Karl-Theodor zu Guttenberg kämpfte um seinen Doktortitel, Silvana Koch-Mehrin tut es noch. Ihnen war ihr Titel offebar so wichtig, dass sie - Plagiat hin oder her - ihre Doktorarbeit trotz erheblicher Mängel abgaben. Kein Wunder, der Titel ist nicht nur ein Nachweis wissenschaftlicher Fähigkeiten, sondern er verleiht dem Träger auch eine besondere Aura, ist Eintrittskarte für hohe Ämter in Wirtschaft und Politik.
Um dem Doktorgrad zumindest einen Teil seiner Prestigewirkung zu nehmen, wollen die Grünen den Titel aus allen deutschen Passdokumenten verbannen. Einen entsprechenden Gesetzentwurf hat die Bundestagsfraktion am Dienstag eingebracht.
Die wissenschafts- und forschungspolitische Sprecherin der Grünen, Krista Sager, begründete den Vorstoß damit, dass ein Doktorgrad weder ein Titel noch ein Namensbestandteil sei. Andere wissenschaftliche Qualifikationsnachweise wie Professor, Master oder Diplomingenieur würden auch nicht in den Dokumenten eingetragen. Zudem sei die Eintragung international unüblich und bedeute für die Behörden einen unnötigen Zusatzaufwand.
Die Grünen wollen mit dem Vorstoß auch der "gesellschaftlichen Überhöhung des Doktorgrads" entgegenwirken. Die prominenten Plagiatsfälle hätten deutlich gemacht, dass es in Deutschland Anreize gebe, den Doktorgrad "vorrangig zur Steigerung der gesellschaftlichen Reputation" zu nutzen, heißt es im Gesetzentwurf der Grünen. "Die Eintragung in die Personaldokumente leiste "dem Missverständnis Vorschub, es ginge beim Doktor um die herausgehobene ehrenvolle Bezeichnung einer Person, statt um einen Qualifikationsnachweis", sagte Sager.
Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Doktor der Sportwissenschaften, unterstützt den Vorstoß der Grünen. "Den Doktor kann man aus dem Pass streichen", sagte er SPIEGEL ONLINE, das sei zumindest seine persönliche Meinung.
25.000 Doktortitel im Jahr
Anders sieht es Michael Kretschmer (CDU), bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion und selbst nicht promoviert. Er sei gegen die Streichung, schließlich sei Deutschland eine Bildungsnation, da müsse man wissenschaftliche Titel auch würdigen. "Nur weil einige schwarze Schafe plagiiert haben, sollte man nicht gleich eine Tradition über Bord werfen", sagte er SPIEGEL ONLINE.
Der Doktortitel ist in Deutschland immer noch ein Karriereturbo. Jedes Jahr werden rund 25.000 Titel vergeben. Viele der Titelträger arbeiten dabei nicht auf eine wissenschafltiche Karriere im Hochschulbetrieb hin. Jeder fünfte Bundestagsabgeordnete, jeder zweite Vorstandsvorsitzende darf den Doktor vor dem Namen führen. Dass der Doktor auch in den Personalausweis eingetragen werden kann, ist nur in wenigen Ländern möglich, neben Deutschland unter anderem in Österreich und Tschechien.
Was ein "Dr." im Personalausweis auf Auslandsreisen bewirken kann, berichtete im Juni der renommierte Psychologieprofessor Fritz Strack in einem Gastbeitrag auf SPIEGEL ONLINE. Er forderte ebenfalls, den Doktor im Pass abzuschaffen.
Die Idee der Grünen, den Doktortitel aus den Ausweisdokumenten zu tilgen, ist allerdings nicht ganz neu. Bereits 2007 hatte der damalige Innenminister der Großen Koalition, Wolfgang Schäuble (CDU), selbst mit einem Doktortitel ausgestattet, im Rahmen seiner umstrittenen Parsonalausweisreform die Abschaffung des Titels in den Papieren gefordert.
Dagegen wehrte sich damals besonders energisch Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU). Der frühere bayerische Ministerpräsident führt gern das "Dr." vor seinem Namen, er promovierte in Rechtswissenschaft. Gemeinsam mit dem Bundesland Thüringen verhinderte Bayern daraufhin die Titelstreichung im Bundesrat. Der Eintrag des Doktortitels entspreche "der deutschsprachigen Kulturtradition und jahrzehntelanger Verwaltungspraxis" hieß es im entsprechenden Antrag. Allerdings existiert die Eintragung des Titels nicht so lange, wie die Befürworter glauben machen wollten: Erst seit 1988 ist es laut Passgesetz möglich den Doktortitel auf Wunsch eintragen zu lassen.
seh
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