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Gebührenkompass: Miserable Zensuren für Deutschland Unis

Von Erwin Eschbach

Ist hier jemand zufrieden mit der Campusmaut? 5000 Studenten ließ ein Hohenheimer Professor befragen. Für die Universitäten regnete es schlechte Noten: Keine Transparenz, kein Vertrauen, kaum Verbesserungen durch Studiengebühren, lautet das studentische Verdikt.

In punkto Studiengebühren beobachten nur wenige deutsche Studenten, dass ihr Studienalltag sich durch die Einnahmen verbessert. "Die allermeisten zahlen zwar, stellen aber keinerlei Auswirkungen fest", fasst Markus Voeth, Marketing-Professor an der Universität Hohenheim, die Ergebnisse einer neuen bundesweiten Studie zusammen. Und selbst die 21 Prozent, die überhaupt etwas merken, sind nicht eben begeistert: Als Schulnote für Zufriedenheit mit den angeblich verbesserten Studienbedingungen vergaben sie nur eine 3 bis 4 - knapp versetzt, aber ein blauer Brief wäre wohl fällig.

Marketing-Professor Voeth: Sieht Studenten nur als Kunden - aber der Kunde sei König
Oskar Eyb

Marketing-Professor Voeth: Sieht Studenten nur als Kunden - aber der Kunde sei König

Voeths Interviewer hatten rund 5000 Studenten an allen Gebühren-Unis der Republik nach ihrer Zufriedenheit mit Zahlung und Verwendung der Studiengebühren gefragt. "Da wurde von Kiel bis Konstanz relativ einhellig der Wunsch geäußert, die Unis sollten mehr Transparenz zeigen, was die Verwendung der Gebühren angeht", sagt Markus Voeth. Insgesamt stießen die Forscher auf eine nach wie vor breite Ablehnung von Studiengebühren: Bundesweit zählen sich 60 Prozent aller Gebührenzahler zu den Gebührengegnern, 25 Prozent sind unentschieden, als ausdrückliche Befürworter bekennen sich nur 15 Prozent.

Ob Studenten an Verbesserungen durch Gebühren glauben, hängt stark vom Fach ab. Kunstwissenschaftler und Sportler sind besonders unzufrieden, während bei den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern immerhin noch jeder Dritte an positive Gebühreneffekte glaubt.

Zu den Anti-Campusmaut-Hochburgen zählen die Unis in Hamburg, Siegen und Stuttgart, die Gebührenfreunde studieren eher in Mannheim oder Passau. "Betrachtet man die Zustimmung nach Bundesländern, dann kann man ein deutliches Nord-Süd-Gefälle beobachten", sagt Voeth - im Norden die Gegner, im Süden mehr Befürworter. Der Marketing-Professor erklärt sich das mit der besseren Informationspolitik der Süd-Unis: "Transparente Informationen über Gebühren führen zu einem Glauben an Verbesserungsmöglichkeiten, und dieser Glaube wiederum führt zu größerer Akzeptanz."

Die Unis sind Kommunikations-Nieten

Besonders auffällig sei dabei, "dass die wenigsten Universitäten geregelte Informationskanäle für die Kommunikation mit ihren Kunden, den Studierenden, haben". So gebe es zwar überall Pressestellen und Mitarbeiterzeitschriften, aber kaum eine Hochschule leiste sich ein eigenes Organ für den Kontakt zum akademischen Nachwuchs. Für den Marketingexperten ist das eine echte PR-Sünde: "Es ist doch eine Binsenweisheit, dass man mit seinen Kunden kommunizieren muss", sagt Voeth kopfschüttelnd. Offenbar sei dieser Gedanke trotz des oft zitierten Schlagworts vom "Kunden Student" noch längst nicht überall angekommen.

Der Professor geht da mit gutem Beispiel voran: Im Januar dübelte er zehn Service-Versprechen an die Uniwand und garantiert seinen Studenten seitdem Mindeststandards bei Betreuung und Kontaktaufnahme. Voeth argumentiert konsequent ökonomisch und sieht Studenten als Kunden, Unis als Dienstleister. Er hält viel von Studiengebühren - sofern die Bedingungen stimmen. Ein Kellner im Restaurant könne auch nicht sagen: "Jetzt zahlen Sie erst mal 80 Euro, dann gucken wir, was für ein Essen Sie bekommen", sagte Voeth im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Und per Abstimmung mit den Füßen könnten Studenten viel bewegen.

Die Hohenheimer Studie ist die erste umfassende Untersuchung zur Gebühren-Zufriedenheit der Studenten in Deutschland. Im Internet gibt es auch andere Seiten, die fleißig Meinungsäußerungen von Studenten zum Bezahlstudium sammeln: etwa die von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft betriebene Homepage Unicheck.de, die am Anfang den Eindruck erweckte, nicht von gestandenen Wirtschaftslobbyisten, sondern von Studenten gemacht zu werden. Pragmatismus im Umgang mit Gebührengeldern und nicht die Kritik am Bezahlstudium steht hier im Mittelpunkt.

Klare studentische Wünsche

Beim Projekt Seminarrauswurf.de des Gießener Asta, der die Überfüllung der Hochschulen dokumentiert, melden sich dagegen vor allem Studenten, die empört darüber sind, auch noch 500 Euro pro Semester bezahlen zu sollen, wenn sie nur auf dem Boden sitzen dürfen oder gar per Losverfahren aus Pflichtseminaren geworfen werden.

Der Gebührenkompass aus Hohenheim setzt auf Langfristigkeit. Einmal pro Jahr soll künftig die Meinung der Gebührenzahler abgefragt werden. Und weil bisher so wenige Studenten echte Folgen des Bezahlstudiums wahrnehmen, betont Markus Voeth, dass in der jetzt vorgestellten ersten Runde vor allem Wünsche und Erwartungen der Studenten im Mittelpunkt stehen. Da sind die Ergebnisse eindeutig: Wer zahlt, will schnelle und sofort für das eigene Studium spürbare Verbesserungen. "Mehr Mitarbeiter, besser ausgestattete Bibliotheken, mehr Praxisbezug", nennt Voeth die Forderungen. Abgelehnt werden dagegen Investitionen in Verwaltungsabläufe, in die Infrastruktur (wie den Bau neuer Hörsäle) oder auch die Aufstockung von EDV-Arbeitsplätzen.

Dass sich mit Gebühren tatsächlich etwas zum Besseren wendet, glaubt ohnehin nur eine Minderheit. Uni-Studenten in Hannover und Aachen (etwa die Hälfte) zählen da noch zu den Optimisten. Besonders pessimistisch ist man zum Beispiel an der HafenCity University in Hamburg, wo nicht einmal sieben Prozent der an die Segnungen der Studiengebühren glauben. Für die Unis kann das aus Sicht von Markus Voeth nur heißen: mehr und bessere Kommunikation!

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Studiengebühren: Rebellion gegen das Bezahlstudium