen Vergewaltigern aus, weswegen jede Frau einen kostenlosen, reservierten Frauenparkplatz beantragen konnte. Insofern sind Studiengänge rein für Frauen die logische Konsequenz. schliesslich hielt sie bis jetzt ausschliesslich der Männerüberschuss von naturwissenschaftlichen Studiengängen ab und keinesfalls die hohen Anforderungen und der "trockene" Stoff. Selbstverständlich werden die Frauenstudiengänge überhaupt nicht aufgeweicht oder leichter sein. Wie diskriminierend, so etwas überhaupt zu denken!
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Fünf Beispiele für Frauenstudiengänge
Women only - Frauen unter sich
Frauen sind in Technikfächern unterrepräsentiert und brauchen, wenn sie es dorthin schaffen, ein besonders dickes Fell - oder einen Studiengang nur für Frauen. "Monoedukation" heißt das in technokratischem Hochschuldeutsch. Da Ziel heißt, den Frauenanteil in technischen Fächern zu steigern. Funktioniert hat es bislang gut - auch dank dieser fünf Angebote.
Informatik und Wirtschaft, HTW Berlin
Abschluss: Bachelor of Science. Regelstudienzeit: sechs Semester (inkl. Praxissemester), http://fiw.f4.htw-berlin.de

Internationaler Frauenstudiengang Informatik, HS Bremen
Abschluss: Bachelor of Science. Regelstudienzeit: sieben Semester (inkl. Auslands- und Praxissemester) http://hs-bremen.de
WirtschaftsNetze (eBusiness), FH Furtwangen
Abschluss: Bachelor of Science, Regelstudienzeit: Sieben Semester (ink. Praxissemester, Auslandssemester möglich), http://www.more-than-an-it-girl.de/
Wirtschaftsingenieurwesen, FH Stralsund
Abschluss: Bachelor of Science, Regelstudienzeit: 7 Semester, www.fh-stralsund.de
Wirtschaftsingenieurwesen, FH Wilhelmshaven
Abschluss: Bachelor of Science, Regelstudienzeit: 7 Semester, davon die ersten 3 Semester als Frauenstudiengang, danach gemischt, http://www.fh-oow.de/
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Gehaltsreport: Kluft zwischen Frauen und Männern