Gesperrte Asbest-Bibliothek: Bücherkrise am Bodensee

Von Anna Hoben

Erst putzen, dann lernen: Nach dem Asbestalarm braucht die Konstanzer Uni-Bibliothek eine Komplettsanierung und muss anderthalb Millionen Bücher säubern. Das wird noch ein halbes Jahr dauern. Die Studenten nehmen's erstaunlich gelassen - einige pauken jetzt sogar mit Seeblick.

Bibliotheks-Gau: Asbest-Alarm blockiert anderthalb Millionen Bücher Fotos
Anna Hoben

Bis zu ihrem Philosophie-Examen im Frühjahr muss Elena Luz, 25, noch zwei Hausarbeiten schreiben - neben dem normalen Semesterbetrieb. Was schon unter normalen Umständen eine Herausforderung ist, wird an der Uni Konstanz zurzeit zu einem organisatorischen Kraftakt. Denn die Bibliothek der Uni ist seit Anfang November dicht: Asbestalarm.

Bücher sind mit Asbestfasern kontaminiert, die Bibliothek der Geistes- und Sozialwissenschaften darf nicht betreten werden. "Letztens habe ich mir ein Buch über die Fernleihe bestellt, nach zwei Wochen war es dann endlich da", sagt Elena. Die Fernleihe war den Studenten als Option empfohlen worden, um an seminar- und prüfungsrelevante Literatur zu kommen.

Beim nächsten Mal versuchte sie es mit dem Schnell-Lieferdienst Subito. Das bestellte Buch kam zwar nach zwei Tagen, dafür wurden aber auch neun Euro fällig. Den Kommentar zu Nietzsches Genealogie der Moral im Taschenbuchformat hätte Elena sich für das Geld fast kaufen können.

Elena Luz ist froh, dass sie das Staatsexamen in ihrem zweiten Fach, Deutsch, schon hinter sich hat: Für Philosophie braucht man nicht so viel Sekundärliteratur wie für Deutsch, die meisten Texte haben die Dozenten auf einer elektronischen Plattform zur Verfügung gestellt. Von innen sehen wird Elena die Bibliothek vor ihrem Examen nicht mehr.

Examenskandidaten werden die Bib nicht mehr von innen sehen

Am 5. November war die Konstanzer Unibibliothek geschlossen worden, nachdem man bei Routinemessungen Asbestfasern gefunden hatte. Erst hieß es, die Bib könnte nach den Weihnachtsferien wieder offen sein. Jetzt ist fast Weihnachten und klar: Die Sanierung wird sich noch monatelang hinziehen. Dieser Tage geht der Auftrag an die Reinigungsfirma raus, Mitte Januar beginnt das Großreinmachen mit einem Spezialsauger. Zunächst sollen pro Tag 2500 Bücher gesäubert werden - das entspricht in etwa der Anzahl an Büchern, die im normalen Bibliotheksbetrieb täglich ausgeliehen werden. Nach ein paar Wochen wird hochgefahren, auf bis zu 10.000 Bücher.

Mit ihren anderthalb Millionen Bänden machen die beiden betroffenen Bereiche, die Geistes- und Sozialwissenschaften, drei Viertel des Konstanzer Bibliotheksbestandes aus. Bis alle Bücher sauber sind, wird also mindestens ein halbes Jahr vergehen. Die gereinigten Bücher werden dann im Magazinbetrieb zugänglich sein, derzeit ist die Uni auf der Suche nach 8500 Quadratmetern Lagerfläche, etwas mehr als die Größe eines Fußballfelds. Wenn es soweit ist, wird wohl täglich ein Büchershuttle zwischen Lagerhalle und Bibliothek verkehren.

Aleksandar Savanovic, 24, studiert Jura. In seinem Bereich der Bibliothek wurden keine Asbestfasern gefunden. Der Teil ist erst sieben Jahre alt und konnte Ende November wieder öffnen. Nun trennt eine Holzwand den juristischen vom sozialwissenschaftlichen Bereich. Bei den Juristen kann wieder gelernt werden - allerdings mit Abstrichen: Der neue Eingang führt durch einen ehemaligen Kopierraum, wohin kurzerhand auch die "Verbuchung", die Buchführung von Ausleihen und Rückgaben, verpflanzt wurde. "Das ist manchmal ein Lärmpegel wie in der Mensa", sagt Aleksandar.

Doch selbst wenn alle Bücher abgesaugt sind, können die Studenten wohl nicht an ihre angestammten Lernplätze zurück. Weil bereits mehrere verschiedene Asbestquellen identifiziert sind - etwa die Dichtungsmasse an der Lüftung, Spritzasbest an Eisenträgern, asbesthaltige Dichtungskordeln und Plattenbaustoffe aus Asbest -, wird die Bibliothek eine Kernsanierung brauchen. Dafür wird gerade ein Konzept erarbeitet. Die Kosten für Reinigung und Sanierung trägt das Land Baden-Württemberg.

Lernen ohne Bücher, aber mit Blick auf den See

Es bleiben Fragen offen, auf die momentan keiner eine Antwort geben kann. Oder will. Die Messergebnisse vom November hatten zwar ergeben, dass die Asbestkonzentration in der Raumluft in der gesamten Bibliothek unter dem Grenzwert von 500 Fasern pro Kubikmeter liegt, dem Sollwert für eine Asbestsanierung. Aber: Bei den Routinemessungen im September und Oktober waren es ausgerechnet die Lüftungsschächte, in denen Asbestfasern gefunden wurden, in 33 von 39 Proben.

Den Grund könne im Moment noch keiner erklären, sagt Wolfram Frey vom Ingenieurbüro Geopro in Stockach, das mit den Messungen beauftragt ist. Vielleicht handle es sich um sehr alten Staub in den Lüftungen, "aber das ist nur Spekulation". Vorsorglich werden jedenfalls auch die anderen Gebäude der Uni untersucht - anhand eines "Asbest-Atlas", der verzeichnet, wo Asbest verbaut wurde. Ein Sachverständiger soll schließlich eine Gefährdungsbeurteilung erstellen.

"Die Studenten haben auf die Neuigkeiten sehr ruhig und verständnisvoll reagiert", sagt Uni-Pressesprecherin Julia Wandt. Damit das so bleibt, schenkt die Uni ihren Studenten etwas Zeit: Zwischen Weihnachten und Silvester bleiben die naturwissenschaftliche und die juristische Bibliothek geöffnet, zehn Stunden am Tag. Dass sich die Studenten weitgehend gelassen in ihr Schicksal fügen, bestätigt ein Blick ins Studentenmagazin "campuls": "Ich persönlich war eh nicht so oft in der Bib, deshalb stört es mich jetzt nicht so arg", zitiert das Magazin Karina, 21, Studentin für Sport, Spanisch und Mathe.

Andreas Jüttler, 23, nimmt die Bib-Zwangspause ebenfalls locker. "Bis zu den Klausuren ist es ja noch eine Weile hin, und unsere Professoren versorgen uns mit der Literatur, die wir brauchen", sagt er. Seine Kommilitonen Sebastian Kasselmann und Matthias Fehrenbach, beide 24, studieren mit ihm Economics und Wirtschaftspädagogik und sehen das ähnlich.

Noch wenige Tage vor Heiligabend sitzen sie am Spätnachmittag an ihrem provisorischen Gruppenarbeitsplatz unter der Mensa und ackern ein Übungsblatt durch. Durchs Fenster geht der Blick hinaus auf den winterlichen Bodensee. Zumindest den gab es in der nun verrammelten Bibliothek nicht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naja...
McIntyre 23.12.2010
Philosophie? Eine Herausforderung? Bücher ausleihen? Ich habe Medizin studiert und bei einer Semestergröße von über 300 Studenten reichten unsere Bücher in der Unibibliothek bei weitem nicht aus. Wenn 300 Leute auf fünf Bücher stürmen, bleibt nichts anderes übrig, als sich die Bücher anderweitig zu beschaffen oder schlichtweg zu kaufen. Und bei knapp 5-20 notwendigen Büchern PRO SEMESTER (10 Semester gibt es, + 2 PJ), ist es absolut normal, eben NICHT in der Unibibliothek bedient zu werden. Auch ganz ohne Asbest. Ich sehe hier bei einem wirklich kleinen Studiengang wie Philosophie (habe ich nebenbei studiert) kein Problem, doch noch kostengünstig an die notwendige Literatur zu kommen. Die einzige wirkliche Herausforderung dürfte hierbei das Dekontaminationspersonal haben, welches das Asbest entfernt...
2. Asbestgefahr war schon 1936 bekannt,
vantast64 24.12.2010
aber vermutlich hat die asbestverarbeitende Industrie aus Sorge um Profite die Sache geheim gehalten und sogar über Lobbyarbeit Verbote weitgehend behindert.
3. Verschwörungen wohin man blickt
Transmitter, 25.12.2010
Zitat von vantast64aber vermutlich hat die asbestverarbeitende Industrie aus Sorge um Profite die Sache geheim gehalten und sogar über Lobbyarbeit Verbote weitgehend behindert.
So war das auch mit der Schweinegrippe. Die haben profitgierige Gefälligkeits-Wissenschaftler erfunden um die internationale Pharmaindustrie zu bereichern. Auch die Salzproduzenten stecken sich die Taschen voll und machen aus einem harmlosen Winter gleich eine Kältekatastrophe. Im Sommer kommen dann wieder die Global Warming-Experten zum Zuge und bereichern sich hemmungslos aus unseren Steuergeldern. Abzocke, wohin man auch schaut.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Asbest
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
Fotostrecke
Fiese Fasern: Wenn die Uni-Bib wegen Asbest dicht macht

Fotostrecke
Schlaflos in der Uni-Bib: Amelie kämpft sich durch die Nacht

Fotostrecke
Kontakthof Bibliothek: Sehen und gesehen werden