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Spitzel an der Militär-Uni: Der Sexfallensteller

Von Matthias Fiedler

Kadett DeRito (2010): Das einzige, was ihm von der Air Force Academy blieb, sind Schulden Zur Großansicht

Kadett DeRito (2010): Das einzige, was ihm von der Air Force Academy blieb, sind Schulden

Er flirtete mit einer 13-Jährigen, so wurde er erpressbar. Als Student an einer Militärakademie war der Amerikaner Adam DeRito nach seinem Fauxpas in der Hand seiner Vorgesetzten. Ihr Befehl: Forsche deine Mitstudenten aus.

An einem Nachmittag im Dezember 2008 sitzt Adam DeRito in einem Raum mit verspiegelten Scheiben. Er ist Student und Offiziersanwärter auf der Air Force Academy im US-Bundesstaat Colorado, einer Militärhochschule mit 4400 Studenten, darunter etwa 1000 Frauen. Hinter ihm stehen zwei Agenten des Militärgeheimdienstes Air Force Office of Special Investigations, kurz OSI genannt. Sie werfen dem 21-Jährigen vor, anzügliche E-Mails mit einer 13-Jährigen ausgetauscht zu haben. Der Vater des Mädchens habe die Polizei alarmiert, nachdem er die Nachrichten zufällig gelesen habe.

DeRitos Stirn ist voller Schweißperlen. Er gibt zu, einem Mädchen von seinem Studentenzimmer aus geschrieben zu haben, es sei auch um Sex gegangen. Aber dieses Mädchen, das er in einem sozialen Netzwerk kennenlernte, habe sich als Erwachsene ausgegeben. Die Agenten glauben ihm. Aber sie werfen ihm vor, den Internetzugang der Universität missbraucht zu haben. Dann wechseln die Männer plötzlich den Tonfall. Sie werden freundlicher, servieren DeRito einen Kaffee und bieten ihm einen Deal an: Der von der Polizei gemeldete Vorfall gelange nie in seine Akte, wenn er sich verpflichte, für das OSI zu arbeiten - als Informant. Natürlich könne er dann auch seinen Bachelor-Abschluss machen, trotz des "Missgeschicks", sagen sie.

DeRito zaudert, er kaut an seinen Fingernägeln. Er habe doch nicht ahnen können, dass das Mädchen so jung war, sagt er. Doch die Agenten sind unerbittlich. Nach vier Stunden Grübeln sieht er keinen Ausweg mehr und willigt ein.

Ein Fehler, den er später bereuen wird.

Fortan ist DeRito, dessen Geschichte auch in einigen amerikanischen Zeitungen nacherzählt wurde, ein Spitzel für die Geheimpolizei des Militärs. Der Army-Student wird zu einem Rädchen im Getriebe des amerikanischen Schnüffelsystems. Er agiert wie ein kleiner NSA-Mitarbeiter, der im Dienst der Gefahrenabwehr das Privatleben unbescholtener Bürger ausspioniert.

Feiern als Rechercheauftrag

DeRitos erster Auftrag lautet: in Erfahrung bringen, wo Studenten Partys feiern, wer kifft, wer mit wem schläft. So könne er, der sündige Student, fortan einen Beitrag dazu leisten, Drogenmissbrauch und sexuelle Übergriffe zu verhindern. Er könne helfen, die Akademie "zu einem besseren Ort" zu machen.

DeRito hat nun zwei Leben. Tagsüber ist er ein Kadett, der Mathe-Tests schreibt, unter Stacheldraht hindurchkriecht und lernt, wie man F-16-Kampfjets fliegt. Abends wird er zum Schnüffler. Auf Druck des OSI loggt er sich dann zum Beispiel über das Internet in die Kontaktbörse "Craigslist" ein und nennt sich Jessica. Jessica ist 28 Jahre alt, blond, blauäugig und hat große Brüste. Jessica ist offensiv und liebt "Army-Guys", wie sie in ihrem Profil wissen lässt. Das gefällt vielen von DeRitos Kameraden. Einer schreibt: "Ich hoffe, du magst es schmutzig." Ein anderer verspricht: "Ich werde es dir die ganze Nacht besorgen". Und schickt ein Bild seines erigierten Penis.

DeRito antwortet nur sporadisch, gelegentlich sendet er ein angebliches Foto von Jessica, es ist das Bild einer Unbekannten, das er aus dem Netz geladen hat. Fragen nach Treffen wimmelt er ab. Stattdessen sammelt er alle Nachrichten, Kontakte und Bilder, die ihm gesendet werden. Das Belastungsmaterial leitet er an seinen Kontaktmann beim OSI ab.

Die Arbeit als Spitzel frisst DeRitos Freizeit, dreimal pro Woche muss er dem OSI berichten. Dazu joggt er regelmäßig zu einem sechs Kilometer entfernten OSI-Büro, das verborgen im Keller eines schmucklosen Gebäudes liegt. Stundenlang sitzt er dann manchmal mit den Agenten zusammen, die sehr freundlich zu ihm sind. Irgendwann, sagt er heute, habe er sogar das Gefühl gehabt, etwas Gutes zu tun.

Um besser an Informationen zu kommen, startet DeRito auf Anweisung des OSI im August 2009 einen viermonatigen Fitnesskurs. Zweimal die Woche trainiert er ab fünf Uhr morgens 15 Kadettenanwärter. Die zwischen 17 und 22 Jahre alten Männer sind bekannt dafür, feierwütiger zu sein als ihre älteren Kommilitonen.

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Schnell weiß DeRito, wo Hotelpartys stattfinden, wer zu viel trinkt oder seine Triebe nicht im Griff hat. Dann vertrauen ihm drei Mädchen aus dem Fitnesskurs an, welche Jungs über die Stränge schlagen und sogar handgreiflich wurden. DeRito freundet sich mit den drei Soldatinnen an, trifft sich mit ihnen. Dadurch bekommt die Geschichte eine unerwartete Wendung.

An einem Nachmittag im Februar 2010, drei Monate vor der Zeugnisübergabe, sitzt DeRito nämlich wieder im OSI-Gebäude, in einem Raum mit verspiegelten Scheiben. Diesmal wurde er nicht bestellt, um Bericht zu erstatten. Er soll unterschreiben, dass er mit einer der drei Kadettenanwärterinnen aus dem Fitnesskurs geschlafen hat. Sex mit jüngeren Jahrgängen verbietet die Akademie, das weiß DeRito. Er versteht die Welt nicht mehr und schwört heute noch, dass er mit dem betreffenden Mädchen niemals im Bett war.

Erst später erfährt er, was der Hintergrund des Vorwurfs ist: Die Air Force Academy will ihn loswerden. Denn die Studentin hatte ein Verhältnis mit einem Ausbilder, und das sollte niemand erfahren. "Die Academy wollte mich im Vorfeld diskreditieren. Sie brauchte einen Sündenbock und hat lieber mich bestraft als einen Unteroffizier, der schon jahrelang im Dienst ist. Die Universität hatte Angst um ihren Ruf."

Zehn Stunden versucht DeRito, seine Unschuld zu beweisen. Doch es bringt nichts: Völlig entnervt unterschreibt er das Schuldeingeständnis. Seine Fingerabdrücke werden genommen, dann eskortieren ihn zwei Militärausbilder im Jeep zu seiner Stube. Vor seiner Tür stehen ab sofort Wachen. Wenn er den Kadettenbereich der Akademie verlassen will, muss er sich beim Staffelführer abmelden.

Obwohl sich viele Vorgesetzte schriftlich für seinen Verbleib an der Universität einsetzen, bekommt er im 26. Juni 2010 die Entlassungspapiere und verlässt die Academy ohne Abschluss.

"DeRitos Fall ist typisch für das US-amerikanische Rechtssystem, das auf allen Ebenen der Strafverfolgung mit Informanten arbeitet", sagt Alexandra Natapoff, Rechtsprofessorin an der Loyola Law School in Los Angeles. "Auch die Polizei und das FBI rekrutieren gezielt Informanten, die sich strafbar gemacht haben oder denen das Geld für einen Anwalt fehlt."

Natapoff kritisiert die Air Force Academy vor allem für ihre Scheinheiligkeit. "Im Ehrenkodex der Akademie heißt es: 'Wir werden nicht lügen, stehlen oder betrügen. Noch werden wir jene dulden, die es tun.' Aber genau dieses Verhalten fördert das OSI, indem es Studenten als Spione benutzt und gegeneinander ausspielt. Und die Uni duldet es."

Noch im Oktober 2013 beteuert die Air Force jedoch, nichts über spitzelnde Kadetten gewusst zu haben. "Über ein solches Programm ist mir nichts bekannt", sagt der Generalstabschef der Air Force, Mark Welsh.

Als im vergangenen Dezember weitere Kadetten von den zweifelhaften Praktiken des OSI berichten, schwenkt die Air Force Academy um und verteidigt das Spitzelnetzwerk: "Das Programm ist auf Informanten angewiesen, weil kriminelle Machenschaften sonst im Verborgenen blieben", schreibt die Universität in einer offiziellen Mitteilung. Generalleutnant Michelle Johnson, seit August 2013 die neue Leiterin der Air Force Academy, verspricht aber, das Vorgehen des OSI prüfen zu lassen.

Für Adam DeRito, der heute 26 Jahre alt ist, kommen Johnsons Bemühungen zu spät. Inzwischen wohnt er in Brighton, 36 Kilometer nördlich von Denver, und arbeitet bei einer Ölfirma. Doch zum Leben bleiben ihm nur 200 Dollar im Monat. Die Air Force Academy bucht alle zwei Wochen 700 Dollar Studiengebühren von seinem Konto ab. Insgesamt schuldet DeRito der Universität 200.000 Dollar - für eine Ausbildung, für die er nie ein Zeugnis bekam.

Sein ganzes Leben wollte DeRito nichts anderes, als seinem Land zu dienen, am besten als Kampfpilot. Jetzt bekommt er in diesem Land nicht mal mehr einen Bankkredit. "Die Academy und das OSI haben mich finanziell ruiniert", sagt DeRito. Den Vorwurf, mit einer rangniedrigeren Kadettin geschlafen zu haben, hat die Universität nie wiederholt. Ein Disziplinarverfahren gegen DeRito wurde bis heute nicht eingeleitet.

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1.
OlafKoeln 21.02.2014
Zitat von sysopEr flirtete mit einer 13-Jährigen, so wurde er erpressbar. Als Student an einer Militärakademie war der Amerikaner Adam DeRito nach seinem Fauxpas in der Hand seiner Vorgesetzten. Ihr Befehl: Forsche deine Mitstudenten aus. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/geheimdienste-student-adam-derito-wurde-zum-spitzel-a-954369.html
Als Vorbild taugen die USA schon lange nicht mehr ... sie sind weder eine Sperrspitze der Freiheit noch der Demokratie ...
2. Wie damals
e.honecker 21.02.2014
Was die USA da veranstalten, erinnert mich sehr an die Bemühungen der ehem. DDR sich in die Belange ihrer Bürger einzumischen. Mit Freiheit, Gleichheit und Demokratie hat dies nichts mehr zu tun. Ein Staat der sich solch krimineller Methoden bedient, hat seine Führungsrolle als Weltpolizist verwirkt. Ich für meinen Teil gehe auf große Distanz zum derzeitigen US-System und würde es begrüßen, wenn auch unsere Politiker ihre rosarote US-Brille absetzen würden und mit der gleichen kritischen Haltung diesem Staat begegnen mit der Sie auch die Länder im Osten behandeln.
3. Das sind die Methoden der Stasi.
roman1966 21.02.2014
Wer glaubt die USA seien eine Demokratie, der irrt gewaltig. Dieses Land, bewohnt von zwanghaft betenden Menschen, die ernsthaft glauben, danach wäre ihr Handeln, wie schlecht es auch immer sei, von Gott geduldet und entschuldigt, ist bigott, verlogen und ausschliesslich seinen eigenen Interessen verpflichtet. Man sollte die Kooperation mit diesem Land einstellen. Die Kosten werden für Europa hoch sein, aber für die USA noch viel höher. Vielleicht kann man sie damit wieder zivilisieren.
4. Erstaunlicherweise wurde Ähnliches im US-Film gezeigt,
vantast64 21.02.2014
dort sogar, wie man einen ehrlichen Soldaten zwang, im Sinne der "Nationalen Sicherheit" zum Mörder und Folterer zu werden. Foltern ist dort inzwischen legal. Regierungsleute schrecken nichteinmal davor zurück, mit Nachteilen für die Familie zu drohen und sie haben alle Möglichkeiten, die Opfer zu erpressen. Schon erstaunlich, wie die Horrorszenarien der US-Filme real werden. Ein wachsendes Problem ist, daß dort (und nun bald auch bei uns, z.B. Neue GEZ, die auf Schutzgelderpressung beruht) jede Gemeinheit zulässig ist, wenn sie nur juristisch erlaubt ist.
5. Usa
HerbertVonbun 21.02.2014
USA = NSA = Orwell-Land! = Kein Freundesland = Feindesland! Drum keine Freihandelszone! Keine geklonten Tiere, keine Genmanipulationen bei Nahrungsmitteln, keine Privatisierung unserer gemeinen Gütern wie Wasser, Licht, Luft, Sonne und Ressourcen. Machtbegrenzung und Zerschlagung für weltweit agierende Konzerne. Paul Kirschhof forderte einst: "Gebt den Bürgern den Staat zurück!" aus "Gesetz der Hydra".
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Heft 1/2014 Eine Gebrauchsanweisung für die Hamburger Studentenparadiese "Schanze" und St. Pauli

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