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Gebührenkompass: Keinen Schimmer, wo das Geld bleibt

Von Frank van Bebber, und

Wie denken Studenten über die Campusmaut? Desaströses Fazit einer neuen Studie: Fast niemand weiß, was mit dem Geld geschieht. Und 70 Prozent würden Studiengebühren lieber heute als morgen abschaffen - denn vielen Studenten fehlte jedes Vertrauen in Unis und Politik.

Ein paar Fragen zu Studiengebühren? "Och nee, wir entspannen gerade." Auf der Wiese vor der Mannheimer Uni-Mensa strecken Studenten ihre blanken Bäuche in die Mittagssonne. Es ist der erste schöne Tag im Mai.

Gebührenscout: Hoang Ngon Dinh befragte Mannheimer Studenten
Frank van Bebber

Gebührenscout: Hoang Ngon Dinh befragte Mannheimer Studenten

Nur Hoang Ngon Dinh, 26, schlendert über den Rasen, um zu arbeiten. Der Stuttgarter Wirtschaftsstudent ist einer von 87 Gebührenscouts, die der Hohenheimer Marketing-Professor Markus Voeth im Frühjahr an alle gebührenpflichtigen Universitäten Deutschlands schickte. Ihre Mission: Herausfinden, was Deutschlands Studenten über Studiengebühren denken.

Für Hoang Ngon Dinh ist es der Praxisteil seines Seminars über Marktforschung. Er ist im zehnten Semester und hält eine Campus-Maut von 500 Euro "für noch machbar". Doch das zählt auf dem Rasen vor der Mannheimer Uni nicht. Im Seminar haben sie gelernt, so neutral zu fragen, dass es die Ergebnisse nicht verzerrt.

Die Meinung von Studenten ist sonst ohne Belang

Seit halb neun spricht Hoang Ngon Dinh vor der Mensa Studenten an und muss bis zum Abend 100 finden, die mit ihm den Fragebogen ausfüllen. Fleißarbeit ohne Lohn, nur die Fahrkarte zahlt der Marketing-Lehrstuhl. "Was, du kriegst nichts dafür?", wundert sich eine Studentin und rückt ihre Sonnenbrille zurecht. Immerhin, wer sich gut zehn Minuten durch den Fragebogen gequält hat, bekommt vom Gebührenscout ein Tütchen Gummibärchen.

Der Hochschüler an sich sonnt sich lieber, ist in Zeitnot oder verwickelt den Gebührenscout in Meta-Debatten über Methoden der Meinungsforschung. "Hatte ich auch gerade ein Seminar drüber", sagt einer und mäkelt am Fragekonzept, während Hoang Ngon Dinh seine mürrischen Antworten markiert.

Vor allem aber blickt Hoang Ngon Dinh in erstaunte Gesichter.

Studiengebühren? Und wie sie deren Wirkung beurteilen? Das wollte von diesen Studenten noch niemand erfahren. Denn im Zweifel gilt das alte Motto "Will man den Sumpf trockenlegen, darf man nicht die Frösche fragen". Also fragen die Wissenschaftsministerien die murrende "Kundschaft" lieber gar nicht erst und stellen sich einfach selbst gute Zeugnisse aus. Oder sie besorgen sich die Absolution bei den Hochschulen, die ebenfalls ganz begeistert von sich selbst sind: Alles wird gut, alles fließt in die Lehre, alles in Butter.

Sehen ganz normale Studenten das auch so? Als die Sonne im Zenit steht und Hoang Ngon Dinh 40 ausgefüllte Fragebögen hat, steht der erste Trend fest: "Die Stimmung ist, dass die Studierenden nicht wissen, wofür das Geld eigentlich verwendet wird", sagt er, "die meisten haben schon eine Meinung, aber sind nicht richtig interessiert." Verbesserungen hätten die Studenten jedenfalls kaum bemerkt.

Keine Spur von Verbesserungen

Was der Mannheimer Gebührenscout beschreibt, deckt sich mit der generellen Stimmung an Deutschlands Hochschulen. Der Lehrstuhl für Marketing der Universität Stuttgart-Hohenheim befragte bundesweit rund 6000 Studenten an 54 Universitäten, die bereits die Campusmaut eintreiben, pro Hochschule also mindestens 100 Interviews. Die neue Studie "Gebührenkompass 2008" liegt jetzt vor und zeichnet ein klares Bild:

  • 70 Prozent aller zahlenden Studenten sprechen sich dafür aus, die Studiengebühren sofort abzuschaffen. Nur 16 Prozent wollen daran festhalten, der Rest ist unentschieden. Gegenüber der ersten Umfrage im Vorjahr ist die Quote der Gebührengegner sogar noch leicht gestiegen.

  • Die Länder und Hochschulen beteuern, dass alle Einnahmen direkt in die Verbesserung der Lehre und der Studienbedingungen fließen. Drei Viertel der Gebührenzahler konnten aber bisher keinerlei echte Verbesserungen feststellen - und die meisten rechnen auch für die Zukunft nicht damit.

  • In Schulnoten liest sich das Verdikt der Studenten besonders niederschmetternd: Im Schnitt vergeben sie eine 4,55 für die Verwendung des Geldes - also Tendenz zu "mangelhaft" und ebenfalls schlechter als im Vorjahr.

  • Keine einzige Universität schaffte eine bessere Zensur als 3,5. Noch am besten schneiden die Universitäten in Bayreuth, Clausthal, Konstanz, Bamberg und Aachen mit Dreier-Noten ab. Fünfen kassierten dagegen Wuppertal, Duisburg-Essen, die LMU München, Oldenburg, Siegen, Düsseldorf, Bielefeld und Stuttgart.

Die für die sieben Landesregierungen und 54 Hochschulen rundum negativen Ergebnisse zeigen, wie schlecht es ihnen bisher gelungen ist, Auskunft über Sinn und Verwendung der Studiengebühren zu geben. Anders formuliert: Der Gebührenkompass ist eine glatte Ohrfeige - die Studenten haben keinen Schimmer, wo das Geld bleibt. Satte 85 Prozent fühlen sich darüber schlecht unterrichtet.

Zudem ist die Unzufriedenheit nahezu flächendeckend. Der Studie zufolge reichen die Ursachen von mangelhafter Information bis zu der Befürchtung, dass Landespolitiker die Extra-Euros nutzen, um fortan die Ausstattung der Universitäten zu kürzen. In diesem Punkt fehlt vielen Studenten jedes Vertrauen in die Politik. Was sie verlangen, zeigt die Untersuchung ebenfalls klar: vor allem ein besseres und umfangreicheres Lehrangebot und mehr Transparenz.

Auch Bayern und Baden-Württemberg erhalten Noten im Viererbereich, dennoch schneiden sie in punkto "Kundenzufriedenheit" noch am besten ab. Wer sich besser informiert fühlt, ist insgesamt auch zufriedener - oder jedenfalls etwas weniger unzufrieden. Aber selbst im Südwesten sprechen sich 62 Prozent der Studenten dafür aus, den Zwangsobolus wieder abzuräumen. In Bayern sind es 66 Prozent, in Hessen satte 85 Prozent - dort geht es in Sachen Campusmaut besonders turbulent zu.

Unis als Kommunikations-Versager

Markus Voeth, Autor der Studie, fordert eine neue Art der Kommunikation: "Die Universitäten müssen den konkreten Nutzen für Studenten ins Zentrum stellen - und nicht ein Report-Wesen aufbauen, das lediglich die gesetzeskonforme Verwendung belegt." Dass die meisten Studenten über den Verbleib ihres Geldes rätseln, sieht er als Kernproblem. "Die Hochschulen müssen ihre Verpflichtung erkennen, für die Gebühren zu werben und die Studenten zu überzeugen", sagte Voeth SPIEGEL ONLINE.

Den umtriebigen Hohenheimer Marketing-Professor hat noch niemand verdächtigt, zur ideologisch gefestigten Anti-Gebühren-Fraktion zu gehören. Im Gegenteil: Er befürwortet die Campusmaut, argumentiert dabei konsequent ökonomisch und sieht die Studenten als zahlende Kunden, die allerdings mit ihrem Geld das Recht auf eine angemessene Leistung erwerben. Ein Kellner im Restaurant könne auch nicht sagen: "Jetzt zahlen Sie erst mal 80 Euro, dann gucken wir, was für ein Essen Sie bekommen", so Voeth im SPIEGEL-ONLINE-Interview, nachdem er öffentlichkeitswirksam "zehn Service-Versprechen für eine bessere Lehre" an die Hohenheimer Uni-Wand gedübelt hatte.

Ernsthaft mitbestimmen, wohin das Geld fließt, dürfen Studenten fast nirgendwo. Was sich aus ihrer Sicht ändern muss, wo es in der Lehre brennt, das wollen weder die Hochschulen noch die Ministerien so genau wissen. Voeth plädiert für mehr Offenheit und Transparenz - erst mit einem Mentalitätswandel ließe sich die Akzeptanz der Studiengebühren steigern.

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Forum - Studiengebühren - was ist die beste Lösung?
insgesamt 1214 Beiträge
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1.
Anke, 11.06.2008
keine Studiengebühren. Die Studenten zahlen ohnehin schon Verwaltungsgebühren und ihr Semesterticket. Bei letzterem unterscheiden sich die Beträge abhängig vom Verhandlungsgeschick der Uni mit den ansässigen Nahverkehrsunternehmen ganz erheblich in Höhe und Reichweite. Ein Studium ernsthaft betrieben erfordert eine 60-Stunden-Woche. Meines Erachtens sollten Studenten deshalb während ihres Studiums finanziell unterstützt werden - und zwar alle - um die Notwendigkeit des Nebenjobs zu minimieren und die Möglichkeit, das Studium innerhalb der gesetzten Regelstudienzeit abzuschließen zu maximieren. Nach Beendigung des Studiums sollten die frischgebackenen Absolventen ihrerseits die während ihres Studiums entstandenen Kosten zurückzahlen - innerhalb eines festzulegenden Zeitraumes selbstverständlich und in einem angemessenen Rahmen.
2.
eiffe, 11.06.2008
Lösung: Studiengebühren abschaffen. So wäre eine weitere Hürde, ein Studium zu beginnen, beseitigt. Gegenüber anderen Industrienationen könnte man die Studentenzahl noch ordentlich steigern. Die Universitäten sollten mit den Steuergeldern der Allgemeinheit finanziert werden, schließlich sind es auch die Studenten, die später einen nicht unerheblichen Teil an Steuern zahlen. Auch ansonsten sind viele Studierende eine Bereicherung für die Gesellschaft, Bildung schützt vor vielerlei Ungemach. Ob steuerfinanzierte Universitäten auch "Eliteuniversitäten" im weltweiten Vergleich werden können, hängt allein von der Menge der Gelder und der Organisation ab.
3. ...
jojo1987 11.06.2008
Wie in einigen Bundesländern praktiziert, ist es doch sehr sinnvoll, Dauerstudenten (also ab Regelstudienzeit + x Semester) zahlen zu lassen. Das Erststudium muss kostenlos bleiben, denn in Deutschland werden händeringend hochqualifizierte Kräfte gesucht, und die bekommt man gewiss nicht, indem man weitere Hürden aufstellt. (Abgesehen davon, dass hochqualifizierte Kräfte später meist mehr verdienen und somit mehr Steuern zahlen + die Wirtschaft ankurbeln) Was mich aber wirklich ärgert, sind die Einzellösungen je Bundesland. Es sollte eine einheitliche Regelung beschlossen werden, denn nichts ärgert mich mehr, wenn ich hier (in Hessen) Studiengebühren zahlen muss, während Berliner Studenten umsonst studieren - wenn man daran denkt, wieviel Geld Berlin vom Bund und über Solidarausgleich etc. bekommt, eine wirkliche Frechheit
4. Gebühren: Ja! - So hoch: Nein
karaokefreak01 11.06.2008
Ich sehe durchaus einen Sinn in Studiengebühren, sofern sie auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Allerdings verstehe ich die Höhe von 500 Euro nicht. Ich selbst erwäge gerade zu studieren, doch was mich davon abhält, sind die Kosten. Denn neben der Kampusmaut muss ich schließlich noch Bücher kaufen (und selbst das kopieren meines Materials kostet ein Schweinegeld) und irgendwie sollte ich vllt. noch in der Lage sein, meine Miete zu bezahlen. Und jetzt soll mir bitte keiner mit einem Studentenkredit ankommen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bin ich nicht kreditwürdig, bekomme also von niemandem eine Anleihe. Um zu studieren und nebenbei nicht am Hungertuch nagen zu müssen, benötige ich also einen Vollzeit-Job, denn mit 400 Euro monatlich wird das ja schonmal mal nix. Demnach kann ich also schonmal 10 - 12 Semester einplanen, oder wie?!? Somit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich nicht studieren KANN, obwohl mir der Staat Bildung zusagt und ich die nötige Qualifikation habe. Herzlichen Dank!
5. Stipendien!
barry60 11.06.2008
Zitat von sysopStudiengebühren bleiben in der Diskussion. Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung zur Finanzierung des Hochschulstudiums?
Die beste Lösung sind in meinen Augen viel mehr Stipendien. Und nicht nur für Abiturienten mit 1,0 - 1,3. Hier muss m. E. seitens der Wirtschaft umgedacht werden. Nicht jeder Abiturient mit 3,3 ist schlechter als mit 1,0. Es muss hier viel differenzierter gedacht werden. Es gab z. B. in unserem Studiengang eine Menge Leute, die mit 1,x abgeschlossen haben, die ich aber nie und nimmer in meinem Unternehmen haben wollen würde, da sie praktisch fast nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, so ähnlich sieht es auch mit Abiturienten aus. Aber solange fast überall nur die Note zählt, ist sowas anscheinend nicht möglich.
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