Gebührenboykott in München: Mit Karacho gegen die Wand

Von Sebastian Christ

Ein Campusmaut-Boykott kann gelingen, ehrenwert scheitern - oder spektakulär verpuffen. An Münchens Mammut-Uni LMU überzeugten die Gebührenrebellen nur 0,37 Prozent aller Studenten: der bundesweit wohl erfolgloseste aller Versuche. Wie konnte so ein Fiasko passieren?

Natürlich, auch andere sind gescheitert. An vielen Unis wurden Studiengebühren boykottiert, und fast überall verfehlten die Organisatoren die selbst gesetzten Mindestmarken. Nur an der Hamburger Kunsthochschule machten über die Hälfte der Studenten mit - und sollen jetzt vor die Tür gesetzt werden. An der Uni Hamburg beteiligten sich immerhin noch 6000 Studenten, doch das reichte nicht. Auch in ganz Baden-Württemberg mussten Boykottversuche abgesagt werden. Und in Dortmund machten nur 500 Studenten mit.

So krass wie in München ist wohl noch kein Gebührenprotest in Deutschland von den Kommilitonen ignoriert worden. Felix Binder nimmt es äußerlich gelassen. "Es steht zu befürchten, dass wir belächelt werden", sagt der Student aus dem Organisationsteam des Gebührenboykotts. "Aber es ändert nichts daran, dass wir wahrgenommen werden." Ein wenig zerknirscht klingt es schon.

Von den 44.000 Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität beteiligten sich nur 163 am Maut-Verweigern. Das ergibt armselige 0,37 Prozent. Und das ist noch relativ viel, wenn man bedenkt, dass zwei Wochen vor Boykott-Schluss ganze 9 Kommilitonen (in Worten: neun) ihr Geld auf das eingerichtete Treuhandkonto eingezahlt hatten, statt es an die Uni zu überweisen. Das selbst gesetzte Quorum für einen erfolgreichen Boykott: 10.000 Teilnehmer. Nur dann wäre das Geld nicht an die Universität weitergeleitet worden.

Im Organisationsteam arbeiteten etwa 20 Leute. Sie verteilten gemeinsam Flugblätter, warben auf einer Internetseite für ihre Sache. Zu Beginn des Semesters gab es eine Vorlesung im Hauptgebäude. Der Verwalter des Treuhandkontos wollte den Münchner Studenten das Prinzip des Boykotts erklären. Schon damals kamen kaum mehr als zwei Dutzend Leute.

Münchens Studenten sind notorisch friedlich

Immer wieder versuchten die Campusmaut-Rebellen, ihre Kommilitonen im direkten Gespräch zu überzeugen. Felix schätzt, dass allein er mit etwa 500 Studis über den Boykott geredet hat. Und selbst als die Lage schon aussichtslos war, als kurz vor Schluss weniger als 100 Studenten mitzogen, liefen die Boykotteure noch durch die Mensa und streuten Infozettel auf die Tische.

Es gab viele, die den Studiengebühren-Protesten in Bayerns Landeshauptstadt von Anfang an nur geringe Chancen eingeräumt haben. Ende 2003 kam es zu den letzten großen Studentenprotesten, als der LMU-Etat gekürzt werden sollte. Damals zogen mehrere Zehntausend über die Ludwigstraße. Doch danach ebbte die Demo-Bereitschaft schlagartig ab.

Im Januar 2005 fällte das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zu Studiengebühren. Auch in München wurden danach Großproteste angekündigt - dazu kam es freilich nie. Im Gegenteil: Je näher das erste zahlpflichtige Uni-Semester rückte, desto friedlicher wurden die Münchner Studenten.

Das hat auch Felix beobachtet. "In den letzten Semestern sind die Aktionen immer kleiner geworden", sagt er. So gab es beispielsweise Anfang 2006 im Lichthof der Uni ein Protestcamp gegen Studiengebühren. Etwa 50 Studenten zelteten vor dem Audimax und lebten einige Wochen in der Uni. Kaum einer ihrer Kommilitonen nahm wirklich Notiz davon, obwohl sich die Protestler Mühe gaben, wahrgenommen zu werden.

"Wir BWLer müssen für Gebühren sein"

Wahrgenommen werden: Das ist ohnehin ein großes Problem in München. Die Millionenmetropole an der Isar ist eben keine typische Studentenstadt, obwohl die LMU Deutschlands zweitgrößte Universität ist. So etwas wie eine studentische Kultur, gar verbunden mit Protest, gibt es in München kaum. Zudem liegen die Uni-Institute über das gesamte Stadtgebiet verstreut. "Wir hatten einfach nicht genug Leute, um überall gleichzeitig zu sein", sagt Felix.

Und selbst wenn die Protestler gesehen und gehört werden, gibt es da noch ein Problem: Manche Münchner Studenten sind Gebühren gegenüber gar nicht so abgeneigt - mit der Vorstellungswelt der Boykotteure ist es kaum kompatibel, dass Kommilitonen die Campusmaut gut und richtig finden. Felix hat das erlebt, als er einen Betriebswirtschaftler überzeugen wollte. "Ich habe ihn gefragt: 'Machst du mit?' Und er hat dann geantwortet: 'Ich studiere doch BWL, wir müssen für Studiengebühren sein'."

Ein weiteres Problem, so Felix, sei die hohe Zahl der Gebührenbefreiungen. Wer im Praxissemester ist, ins Ausland geht oder gerade seine Magisterarbeit schreibt, der muss in München nicht zahlen oder bekommt seine Gebühren zurückerstattet. So kamen etwa 15 Prozent der Münchner Studenten vorläufig um das neue Bezahlstudium herum. Protestieren wird da eher drittrangig.

Die erfolglosen Boykotteure wollen sich auch in Zukunft treffen. Im Schweinchenbau, einem rosafarbenen Betonklotz in Rufweite der Mensa, in dem unter anderem die Psychologen lernen und lehren. "Vielleicht muss man sich überlegen, ob mit dem Konzept etwas zu erreichen ist", sagt Felix.

Ob er den Boykott bereut? "Nein, sicherlich nicht", sagt Felix Binder. "Wir sind auch nicht wirklich enttäuscht, obwohl wir so krass am Quorum vorbeigeschrammt sind." Unter Umständen wollen sie es erneut probieren. Im nächsten Semester.

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