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Grundschüler als Sprachgenies: "Eine Stunde am Tag bringt nichts"

Fremdsprachen schon in der Grundschule, das haben inzwischen alle Bundesländer eingeführt. Manche Schulen gehen weit über das Pflichtprogramm hinaus: Ihre Schüler parlieren zum Beispiel in Mathe oder Kunst ausschließlich auf Französisch - mit verblüffendem Erfolg.

Der Unterricht in der Grundschule war lange Zeit eine rein deutschsprachige Angelegenheit: Noch vor wenigen Jahren nahmen die Kinder mit Sätzen wie "My name is Peter" oder "This is a ball" frühestens in der fünften Klasse zaghaften Erstkontakt zu einer fremden Sprache auf - von Migrantenkindern einmal abgesehen.

Früh übt sich: Deutsch-englischer Kindergarten
GMS

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Erst seit kurzem sind Englisch, Französisch und in Einzelfällen andere Sprachen auch in der Grundschule Pflicht. Doch manche Schulen gehen noch weiter: Sie erteilen fast den gesamten Unterricht in einer Fremdsprache - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Bei der sogenannten Immersionsmethode könnten die Kinder in der Schule komplett in die fremde Sprache eintauchen (engl.: to immerse), erklärt Gila Hoppenstedt vom German Institute for Immersive Learning (GIFIL) in Hamburg. "Alle Fächer außer Deutsch werden in englischer Sprache unterrichtet, das sind etwa 70 Prozent des Unterrichts."

Der intensive "Input" über mehrere Jahre bewirke, dass die Kinder die Sprache nahezu wie ihre Muttersprache lernten. "Eine Stunde am Tag dreimal die Woche - das bringt nichts", kritisiert Hoppenstedt den herkömmlichen Sprachunterricht.

Kleine Fehler in der Muttersprache verschwinden

Bundesweit arbeiten immer mehr Schulen mit dem ganzheitlichen Sprachunterricht. Rund 170 Grundschulen, in denen eines oder mehrere Fächer in einer Fremdsprache gegeben werden, verzeichnet der Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) in Kiel. Zwar sind Englisch und Französisch die Hauptsprachen, an manchen Schulen werden die Kinder aber auch in Griechisch, Italienisch, Dänisch oder sogar Japanisch unterrichtet. Daneben gibt es auch Kindergärten, die nach dem gleichen Konzept arbeiten.

Die Kinder akzeptierten es in der Regel völlig, wenn der Lehrer von Anfang an in einer für sie fremden Sprache redet. "Mathematik wird bei uns in deutscher und französischer, Sachunterricht und Kunst ausschließlich in französischer Sprache gegeben", erläutert Stefan Albrecht, Schulleiter der Internationalen Grundschule Pierre Trudeau in Magdeburg. In der dritten Klasse komme dann Englisch als Fremdsprache hinzu.

"Besorgte Eltern befürchten manchmal, dass das Deutsch der Kinder zurückbleibt", sagt Albrecht. Zum Teil sei das tatsächlich der Fall, schließlich müsse das Kind seine Aufmerksamkeit auf zwei Sprachen verteilen. Kleinere Fehler im Deutschen seien aber unbedenklich und verschwänden wieder, so der Schulleiter. Erfolgserlebnisse dagegen gebe es regelmäßig, wenn die Eltern im Frankreichurlaub verblüfft erleben, dass ihr Kind besser zurechtkomme als sie selbst.

"Die Immersion ist die älteste Methode der Welt", sagt Henning Wode aus Kiel. Weltweit sei es eher der Regelfall, dass Kinder mit zwei oder noch mehr Sprachen aufwachsen, sagt der Anglist. Während in Deutschland lange Zeit nur Minderheiten wie Sorben oder Dänen davon profitiert hätten, finde das Konzept angesichts des zusammenwachsenden Europa nun auch bei der Mehrheitsbevölkerung Anklang.

Abschied vom Frontalunterricht

Der Vorteil sei aber nicht nur, dass ein Kind eine andere Sprache lernt: Zweisprachig aufgewachsene Schüler seien später sogar leicht besser in der Schule, wie Schulversuche beispielsweise in Kanada zeigten.

Damit das "Eintauchen" in die fremde Sprache jedoch funktioniert, müssen laut Wode bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. "Die Muttersprache darf nicht beeinträchtigt sein - die stärkere muss der Schlüssel für die schwächere Sprache sein." Probleme könne es etwa bei Migrantenkindern geben, die weder ihre Heimatsprache noch Deutsch sicher sprechen können. Sie müssen laut Wode zunächst in ihrer Muttersprache gefördert werden. "Danach lernen sie dann aber umso schneller."

Fremdsprachen: Auch an Grundschulen im Kommen
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Wichtig seien Dauer und Intensität des Unterrichts. "Es müssen mindestens sechs bis sieben Jahre und mindestens 70 Prozent des Unterrichts in der Fremdsprache angeboten werden. Auf keinen Fall dürfen es nur ausgewählte Bereiche sein." Am wichtigsten seien jedoch die Lehrerinnen und Lehrer: Sie müssen in der Fremdsprache zu Hause sein und sich laut Wode vom klassischen "Frontalunterricht" verabschieden. "Anfangs sind die Lehrer oft verunsichert - es dauert ein halbes Jahr, dann merken sie, dass sie es hinkriegen."

In der Grundschule Pierre Trudeau in Magdeburg ist der Unterricht auf Französisch an bestimmte Personen gebunden. "Wir setzen vor allem Muttersprachler ein", erläutert Rektor Albrecht. Auch werde in bestimmten Räumen nur Französisch gesprochen. Zu besonderem Engagement seien allerdings auch die Eltern aufgerufen: Neben dem Schulgeld von monatlich 120 Euro werde erwartet, dass sich Mütter und Väter der mehr als 200 Grundschüler in Konferenzen, Schulfesten und Projekten engagieren.

Von Thomas Kärst, gms

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