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Hamburger Maulkorb-Affäre: "Bestrafe einen, erziehe hundert"

Von Katrin Schmiedekampf und

Die Hamburger Uni wird zur Heimat der Sprachlosen: Eine Dozentin spricht zu viel und verliert ihren Lehrauftrag. Die Präsidentin will Professoren kollektiv knebeln. Und die Pressesprecherin ist vollends verstummt - Protokoll eines norddeutschen Schweige-Experiments.

In einer Fernsehsendung hat die Hamburger Geschichtsdozentin Sabine Todt über die prekäre Lage von Lehrbeauftragten gesprochen - und kurz darauf ihren eigenen Lehrauftrag verloren. Wurde sie wegen des TV-Auftritts gefeuert?

Uni Hamburg: Ohne Worte

Uni Hamburg: Ohne Worte

Dazu gibt die Hochschule keine präzisen Auskünfte. Denn die Uni-Leitung hat die akademische Gemeinschaft auf das große Schweigen eingeschworen - und ist prompt selbst auf Tauchstation gegangen. Die Präsidentin: zu beschäftigt, um zu sprechen. Das Historische Seminar: mauert. Viele Professoren: sprechen nicht, weil sie nicht sprechen dürfen. Alle verweisen auf die Pressesprecherin. Die aber spricht nicht mit der Presse.

Warum ist man an der Universität Hamburg plötzlich so wortkarg? Was ist passiert? Die Ereignisse vom 1. März bis heute:

1. März: Uni-Dozentin Sabine Todt, verheiratet, zwei Kinder, tritt in der WDR-Sendung "Monitor" auf. Das Thema lautet "Uni-Misere: Wie an deutschen Hochschulen für 1 Euro geforscht und ohne Lohn gelehrt wird". Todt spricht recht allgemein über schlecht abgesicherte Lehrbeauftragte, ohne auf die Uni Hamburg einzugehen. "Es ist ja auch immer schwierig sich zu wehren, weil man ja im Grunde genommen die Festanstellung irgendwann möchte. Man ist in einer totalen Zwickmühle. Man muss im Grunde genommen angepasst sein und gleichzeitig seine Identität nicht verlieren, und das ist wirklich schwierig", sagt sie vor der Kamera.

Die "taz" berichtet später, Uni-Sprecherin Viola Griehl habe die Dekane schon am Tag der Dreharbeiten per Fax vor dem WDR-Team gewarnt, weil der "Themenansatz" nur "Ungutes" erahnen lasse und offenbar ein "Verriss" geplant sei.

Mitte März: Per Telefon erfährt Sabine Todt, dass ihr Seminar "Gender und Unternehmensgeschichte?" über Frauen als Unternehmerinnen nicht stattfinden wird. Es ist seit Monaten geplant und steht schon im gedruckten Vorlesungsverzeichnis. Der Lehrauftrag habe "bereits alle zuständigen Gremien positiv passiert", so Todt. Im Telefonat sei ihr gesagt worden, die Entscheidung komme von der Universitätsleitung.

26. März: Die Absage des Lehrauftrags wird der langjährigen Dozentin auch schriftlich mitgeteilt. Die Begründung: "Sie werden verstehen, dass das Historische Seminar nicht Lehraufträge an Personen vergeben wird, die behaupten, sie hätten nicht die Möglichkeit, sich gegen die Übernahme bezahlter Lehraufträge zu wehren."

29. März: Alle Dekane erhalten ein Rundschreiben, das bald als "Maulkorb-Erlass" bekannt wird. Monika Auweter-Kurtz, erst seit einem halben Jahr Uni-Präsidentin und schon vorher von Studenten angefeindet, fordert die "lieben Kollegen" auf, "allen Mitgliedern Ihrer Fakultät deutlich zu machen", dass Medienanfragen in der Regel von der Pressestelle beantwortet werden. Denn bei heiklen Fragen müsse die Universität einheitlich nach außen auftreten; als Beispiele nennt Auweter-Kurtz die Campus-Software "STiNE, Studiengebühren, Exzellenz, Zulassungsbeschränkungen u.ä.". So will sie die Uni-Mitglieder "vor unseriösem Journalismus oder tendenziösen Anfragen soweit wie möglich schützen" - "verweisen Sie bitte stets an die Pressestelle".

12. April: In der "Welt" machen einige Professoren ihrem Zorn Luft. Sie sehen die Meinungsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet. "Ich habe dem Dekan erklärt, dass ich mich nicht daran halten werde", erklärt der Politologe Michael Greven. Auch Christine Landfried, Direktorin des Instituts für Politische Wissenschaft, wehrt sich gegen den Aufruf zur Verschwiegenheit: "Wir brauchen innerhalb und außerhalb der Universität eine öffentliche Debatte über die momentanen Zustände und die geplanten Veränderungen an der Hochschule."

Die Pressestelle gibt sich überrascht, dass das Schreiben "so hochgekocht" werde. Das Ziel sei gewesen, "Empfehlungen zu geben, um die interne Kommunikation zu fördern", schreibt Uni-Sprecherin Viola Griehl SPIEGEL ONLINE Anfang Mai per Mail.

19. April: Sabine Todt hat lange überlegt, ob sie zur Streichung des Seminars etwas sagen soll. Als jedoch immer mehr Anfragen kommen, wendet die geschasste Dozentin sich an die Pressestelle: "Wie soll ich mich verhalten?"

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