Gestresste Studenten: Bachelor als Liebestöter

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Stress im Bachelor: Prüfungen ab dem ersten Semester

Drei Monate Peking, sechs Monate London, immerfort Prüfungen: Wem das zu viel wird, dem helfen Berater wie Rainer Holm-Hadulla. Im Interview erklärt der Therapeut, was Studenten heute am meisten stresst und wie darunter das Liebesleben leidet.

SPIEGEL ONLINE: Eine Studie der Universität Heidelberg hat festgestellt, dass ein Bachelorstudium mehr belastet als früher Magister oder Diplom. Sie beraten in Heidelberg Studenten in Uni- und Lebenskrisen. Wie schwer haben es Studenten wirklich?

Holm-Hadulla: Das Wichtigste scheint mir, dass in manchen Bachelorstudiengängen kreative Freiräume verloren gehen. Wir stellen fest, dass die Studenten seit ein paar Jahren deutlich früher zu uns kommen. Das liegt an den Prüfungen im Bachelor-System, die schon im ersten Semester beginnen. Früher kamen ältere Studenten wegen Prüfungsangst zu uns, heute sind es viele 19- bis 20-Jährige. Psychische Störungen scheinen durch Bachelor und Master aber nicht zugenommen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Was plagt die Studenten am meisten?

Holm-Hadulla: Prüfungsängste stehen im Vordergrund und deren Ursache ist oft mangelhafte Vorbereitung. Viele Studenten sind auf eigenständiges Arbeiten im Studium nicht vorbereitet. Während sie sich in der Schule von Klassenarbeit zu Klassenarbeit gehangelt haben, müssen die jungen Leute als Studenten selbstgesteuert arbeiten und sich vielleicht auch mal ein halbes Jahr auf Prüfungen vorbereiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber es geht im Bachelor doch strukturierter zu als früher bei Magister- und Diplom.

Holm-Hadulla: Stimmt, für manche ist die Engführung der Bachelor-Studienpläne auch eine Erleichterung. Früher hieß es von manchem Germanistik-Professor: Gebt die Hausarbeit in drei Monaten ab - oder in drei Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ja fast, als wäre es heute doch besser...

Holm-Hadulla: Wie gesagt, es sind Freiräume verloren gegangen. Die Faszination am Studium und die Eigeninitiative treten zurück hinter prüfungsorientiertem Lernen und Pflichtveranstaltungen. Es herrscht eine gewisse Atemlosigkeit. Ich rate deshalb den Studenten immer, dass sie Freude am Studium entwickeln sollen und die Freiräume, die noch da sind, gut nutzen. Außerdem ist Überforderung nicht nur quantitativ. Wenn man zwölf Stunden am Tag etwas Interessantes macht und von der intellektuellen Entdeckungsreise begeistert ist, überfordert das weniger, als wenn man sechs Stunden demotiviert Punkte sammelt und seine Freizeit verplempert.

SPIEGEL ONLINE: Wer als Student ausbrennt, ist also im falschen Studienfach?

Holm-Hadulla: Nicht unbedingt. Wenn einen das Studienfach nicht fasziniert, kann das an der eigenen Einstellung liegen oder an der Überstrukturiertheit des Studiums. Leidenschaft für die Inhalte muss man selbst entwickeln. Begeisterung entsteht allerdings erst, wenn man den richtigen Zugang bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Hochschulen integrieren Praktika in ihr Studium, Auslandsaufenthalte empfinden viele Studenten als verpflichtend. Entsteht so Überforderung?

Holm-Hadulla: Alle sollen flexibler und schneller sein, aber die kurze Studienzeit lässt wenig Raum für Auslandserfahrungen. In der Alltagshektik verlieren viele Studenten den Boden unter den Füßen. Sie nehmen sich zu wenig Zeit für ihre persönliche Entwicklung und die Gestaltung von Partner- und Freundschaften. Ein Auslandssemester in London, dann drei Monate Praktikum in China. Das führt unter anderem auch zu Beziehungsschwierigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Studenten kommen mit Liebeskummer zu Ihnen?

Holm-Hadulla: Ja, neben Depressionen oder diffusen Ängsten kommen Studenten auch zunehmend mit Partnerproblemen. Diese Woche kam ein Student, der nach einem Auslandsaufenthalt mit seiner Freundin in die erste gemeinsame Wohnung ziehen wollte. Einen Tag vor dem Einzug verliebte er sich in eine Andere. Ansonsten spielen auch Krankheit und Tod naher Angehöriger, finanzielle Sorgen oder psychische Erkrankungen eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Laut Studentenwerk hat der Beratungsbedarf in den vergangenen Jahren zugenommen. Gibt es im Vergleich zu früher tatsächlich mehr Probleme oder trauen sich die Leute eher zum Seelenklempner?

Holm-Hadulla: Einerseits sind die Leute mutiger geworden, professionelle Unterstützung zu suchen. Sozialpsychologische Ängste haben aber auch zugenommen, gerade wenn es um die berufliche Zukunft geht. Vor 30 Jahren konnte man relativ sicher sein, dass man mit einem guten Studienabschluss einen Arbeitsplatz findet. Heutzutage gibt es mehr Unsicherheit. Die Angst abzurutschen ist präsent.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die Angst? Absolventen stehen auf dem Arbeitsmarkt doch nicht schlechter da als früher.

Holm-Hadulla: Generell beschäftigen die Studentenschaft immer gesellschaftliche Großthemen. In den sechziger Jahren war es der Vietnamkrieg, anschließend die atomare und dann die ökologische Bedrohung. Heute sind es Wirtschaftkrisen und soziale Unsicherheit. Und prekäre Arbeitssituationen haben auch objektiv zugenommen. Viele starten mit unbezahlten Praktika und sehr unsicheren Projekten. Dennoch ist das Studium immer noch eine wunderbare Chance.

Das Interview führte Julia Jung.


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insgesamt 59 Beiträge
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1. Phantomdiskussion
gifmemore 30.05.2013
Wenn das neue TurboStudium so übel sein soll - dann frage ich mich, warum es dennoch so viele (vielmehr als früher) schaffen. Natürlich denke die Studierenden heute, dass sie es schwerer haben. Objektiv gesehen ist das aber wohl nicht so. Auch vor 15 Jahren wurde von den Studierenden viel gefordert - da wurde an den Unis ja nicht nur rumgehangen. Wenn man die Regelstudienzeit einhalten wollte - und die meisten haben das - dann musste man auch lernen und sein Kram machen. Ich würde behaupten man mußte sich sogar noch etwas besser selbst organisieren können. Letzlich hat es niemanden interessiert, was man macht ... ob man anwesend war oder nicht. Solange die Prüfung bestanden worden ist. Heute wird kontrolliert und geprüft. Das hat weder zu einer Verbesserung der Ausbildung noch zu mehr Kompetenzen bei den Studierenden geführt. Viele Unternehmen können mit den Bachelor-Leuten nachwievor nichts anfangen. Die persönliche Entwicklung ist inder Regel nicht abgeschlossen und praktische gearbeitet hat in der Regel auch kaum jemand. Praktikas und Auslandsaufenthalte hin oder her ... das gab es schon immer. Führte aber in der Regel auch nicht zum Traumjob. Ein Studium ist eben keine Lachnummer - da muss man 5 Jahre halt mal was machen. Ob sich das am Ende lohnt ... nunja - viele Akademiker verdienen weniger als die Bandarbeiter bei Daimler, Juristen gibts wie Sand am mehr. Mein Tipp: Wer das Maximum rausholen will .. sollte auf Lehramt studieren. Da holt man am Ende das Maximum aus seiner Invesition raus. Wer kann - sollte natürlich was technisches Studieren ... beim Rest ... viel Glück! Und was die Naturwissenschaften angeht ... es gibt viele Arbeitslose ... in ALLEN Fachbereichen.
2. Danke, Bologna...
Chris_7 30.05.2013
Danke, Bologna, dass Du unser deutsches Hochschulsstem ruiniert hast und es zu einem Wischiwasche-Billig-Einheitsbrei gemacht hast, wie er in anderen Staaten schon immer der Fall war. Einfach mal dran denken. Was bei uns ein nach dem dualen Berufsausbildungssystem ausgebildeter Elektriker mit seinem Gesellen macht, das macht in anderen Ländern der "Bätscheler" mit einem angelernten Hiwi. Denn was anderes gibt es dort nicht. Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn das was mit dem Bac. aus diversen "Hochschülchen" kommt mir Akademikern nichts, mit Auszubildenden aber viel zu tun hat. ich darf bei meinem Arbeitgeber Bac. betreuen, die ihre Ausbildung (ich weigere mich da von Studium zur reden) auf einer "dualen Hochschule" (früher Berufsakademie) machen. Das ist in etwa das Niveau, das ich heute als Ergebnis von Azubis in diesem Bereich (BWL) erwarten würde, wenn man dort die Anforderungen angepasst hätte. Das spannende. Sie werden, wenn sie ihre Bac. in der Tasche haben genau so bezahlt, wie bisher Industriekaufleute. Studium bedeutet nicht (nur) Wissen vermitteln, sondern auch Persönichkeit bilden und vor allem Fähigkeiten entwickeln. Dazu gehört vor allem das selbständige Arbeiten und eine überragende Problemlösungskompetenz. Wer das nicht kann ist da eben falsch. Und war es früher auch. In meinem Studium sind mehr als 30% der Erstsemester noch im Vorstudium ausgeschieden. Am Ende des Hauptstudiums waren wenige als 50 über. man könnte jetzt über die Universität herziehen, dass es an der Art der Lehre, den Anforderungen,... liegt und dass das vergeudete Ressourcen junger Menschen wären. "Wenn das Entchen nicht schwimmen kann, dann ist das Wasser schuld" sagt der Volksmund. Das problem ist: Wir haben zu viele Abiturienten die dann zwar formal die Hochschulzugangsberechtigung haben, real aber nicht studierfähig sind. Warum? Weil durch politischen Einfluss die Abuturientenzahlen künstlich in die Höhe geschraubt wurden und es weiter werden. Zum Preis der beliebigkeit und des Verluster des Abiturs als Vor-Filter. Damit eben nur geeignete Personen an den Universitäten landen. m.E. muß hier angesetzt werden. Weniger Abiturienten, mehr in qualifizierter Aus-/ Fortbildung (Meister, Techniker). Wir müssen nicht alles akademisieren. Akademische Studiengänge auf den Universitäten mit Abschluss Diplom (der Master wird dann mit verliehen). Meine Abstufung Bachelor, Diplom (BA), Diplom (FH)/ Master, Diplom Uni. Die jeweils darunter liegenden Bac/ Master werden automatisch mit den höherwertigen dt. Abschlüssen mit verliehen. Fertig. Und wer es in seinem Studium nicht packt braucht keinen Psychoonkel, sondern einen Antrag auf Exmatrikulation. Auch lernen wie sich scheitern anfühlt gehört zur Persönlichkeitsbildung im Leben dazu.
3.
citizenk64 30.05.2013
sehen anders aus. Da z.B. viele Studierende einen Master obendrauf setzen wollen (müssen, wegen Arbeits-chancen, brauchen sie gute Noten, da nichts selten höchstens 20 % der BA-Absolventen für den MA zugelassen werden. Den BA schon in diesem Bewusstsein zu beginnen, erhöht den Druck. Die gegenwärtige Studienstruktur ist eine Katasptrophe: indviduell, siehe oben und auch gesellschaflich ( zieht noch mehr als früher Fachidioten mit z.T. sehrt wenig soziale Kompetenez und Über-den Tellerrand-Blick-Einstellung heran. Dies variiert natürlich nach Studiengängen: insbesondere die geistes- und Sozialwissenschaften sind betroffen, aber durchaus auch andere. Dort wo schon früher viel "abzureißen" war, wird dies noch mehr. Für die schlechten Dozenten- sofern Festvertrag oder Professur - ein "Bildungsparadies": durch das Eingehen der Noten in die Gesamtprüfungsleistung können die Studierenden ihnen nicht ausweichen oder den Schein mal "abwinken". Ich plädiere für ein Zurück zum alten System (MA oder lehramt oder Diplom, dann ggf Promotion. Fertig. Dort kann man, wo es nötig wäre auch mehr strukturieren, und dann nach dem Grundstudium mehr Wahlfreiheit lassen. So bestünde theoretisch die Chnace, wenn richtig begleitet, dass man in die Freiheit hineinwächst. Dann wäre das Studium wider genießbar, die Berufsrealität ist ja schon ätzend genug... .
4. Danke, macht den Artikel zur nächsten Titelstory!
freecit01 30.05.2013
Die Überschrift kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Es war auch für mich als Partner sehr schmerzhaft, als meine Exfreundin plötzlich keine Zeit mehr hatte. Sie war völlig überlastet. Für mich war der Beginn ihres Studiums der pure Horror. - Schon traurig, wenn man zum studieren einen Therapeuten braucht.
5. Tagsüber am See baden ….
oteka 30.05.2013
… dann Abends ausschlafen. So war das Studium damals. Die Studenten lachten über die Fachhochschulbesucher (Die hatten Stundenpläne, Anwesenseheitspflicht, etc) (Die , die feinen Uni Studenten verbrachten ihre Studienzeit lieber am Tresen oder am See. Jetzt merken sie das sie auch mal lernen müssen, das überfordert wohl viele. Mist aber auch. Wie schon erzählt: Früher machte man eine Prüfung wenn man Lust hatte, heute wird alles vorgeplant. das sind die alle nicht mehr gewohnt. Die Zeit des lockeren Studentendaseins ist wohl vorbei. Gut so. Und wer das nicht so schafft? Der soll denn froh sein das er überhaupt das ABI geschafft hat. Oder fliegt einem das heutzutage mit LK Kunst und Sport einfach so zu?
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Zur Person
  • Rainer M. Holm-Hadulla, 61, ist Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Heidelberg und seit 1986 leitender Arzt der psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks. Im Interview erklärt er, welche Sorgen die Studenten 2013 haben und warum der Bachelor für junge Leuten zum Beziehungskiller werden kann.

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