London/Hamburg - Deutschland und andere europäische Länder ringen noch um eine Frauenquote für Spitzenpositionen in der Wirtschaft, Großbritannien sorgt sich bereits um die Zukunft der jungen Männer. Wie auch anderswo sind dort junge Frauen auf dem Vormarsch: Sie haben bessere Schulnoten und besuchen häufiger eine Universität - 984.000 weiblichen Studentinnen standen im vergangenen Jahr nur 713.000 männliche Kommilitonen gegenüber, berichtet der "Telegraph". Und die Bewerbungen junger Männer gehen weiter deutlich zurück, besonders betroffen sind demnach weiße Söhne aus Arbeiterfamilien.
"Ich bin in Sorge über etwas, das nach einer zunehmenden Minderleistung junger Männer aussieht", sagt der britische Wissenschaftsminister David Willetts. Damit Universitäten mehr weiße, männliche Arbeiterkinder aufnehmen, hat Willetts einen ungewöhnlichen Plan entwickelt: Die Jungs sollen in dieselbe Kategorie eingeordnet werden wie junge Menschen anderer benachteiligter Gruppen und ethnischer Minderheiten - Gruppen also, die von Universitäten gezielt angeworben und gefördert werden sollen.
Die zuständige Stelle Office for Fair Access (Offa) könne laut Willetts die Durchsetzung der Pläne kontrollieren, berichtet die britische Tageszeitung "Independent". Die Aufseher würden bereits jetzt die Zugangsberechtigungen für diverse benachteiligte Gruppen überwachen. "Ich verstehe daher nicht, warum sie nicht auch auf weiße Arbeitersöhne achten können", sagte der konservative Politiker in einem Interview mit der Zeitung.
54.000 männliche Bewerber weniger
Im Herbst 2012 hatten sich 54.000 junge Männer weniger an Universitäten beworben - ein Rückgang von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Zahleneinbruch ist viermal höher als bei Frauen. Bereits im Jahr 2011 hatten sich mehr junge Frauen für Medizin und Zahnmedizin (10.145 zu 7190) und für Jura (19.080 zu 13.255) beworben. Lehramtskurse wollten sogar mehr als 60.000 Frauen belegen - im Vergleich zu rund 19.000 jungen Männern. Die Leistungsunterschiede beginnen bereits in der Schule: Weibliche Abiturientinnen haben zumeist bessere Noten als ihre männlichen Mitschüler, die sie vor allem in den Schulfächern Englisch, Sprachen, Psychologie sowie Kunst und Schauspiel weit hinter sich lassen.
Das sei "der Höhepunkt eines jahrzehntelangen Trends in unserem Bildungssystem, bei dem es Jungen und Männern offenbar schwerer fällt, Lernschwierigkeiten zu bekämpfen", sagte Willetts dem "Independent". Dies sei eine Herausforderung für alle Politiker und alle Parteien. Die Schulinspektoren und Wächter der britischen Bildungsstandards von der Regierungsstelle Ofsted sorgen sich bereits seit mehr als zehn Jahren um die jungen, weißen Männer aus der Arbeiterklasse. Damals konstatierte ein Bericht, diese Jungs würden sich vor allem um die drei "Fs" kümmern: "fighting, football, f***ing" (frei übersetzt: "kämpfen, kicken, Koitus").
Hochschulen könnten finanziell sanktioniert werden
Willetts will nun mit dem Direktor des Offa die Frage diskutieren, ob die gezielte Rekrutierung von weißen männlichen Arbeiterkinder in die Zulassungsvereinbarungen von Unis aufgenommen wird. Hochschulen müssen diese Vereinbarungen unterschreiben, um höhere Gebühren erheben zu dürfen. Verstößt eine Hochschule gegen die Vereinbarungen, kann sie die Genehmigung verlieren, Studiengebühren von mehr als 6000 Pfund im Jahr zu erheben.
Willetts Vorstoß ist umstritten und könnte vor allem an teuren Universitäten und bei den Privatschulen für Ärger sorgen, die nun eine Benachteiligung ihrer Mittelklasse-Schüler fürchten. Es dürfe nicht sein, dass Bewerbungen von Mittelklasse-Mädchen zugunsten eines Arbeiterklasse-Jungen abgelehnt würden, sagte William Richardson, Generalsekretär der Direktoren-Konferenz, die 250 britische Privatschulen vertritt, laut dem "Telegraph".
Auch Wendy Piatt, Generaldirektor der Russell Group, die 24 der selektivsten Universitäten des Landes repräsentiert, ist skeptisch: "Hochschulen können das Problem nicht allein lösen. Die Gründe liegen in der Unterrepräsentierung von Studenten aus benachteiligten Elternhäusern, die bereits in der Schule schwache Leistungen bringen und ausbildungsmäßig schlecht beraten werden."
Die Bewerberzahlen an britischen Hochschulen sind in den vergangenen Jahren auch aus einem anderen Grund eingebrochen: Viele englische Studenten können ein Studium nicht mehr finanzieren. Die konservativ-liberale Regierung von David Cameron hatte 2010 die Investitionen in Hochschulen dramatisch gekürzt und die Grenze für Studiengebühren von 3290 Pfund pro Studienjahr auf 9000 Pfund erhöht. Viele Universitäten verlangen nun auch diese Summe.
lgr
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