Strafe für schlechte Doktorarbeiten: Nur Kopf-ab, Kopf-dran ist zu wenig

Doktorarbeit von Annette Schavan: Bitte nacharbeiten! Zur Großansicht
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Doktorarbeit von Annette Schavan: Bitte nacharbeiten!

Schavan hat geschlampt und nicht betrogen, meint der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Hartmut Steuber. Die Ministerin hätte den Titel nicht verlieren müssen. Ein Plädoyer für einen Mittelweg zwischen Entzug und Titelschmuck: die nachträgliche Korrektur.

Ohne Frage: Eine Doktorarbeit wie die von Frau Schavan hätte nicht angenommen werden dürfen. Sind deshalb "die Uni" und der Doktorvater schuld, wie George Turner in einer überzogenen Polemik im SPIEGEL behauptet? Trägt der Doktorvater ein wenig Mitschuld, wie Schavan versehentlich oder absichtlich im "Zeit-Magazin" andeutet?

Nein. Doktorväter und Doktormütter haben nicht die Aufgabe, wie Mütter und Väter die kleinen Doktorandinnen und Doktoranden vor Dummheiten zu bewahren, sie ständig zu begleiten und ihnen geduldig das Zitieren beizubringen. Schließlich sollen diese ja den Nachweis erbringen, dass sie zu eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit in der Lage sind. Die Prüfer müssen am Anfang einer Arbeit bei der Themenstellung beraten, danach zur Verfügung stehen, wenn man sie fragt, und am Schluss die wissenschaftliche Qualität der Arbeit beurteilen. Mehr nicht.

Man darf nicht von ihnen verlangen, jede Arbeit unter Generalverdacht zu stellen und misstrauisch jedes Zitat zu prüfen. Man kann auch nicht erwarten, dass sie die Texte, die der Doktorand referiert, wortgetreu auswendig kennen, und man kann sie erst recht nicht verpflichten, alle diese Texte zum Abgleich heranzuziehen.

Die Prüfer müssen das Risiko eingehen, getäuscht zu werden, denn die Nebenfolgen einer totalen Risikovermeidung wären für die wissenschaftliche Arbeit an den Hochschulen katastrophal.

Wiederum ohne Frage: Der Leser der Doktorarbeit von Frau Schavan wird an vielen Stellen getäuscht. Diese objektive "Tatsache des Getäuschtwerdens" erlaubt aber keinen logischen Rückschluss auf den "Tatbestand der Täuschungsabsicht".

Es kann sein, dass Frau Schavan tatsächlich täuschen wollte. Es kann aber auch sein, dass sie tatsächlich nur an vielen Stellen ihrer Arbeit sehr schlampig gearbeitet hat. Gemäß dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" sprechen wir also von Schlamperei. Wenn ihre Schlamperei entdeckt worden wäre, als sie die Arbeit einreichte, wäre ihr die Arbeit zur Korrektur zurückgegeben worden. Das passiert in vielen Fällen, ohne dass irgendjemand davon erfährt. Eine solche Chance zum zweiten Anlauf gibt es nun nicht mehr. Was nun?

Jetzt kann ihr nur für ihre Schlamperei - ich gebrauche diesen Ausdruck weiterhin - der Titel entzogen oder trotz ihrer Schlamperei der Titel belassen werden. Das ist beides nicht gut. Aber die deutschen Promotionsordnungen erlauben anscheinend nur Schwarzweiß-Entscheidungen und keine Zwischenlösungen. Ich halte es für eine gute, wenn auch nicht leicht realisierbare, Idee, eine Drei-Stufen-Reaktion auf handwerkliche Mängel in alle Promotionsordnungen einzuführen:

Stufe 1: Mindere handwerkliche Mängel (Flüchtigkeitsfehler): Falls sie bereits bei der Abgabe entdeckt werden, Rückgabe zur Korrektur oder Herabstufung der Note; keine Konsequenzen bei späterer Entdeckung.

Stufe 2: Größere handwerkliche Mängel, wie meines Erachtens bei Schavan: Rückgabe zur Neubearbeitung oder Ablehnung des Promotionswunsches direkt nach Einreichung der Arbeit; falls diese Mängel erst später - gegebenenfalls auch Jahrzehnte später - entdeckt werden, Verpflichtung des Verfassers, die Mängel in einer digitalen Zusatzpublikation zu beseitigen, die auf einem zentralen Server unter dem gleichen Namen und Titel wie die Dissertation mit dem Zusatz "Korrekturen vom [Datum]" öffentlich bereitgestellt wird. Keine Aberkennung des Titels, wenn die Auflage erfüllt wird.

Stufe 3: Betrugsfälle oder unkorrigierbare handwerkliche Fehler (wie bei Guttenberg): Aberkennung des Titels.

Eine solche - immer noch grobe - Differenzierung machte es möglich, nicht alles in einen Topf zu werfen. Mangelnde Differenzierung gilt schließlich als unwissenschaftliche Unsitte. Und keine Sorge: Nicht nur Stufe 3, auch Stufe 2 hätte abschreckende Wirkung. Eine Verjährungsfrist, die zurzeit in der Diskussion ist, würde die Abschreckung verringern und unter Umständen auch Arbeiten à la Guttenberg bestehen lassen.

Dass es keine klar bestimmten Grenzen zwischen den drei Stufen gibt, bleibt ein Problem - auch im Fall Schavan. Aber wozu sind im Streitfall Gerichte da? Für Richter sind unbestimmte Rechtsbegriffe ja etwas Alltägliches. Die inhaltliche Qualität einer Doktorarbeit kann bei solchen Verfahren keine Rolle spielen. Das wurde in der Diskussion um Schavans Doktorarbeit bisweilen übersehen; da hieß es dann, sie habe seitenlang nur referiert und paraphrasiert.

Auch hier muss differenziert werden. Wenn das Paraphrasieren fremder Texte nicht zu einem kritischen Vergleich und zu weiterführenden eigenen Lösungsversuchen oder zur Anwendung auf neue Gebiete führt, ist es unergiebig und wissenschaftlich belanglos. Paraphrasierungen hingegen, die fremde Texte und Ideen wiedergeben, um von dort aus zu "neuen Ufern" zu gelangen, sind die Voraussetzung des Gelingens innerwissenschaftlicher Kommunikation.

Im Düsseldorfer Arbeitsmethoden-Heft "Düsseldorfer Materialien zum Studium der Erziehungswissenschaft 1" von 1978 hieß es auf Seite 20: "Es ist in der Wissenschaft nicht anders als im Alltag: gute Gesprächspartner knüpfen an das, was andere gesagt haben, an und versuchen, die Diskussion mit ihrem Beitrag ein Stück weiterzubringen." Was die Arbeit von Frau Schavan betrifft, so können nur Fachleute beurteilen, ob ihr Beitrag - trotz handwerklicher Mängel - zur damaligen Zeit die Diskussion ein Stück weitergebracht hat. Aber das steht, wenn es jetzt vor Gericht um ihren Titel geht, nicht zur Debatte.

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1. Sonderegelung
ketzer2000 13.02.2013
Zitat von sysopSchavan hat geschlampt und nicht betrogen, meint der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Hartmut Steuber. Die Ministerin hätte den Titel nicht verlieren müssen. Ein Plädoyer für einen Mittelweg zwischen Entzug und Titelschmuck: die nachträgliche Korrektur. Gastbeitrag von Hartmut Steuber: Plädoyer für nachträgliche Korrektur - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/gastbeitrag-von-hartmut-steuber-plaedoyer-fuer-nachtraegliche-korrektur-a-882672.html)
Nur zwei Fragen: Warum ist Frau Schavan mit ihrer Doktorarbeit ein Fall Stufe 2? Und wer legt denn fest, welche Stufe gewählt wird? Wird es zukünftig auch bei Diplom oder sonstigen Leistungsnachweisen, bei denen betrogen wurde die Möglichkleit geben, die Leistung zu korrigieren? Das alles sieht wieder nach einem Lex Politicus aus, Es ist halt so, wenn man bescheißt, dann fliegt man. Wenn ein Unternehmen einen Mitarbeiter los werden will, dann braucht man nur die Arbeitszeiterfassung oder die Spesenabrechnungen genau zu prüfen. Dann findet man immer was.
2. Pech durch IT
reutter 13.02.2013
Die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens haben sich seit über hundert Jahren nicht geändert. Vor Einführung der Informationstechnik war es relativ leicht, Doktorväter/mütter zu hintergehen. Jedem Studenten war gegen Ende des Studiums klar, in welchem Literaturkanon sich die einzelnen Professoren bewegen. Für Examens- und Doktorarbeiten konnte man zum Abschreiben ganz andere Literatur zu Hilfe nehmen. Man konnte ziemlich sicher sein, dass die prüfenden Professoren nicht die gesamte in Frage kommende Literatur detailliert im Kopf hatten. Und so blieben Plagiate zwangsläufig unentdeckt. Durch die Einführung der modernen Informationstechnik konnten Plagiate auch alter Arbeiten relativ leicht aufgedeckt werden. Wat'n Pech!
3. optional
naeltard 13.02.2013
So ein Unsinn. Für Doktorarbeiten gelten die selben Spielregeln wie für ALLE wissenschaftlichen Arbeiten. Entweder, sie genügen den Standarts und man hat bestanden, oder eben nicht. Dissertationen im Nachhinein anders zu behandeln als bei der Abgabe entspricht keinem wissenschaftlichen Standart. Im übrigen wäre diese am Rande erwähnte "Verjährungsfrist" ein Schlag für jeden renommierten Wissenschaftler, der sich dann mit verjährten Betrügern auf einer Stufe sehen muss.
4. Morbus Verwässerung nun auch beim SPIEGEL angekommen
ulrich_frank 13.02.2013
nachdem die Süddeutsche Zeitung schon dahingerafft wurde (Artikel von Denkler, Prantl und heute ein "Gastkommentar" von Winnacker). Wie das System dann noch funktionieren sollte, wenn alle Doktoranden (oder einige, welche sich Vorteile verschaffen wollen), zunächst einmal schlampig arbeiten dürfen, um dann Jahrzehnte später, nachdem andere schlampige Zitate entnehmende Doktorarbeiten verdorben wuden, läßt der Autor offen. Sancta simplicitas! Si tacuisses, Steuber!
5. Das möchte ich auch für meine Abschlussarbeit
twister-at 13.02.2013
Die hat mir damals ja immerhin meine berufliche Laufbahn nicht leichtgemacht. Da waren halt "handwerkliche Fehler, Flüchtigkeitsfehler usw." - zwar hab ich dadurch keinen Titel errungen, sondern leider leider eine schlechte Zensur im Abschlusszeugnis bekommen, aber warum sollte ich nicht auch solche Möglichkeiten haben? Ich geh einfach hin und geb eine korrigierte Version ab und das wird dann im Abschlusszeugnis vermerkt, dass ich halt da flüchtig gearbeitet habe bzw. getäuscht habe usw, kann ja mal vorkommen.
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Zur Person
  • Hartmut Steuber, 69, promovierte 1978 am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Düsseldorf. Im gleichen Jahr gab er das Arbeitsmethoden-Heft "Düsseldorfer Materialien zum Studium der Erziehungswissenschaft 1" heraus, ein wichtiger Beleg für die damaligen Zitierregeln im Plagiatsverfahren gegen Annette Schavan. Bis 2008 leitete Steuber die Informationsstelle Erziehungswissenschaft und ist nun Herausgeber der Literaturverwaltungssoftware Citavi (lateinisch für: "Ich habe zitiert.")

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DPA
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