Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Frust bei katholischen Studenten: Nur noch ein bisschen Papst

Von Inga Rapp

"Be-ne-det-to" skandierte die katholische Jugend beim Amtsantritt des deutschen Papstes. Doch seit den Querelen um die Piusbruderschaft wachsen unter Theologiestudenten Zweifel an Benedikt XVI. Offenen Protest wagt trotzdem niemand - aus Furcht vor Repressalien des Kirchenapparats.

"Wir waren fassungslos und schockiert", sagt Raphael Rauch. Der 23-jährige katholische Student aus Tübingen vertritt die Stipendiaten des Cusanuswerks. Die gläubigen Studenten traf die päpstliche Entscheidung Ende Januar, vier Bischöfe der rechtskonservativen Piusbruderschaft wieder in die katholische Kirche aufnehmen zu wollen, darunter einen Leugner des Holocaust, tief ins Mark. Die Cusaner hatten am Dienstag in einer öffentlichen Stellungnahme gefordert, das Zweite Vatikanische Konzil dürfe "nicht relativiert werden". Mit dem Konzil hatte die katholischen Kirche in den sechziger Jahren antisemitische Passagen aus der Liturgie getilgt und sich der Neuzeit geöffnet, die Piusbrüder lehnten das Konzil bislang ab.

Nachdem der Vatikan nach langem Zögern den Holocaust-Leugner Richard Williamson am Donnerstag zum Widerruf seiner Aussagen aufforderte, herrscht bei den Cusanern allerdings "große Erleichterung", sagte Rauch SPIEGEL ONLINE. Rauch ist sicher, dass die Kurie in Rom erst durch den von ihr nicht erwarteten Proteststurm aufgerüttelt wurde: "Ohne den öffentlichen Widerstand hätte es diese Erklärung des Vatikans nicht gegeben."

Rom und die Basis: zwei Paar Schuhe

Im katholischen Volksmund heißt es schon lange: Egal was Rom macht - wir bleiben katholisch. Eine Kluft zwischen dem Vatikan und dem persönlichen Erleben junger Menschen besteht seit Generationen. Das Zweite Vatikanische Konzil war ein großer Schritt auf dem Weg zu mehr Nähe zwischen Rom und der Basis. "Für einen Jugendverband ist es das A und O, dass wir unsere Kirche gestalten können", sagt Lena Blömacher. Die 25-Jährige studiert Pädagogik in Köln. In ihrer Freizeit arbeitet sie ehrenamtlich in der Leitung der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG). "In der Verbandsarbeit sind unsere höchsten Werte Demokratie und Mitbestimmung", sagt Blömacher. Auch Verzeihen können gehöre dazu. "Versöhnung ist wichtig, und gerade der Papst als Oberhaupt sollte Versöhnung anstreben. Aber die Leute, die Fehler gemacht haben, müssen auch bereuen."

Alexander Stiehl, KJG-Jugendleiter aus Leverkusen, sieht das ähnlich. "Grundsätzlich finde ich das sehr gut, wenn man Verstoßenen die Hand reicht." Doch Stiehl ist auch skeptisch. "Ich glaube nicht, dass die Piusbruderschaft jetzt umkehrt und von ihrer konservativen auf eine liberale Linie umschwenkt." Josephine Echterhoff, ebenfalls katholische Jugendleiterin aus Köln, zweifelt, ob die Piusbruderschaft zu ernsthafter Reue in der Lage ist: "Es geht um die Ehrlichkeit. Wenn man ehrlich bereut, dann ist klar, dass man wieder in die Gemeinschaft integriert werden kann." Bisher erkennt die 20-jährige Studentin allerdings diese Reue bei den Piusbrüdern nicht. Ihren Verbandskollegen fällt ein Urteil ebenso schwer. Sie können nur mutmaßen, was hinter den dicken Mauern des Vatikans in den letzten Tagen passiert ist. Lena Blömacher sagt: "Ich fühle mich wie jemand, der richtet, ohne die Beweise gesehen zu haben. Und das gefällt mir nicht."

Anonym aus Angst vor der Macht der Kirche

Viele junge Katholiken fürchten nicht nur das Richten, sondern haben auch Angst, dass sie sich damit selbst vor den Richter bringen. Unter den Theologiestudenten schlagen die Wogen der Diskussion derzeit hoch, doch kaum einer möchte mit Namen erwähnt werden.

Die katholische Kirche hat Macht, und hier spürt man sie deutlich. Keiner der angehenden Religionslehrer will riskieren, nach seinem Studium die Lehrbefugnis für den Religionsunterricht nicht zu erhalten. "Rückschrittlich" nennt Elke Hans* das Verhalten des Papstes: "Ich denke, dass er die Folgen seines Handelns absehen kann." Ihre Kommilitonin Sabine Miller* ist ebenso empört. "Ich persönlich finde die Leugnung des Zweiten Vatikanums genauso schlimm wie die Leugnung der Shoa", sagt sie. Von der Kirche will sie sich dennoch nicht abwenden. "Austreten werde ich ganz bestimmt nicht. Kirchenpolitisch war das Auftreten des Papstes nicht glückliche, aber das wird das Leben an der Basis trotzdem nicht wirklich verändern."

Anne Pohlmann*, Studentin aus Dortmund, versucht die Lage differenziert zu sehen. "Durch die Rehabilitierung für die Piusbrüder scheint es so, als ob die Kirche wieder ultrarechts wird und als ob die Leugnung des Holocaust mit Einwilligung des Papstes hingenommen wird. Das macht es natürlich schwer, zu seinem Glauben zu stehen."

Doch was wäre Glaube ohne Hoffnung? "Beachtlich finde ich, dass sich die Öffentlichkeit, sei es in der Politik oder der Kirche, klar positioniert." Auch der jungen Katholikin ist in diesen Tagen wichtig, dass es einen Unterschied gibt, zwischen den hohen Herren in Rom und der kirchlichen Basis. "Ich hoffe, dass die breite Masse unterscheiden kann zwischen der Meinung des Vatikans und der aktiv gelebten christlichen Gemeindearbeit." Nach Papst-Euphorie wie noch anno 2005 klingt das nicht mehr.

Alles nur eine Kommunikationspanne?

"Wir müssen anderen ermöglichen, uns zu verstehen", sagt Nathanael Liminiski. Der 23-Jährige hat es im Moment schwer, denn er vertritt als Sprecher die "Generation Benedikt", ein Jugendnetzwerk, das aus dem "Wir sind Papst"-Jubel rund um den Weltjugendtag 2005 hervorgegangenen ist.

Liminski sieht das Fiasko um die aufgehobene Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson vor allem als Kommunikationspanne: "Die Bischöfe und der Vatikan müssen sich medienpolitisch beraten lassen. Wir müssen uns auf die Gegebenheiten dieser Welt einlassen. Dazu gehören auch die Gesetze der Mediengesellschaft." Sein Vorschlag: "Wenn man die Rücknahme einer Exkommunikation veröffentlicht, dann gehört parallel ein Kommuniqué dazu, das erklärt, was Exkommunikation eigentlich ist."

Darüber hinaus hat Liminski Hilfestellung durch die deutschen Bischöfe vermisst. "Als 'Generation Benedikt' erwarten wir von Führungskräften mehr als nur den Ausdruck ihrer emotionalen Befindlichkeit."

Liminski hofft, dass die Kirche aus der Katastrophe gestärkt hervorgeht und "die eigenen Reihen nun enger zusammenrücken". Doch auf welcher Basis dieses Zusammenrücken erfolgen soll, sagt er nicht. Fest steht für den Vertreter der "Generation Benedikt": "Nur Anti-Rom als Identität ist zu wenig." In diesen finstern Zeiten für die Kurie in Rom scheint es, als hätte Liminski gerne etwas vom Überschwang des Weltjugendtages zurück, wenn er traurig sagt: "Der Schaden ist groß. Die Erträge des Weltjugendtags gehen zurzeit kaputt."

* Namen geändert

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Jünger voll der Zweifel: Katholische Studenten und ihr Papst

Fotostrecke
Gottesgeschenk Nathanael: Abendessen mit dem Papst