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Geld, Sex, Korruption: Der Doktormacher

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Zusammenarbeit mit windigen Promotionsberatern, 184.000 Euro für viele Doktortitel, bessere Noten für Sex - die Vorwürfe gegen einen Juraprofessor aus Hannover wiegen schwer. Seit Donnerstagmorgen sitzt er in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er nach Panama flüchten wollte.

Thomas A. war Professor für bürgerliches Recht und internationales Privatrecht. Eigentlich einer, der sich auskennt mit den Paragrafen und Bestimmungen, die unser Leben regeln. Vor drei Jahren begann die Staatsanwaltschaft, gegen ihn zu ermitteln. Vor zwei Jahren wurde er suspendiert und durfte nicht mehr an der Universität Hannover lehren. Jetzt sitzt er im Gefängnis, in Untersuchungshaft, wegen Fluchtgefahr. Dies ist die Geschichte, wie es dazu kam.

Uni Hannover: Erneuter Ärger mit Bestechungsfall
DPA

Uni Hannover: Erneuter Ärger mit Bestechungsfall

Der massive Vorwurf: Thomas A., der Jura-Professor, war bestechlich - sowohl durch Geld als auch durch Sex. Er soll von einem "Institut für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach zwischen 1996 und 2005 insgesamt etwa 184.000 Euro dafür kassiert haben, dass er 69 der Klienten des "Instituts" zum Doktortitel führen sollte.

Verantworten müssen sich auch zwei promovierte geschäftsführende Gesellschafter des "Instituts", darunter Frank G., wie die Staatsanwaltschaft SPIEGEL ONLINE bestätigte. Laut Internetseite gründete G. das Unternehmen 1980 und ist im April dieses Jahres in den Ruhestand gegangen. Gegen ihn und Martin D., der im Jahr 2000 als Mitgesellschafter einstieg, hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Bestechung in 69 Fällen erhoben. Bei der "Wissenschaftsberatung" war heute niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Thomas A. soll außerdem insgesamt drei Studentinnen für "sexuelles Entgegenkommen" bessere Noten oder einen Arbeitsplatz an der Universität versprochen oder verschafft haben. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft gingen zwei von ihnen, 29 und 31 Jahre alt, darauf ein, auch gegen sie lautet die Anklage nun: Bestechung. Bei der einen Studentin geht es um sieben Fälle von Notenverbesserungen bei Seminar- und Klausurscheinen; die andere Studentin soll eine Stelle als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl des Professors erhalten haben. Beim dritten Sex-Angebot ist nur er angeklagt, weil die Studentin darauf nicht einging.

Vorwurf: Erfolgshonorar pro gelungene Promotion

Laut Staatsanwaltschaft waren unter den Kunden der Firma aus Bergisch Gladbach interessierte Juristen aus dem ganzen Bundesgebiet, die vielfach nicht die nach der Promotionsordnung erforderliche gute Examensnote für die Zulassung zur Promotion geschafft hatten. Ihre Dienstleistungen ("kein Titelhandel, kein Ghostwriting") bewirbt die "Wissenschaftsberatung" seit vielen Jahren, sie ist höchst umstritten. "Wir haben als Berater mehr als 1000 Promotionsprojekte geplant und bei der legalen Realisierung geholfen. Allein seit dem Jahr 2000 sind über 350 Doktoranden mit unserer Hilfe promoviert worden", heißt es auf ihrer Homepage.

Frank G. stellte seine Arbeit stets als seriös dar; es handele sich um Hilfe bei der Themenwahl, um die Analyse der Promotionsordnungen, die Beschaffung von Informationen zu den Details des Promotionsrechts, um Datenbank- und Literaturrecherchen. Hinzu kommt laut Internetseite der Kontakt zu einem "fachlich kompetenten Doktorvater (Professor oder Privatdozent), der sich bereits in der Vergangenheit als erfolgreicher und fairer Betreuer und Gutachter erwiesen hat".

Der Hannoveraner Oberstaatsanwalt Jürgen Lendeckel kommt zu ganz anderen Erkenntnissen. Er geht davon aus, dass der Deal so lief: Die "Wissenschaftsberatung" schloss mit dem Interessenten einen Vertrag, der Möchtegern-Doktor zahlte eine Summe von bis zu 20.000 Euro. Das weitere Procedere schildert Lendeckel so: "An den Professor ging davon aber immer nur der Festbetrag - 4100 Euro insgesamt, die erste Rate nach der Annahme, die zweite Rate nach erfolgreicher Promotion." Die Beratungsfirma habe dann Professor Thomas A. in Hannover kontaktiert, der für die erforderlichen Ausnahme-Genehmigungen bei der Fakultät gesorgt und die vorgelegten Dissertationen entsprechend wohlwollend begutachtet habe. Aus den 69 Fällen, die Thomas A. zur Last gelegt werden, seien 13 Doktortitel hervorgegangen.

Die Fakultät erteilte ihm Hausverbot

Die Anklage der Staatsanwaltschaft umfasst 185 Seiten, die Ermittlungen führt ihre Zentralstelle für Korruptionsbekämpfung. Die Strafanzeige hat die Universität selbst gestellt: "Bekannt wurde die Sache, als zwei Studentinnen beim Prüfungsamt darum baten, nicht von Professor A. geprüft zu werden", sagte Universitäts-Sprecherin Stefanie Beier SPIEGEL ONLINE. "Sie befürchteten, dass sie danach in dem Ruf stehen könnten, sich ihre Noten erschlichen zu haben. Wir haben zuerst selbst versucht herauszufinden, was dahinter steckt - und schließlich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft übergeben."

Das war 2004. Zunächst ging die Staatsanwaltschaft von Bestechungsgeldern in Höhe von 51.000 Euro aus. Aus ermittlungstaktischen Gründen hatte man mit der Hochschule Stillschweigen vereinbart. 2005 durchsuchten die Ermittler die Diensträume des Professors, die Firma in Bergisch Gladbach und die Wohnung einer Studentin. Die Universität erteilte Thomas A. Hausverbot, untersagte ihm die Weiterführung der Dienstgeschäfte und leitete disziplinarrechtliche Vorermittlungen ein, die inzwischen das niedersächsische Wissenschaftsministerium weiterführt.

Am 16. Juli dieses Jahres erhob schließlich die Staatsanwaltschaft Hannover Anklage vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hildesheim. "Das Verfahren war deshalb so langwierig, weil wir aufklären mussten, was genau vor allem die Vermittlungsfirma in Bergisch Gladbach gemacht hat. Da haben wir uns durch Stapel und wieder Stapel von Papier gearbeitet", so Jürgen Lendeckel. Viele Kunden seien Anwälte gewesen, "die sich offenbar aus Eitelkeit oder zur Karrierebeförderung mit einem Doktortitel schmücken wollten".

Auf dem Weg nach Panama?

Für die Klienten der "Wissenschaftsberatung" kann das dicke Ende noch kommen: "Wir müssen davon ausgehen, dass die Juristen, die sich auf diesem Weg einen Titel verschafft haben, wussten, was sie da taten", so der Oberstaatsanwalt. Sie könnten strafrechtlich belangt werden, auch ihre Titel könnten ihnen aberkannt werden.

"Wir dürfen jetzt aber nicht den Fehler machen, alle Doktorarbeiten, die bei diesem Professor geschrieben wurden, unter Generalverdacht zu stellen. Das wird den Studierenden, die völlig rechtmäßig bei ihm ihren Doktor gemacht haben, nicht gerecht", sagt Uni-Sprecherin Stefanie Beier.

Thomas A. wurde gestern in Hamburg vor seiner Wohnung verhaftet - Fluchtgefahr: "Wir mussten davon ausgehen, dass sich der Herr Professor nach Panama absetzen wollte. Er hat da Kontakte zu einem neuen Arbeitgeber aufgenommen, für den er als Jurist arbeiten wollte", so Jürgen Lendeckel. Der Jurist sitzt in Untersuchungshaft und war daher für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, sein Anwalt bis gestern Nachmittag nicht bekannt.

Schon vor drei Jahren war ein anderer Hochschullehrer an der Universität Hannover zu einer Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der 61-Jährige hatte zwei Studentinnen unerlaubte Hilfe bei Prüfungen angeboten und als Gegenleistung sexuelle Handlungen verlangt. Das Wissenschaftsministerium hatte zunächst lediglich eine Gehaltskürzung gegen den Hochschullehrer verhängt und auf ein förmliches Disziplinarverfahren verzichtet, was an der Hochschule Unruhe auslöste.

Im Falle des Juraprofessors A. wiegen die Vorwürfe noch deutlich schwerer. Auf Bestechung und Bestechlichkeit stehen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Haftstrafen bis zu fünf Jahren, in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahren.

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