Von Jochen A. Siegle
"Schulen zu Hochsicherheitstrakten auszubauen ist die falsche Antwort auf Amokläufe", sagt Rick Kaufman, Sprecher des Jefferson County School Districts in Colorado. Vor drei Jahren avancierte Kaufman wider Willen zum Experten für Terror an Schulen: In seinem Distrikt liegt die Columbine High School, im April 1999 Schauplatz des bislang blutigsten Schulmassakers in den USA.
"Unsere Erfahrung zeigt, dass solche Anschläge an Schulen nicht mit physischen, sondern nur mit psychologischen Mitteln zu verhindern sind", erklärt Kaufman, "Metalldetektoren, Polizeischutz oder Videoüberwachungssysteme sind der falsche Ansatz und schaffen lediglich eine Pseudo-Sicherheit."
In den USA erwiesen sich diese Mittel als unzureichender Schutz vor mörderischen Anschlägen. Metalldetektoren sind Kaufman zufolge schon oft von Schülern überlistet worden - in seinem Verwaltungsbezirk setzt daher keine einzige Schule sie ein. Ebenso ineffizient: der Einsatz bewaffneter Sicherheitskräfte oder Polizeipräsenz auf dem Campus.
Schüler müssen ihr Schweigen brechen
An der Columbine High School in Littleton etwa patrouillieren wie in allen anderen Schulen des Jefferson-Distrikts schon seit Jahren bewaffnete Guards, das Columbine-Attentat und die Ermordung von 14 Schülern und einem Lehrer konnten sie jedoch nicht verhindern.
Das gilt inzwischen bei immer mehr amerikanischen Schulbehörden. Statt Schulen in Festungen umzurüsten, fordern Experten, das Bewusstsein der Schüler zu verändern und sie für eventuelle Anschläge zu sensibilisieren. "Schüler sind bei einem Amoklauf gleichzeitig Opfer und Täter und haben entsprechend den besten Zugang zu potenziellen Tätern", sagt Brooke Jones von der Initiative "Ribbon of Promise" (ROP). Die Non-Profit-Organisation in Springfield im US-Bundesstaat Oregon wurde nach dem Massaker an der Thurston High School im Mai 1998, mit 22 Verletzten und zwei Toten eine der verheerendsten Gewaltausbrüche am Schulen, gegründet.
Schulen nicht in Gefängnisse verwandeln
Wie die Amokläufe der letzten Jahre zeigen, kündigten die Täter ihre Attacken in fast allen Fällen vorher an. "Das Wichtigste ist also, dass wir Schüler dazu animieren, ihr Schweigen zu brechen, wenn sie verdächtige Äußerungen von Mitschülern vernehmen", so Brooke Jones. "Diesen Schülern müssen wir Anlaufstellen zur Verfügung stellen, an die sie sich idealerweise anonym wenden können."
Mit Denunziation habe das nichts zu tun. Schüler, die einen Verdacht gegen Mitschüler artikulierten, seien keine Verräter, sondern Helden. "Denn Schweigen kann tödlich sein - für den Schüler selbst oder den Schulfreund", so Jones. Laut ROP-Initiative konnten an US-Schulen bereits mindestens 13 Attacken verhindert werden, weil sich Schüler Lehrern oder anderen Personen anvertrauten.
Seit drei Jahren erarbeitet ROP mit anderen Organisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen auch Konzepte zur Terrorprävention an US-Schulen. Als Zwischenergebnis entstand ein landesweit stark beachtetes Anti-Terror-Programm.
"Metalldetektoren beruhigen wenigstens ein bisschen"

Columbine-Todesschütze Dylan Klebold
Dieser Ansatz findet auch in New York Gehör. "Wir wollen unsere Schulen nicht in Gefängnisse verwandeln, sondern versuchen, das Problem sensibler anzugehen", sagt Barbara Bradley von der New York State School Boards Association. "Um unsere Kinder wirkungsvoll vor Übergriffen zu schützen, müssen wir vor allem ihre Aufmerksamkeit für ihre Umgebung schärfen."

Columbine-Attentäter Eric Harris
In Kalifornien ist das Bild ähnlich wie im Ostküstenstaat: Vor allem in den Städten setzen zahlreiche Schulen auf Videoüberwachung und Metalldetektoren. "Diese Geräte beruhigen zumindest ein bisschen", so ein Sprecher der kalifornischen Schulbehörde in Sacramento.
Dabei zeigt die Statistik der vergangenen 20 Jahre, dass sich "School Shootings" nie in Ballungszentren wie Los Angeles, New York City oder Chicago ereigneten, sondern stets in Kleinstädten wie Jonesboro (Arkansas), Paducah (Kentucky) oder eben Littleton (Colorado). Erfurt passt ebenfalls in dieses Raster.
Und auch in einem weiteren wichtigen Punkt folgte Columbine den Empfehlungen der Amok-Experten aus Oregon: Mittlerweile gibt es spezielle "Tip-Boxes" und eine Telefon-Hotline, an die sich besorgte Schüler mit Verdachtsmomenten wenden können.
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