Harvard-Präsident: Mr. Ellenbogen rempelt sich ins Aus

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Harvard-Präsident Larry Summers war immer der Jüngste, Schnellste, Beste. Nun hat er einen weiteren Rekord aufgestellt: Nach nur fünf Jahren muss er von der Spitze der Elite-Uni zurücktreten. Die Fakultäten rebellierten gegen seinen autoritären Führungsstil.

Treffen mit Larry Summers folgten oft einem einfachen Schema. Wenn Summers redete, dauerte dies in aller Regel sehr lange. Kam sein Gegenüber zu Wort und sagte etwas nicht ganz so Geistreiches - wovon Summers bei den meisten Gesprächspartnern eigentlich ausging - konnte sein Blick sehr starr werden und irgendwo ins Nirgendwo abschweifen. Dass Summers dann noch lebte, ließ sich nur an seinen Händen erkennen. Die wischten in regelmäßigen Abständen Krümel vom Pullover. Genug Krümel waren immer da, denn Essen betrachtet der umtriebige Harvard-Präsident als Zeitverschwendung, es muss rasch und im Stehen erledigt werden.

Gibt auf: Harvard-Präsident Summers
REUTERS

Gibt auf: Harvard-Präsident Summers

Viele Menschen mochten Treffen mit Larry Summers deshalb nicht besonders. Und das ist wohl ein Hauptgrund, weshalb Summers gestern vor seinem Büro auf dem Harvard Yard - dem historischen Zentrum der Eliteuni - in Kameras und Mikrofone sprechen musste, dass er als Präsident zurücktreten werde. So kurz hat in 144 Jahren noch keiner die berühmteste und reichste Hochschule der Welt geleitet.

"Meine Ziele, Harvard umzugestalten, sind wegen der klaren Feindseligkeit in Teilen der Fakultät nicht mehr erreichbar", begründete Summers seine Demission. In der kommenden Woche hätten die Professoren wohl ein Misstrauensvotum gegen ihn eingebracht. Der umstrittene Präsident kam also dem eigenen Rausschmiss zuvor.

Legendäre Robustheit

Ein letztes Mal breitete Summers seine Visionen aus: Die Fakultät verjüngen, Forschungsressourcen auf die Biowissenschaften konzentrieren, die Lehre verbessern für die ganz jungen Studenten im Harvard College. Er bemühte sich um versöhnliche Abschiedsworte: "Harvards beste Tage liegen in der Zukunft." Aber irgendwie blieb sich "Mr. Ellenbogen" - so einer der vielen Spitznamen für den Uni-Präsidenten - auch im Abschied treu: Auf dem Weg zum Mikrofon rannte er erst einmal einen Fotografen um.

Diese Robustheit hatte Summers Karriere lange nicht geschadet. Meist konnte er ja einfach die Fakten für sich sprechen lassen. Mit 27 wurde er der jüngste Professor aller Zeiten in Harvard. Für Ökonomie, eine Disziplin mit klaren Regeln: Eine Gleichung stimmt oder sie stimmt nicht. Kamen Menschen ins Spiel, hatte Summers schon in seinen vorigen Jobs als Chefökonom der Weltbank und als Clintons Finanzminister Schwierigkeiten.

"Bulle" nannten ihn Mitarbeiter und Gesprächspartner. Legendär ist, wie er bei einem G7-Treffen seinen Kollegen haarklein darlegte, welche makroökonomischen Fehler sie in den vorigen Monaten wieder gemacht hätten. Aber wer widerspricht schon einem US-Finanzminister?

In Harvard hingegen gehört der Diskurs zum guten Ton. Summers neuer Führungsstil wirkte dort von Anfang an ein wenig, als werde George W. Bush Vorsitzender der deutschen Kultusministerkonferenz. Die Fakultäten und ehrwürdigen "schools" der Elite-Uni - wie die Harvard Business School oder die Harvard Law School - verstehen sich als unabhängige Fürstentümer und reagieren sehr empfindlich auf jede Beschneidung ihrer Privilegien.

Empfindliche Fürsten

Ein Harvard-Präsident soll deshalb eher vermitteln als verordnen und dabei bitteschön aufpassen, bestenfalls als "primus inter pares" unter den ganzen Schlaumeiern zu wirken. So wie Summers Vorgänger Derek Bok, der selbst auf den Dienstwagen verzichtete und im gebrauchten VW-Bus über den Campus kurvte. Er wird nun vorläufig wieder das Amt als Interims-Präsident übernehmen. Der ehemalige Finanzminister Summers hingegen ließ sich in einer schwarzen Limousine mit dem Nummernschild 1636 (dem Gründungsjahr der Uni) herumkutschieren und engagierte eine persönliche Assistentin, die vorher schon für Tony Blair die PR-Arbeit gemacht hatte.

Derlei Extravaganzen behinderten die Vermittlung seiner Reformvorschläge von Anfang an. Dabei ist die Unterstützung dafür eigentlich da. Kaum jemand auf dem Campus bestreitet, dass Harvard ein wenig selbstzufrieden geworden war und die Qualität der College-Ausbildung ihrem Ruf nicht mehr entspricht. Am meisten Unterstützung fand Summers denn auch bei den Studenten, die in einer Umfrage überwiegend für seinen Verbleib stimmten. Die Unizeitung "Harvard Crimson" titelt heute "Harvards Verlust" und lobt noch einmal nachhaltig Summers Visionen. Seine Gegner in der Fakultät sollten ihre Ego-Machtspiele nicht auf dem Rücken der Studenten austragen.

Aber Summers Ego stand ja einer Annäherung im Weg. Seine unaufhörliche Beschwörung der "Revolution in den Biowissenschaften" stieß Geisteswissenschaftler vor den Kopf, sie organisierten auch den Widerstand gegen ihn. Als kurz nach Summers Amtsantritt das erste Grummeln unüberhörbar wurde, wischte Summers in Interviews die Kritik brüsk beiseite: "Führung ist halt kein Beliebtheitswettbewerb."

Unvergessen sind seine unglücklichen Äußerungen auf einer Konferenz im Januar 2004. Frauen seien vielleicht "genetisch einfach nicht so geeignet" für die wissenschaftliche Forschung, dozierte er da. Der Zwischenfall fasst Summers Grund-Dilemma zusammen: Kaum jemand zweifelte daran, dass der brillante Denker in ernsthaftem wissenschaftlichen Streben diese Hypothese untersuchte. Doch er wählte seine Worte so ungeschickt, dass der "Bulle" nun auch noch als Frauenhasser dastand.

PR-Desaster mit Äußerung über Frauen

Ein Jahr lang versuchte Summers seit diesem Gau, die Scherben wieder zusammenzufegen. Er ließ sich dabei von Harvard-Guru David Gergen intensiv beraten, der einst schon Ronald Reagan oder Bill Clinton in Krisen zur Seite gestanden hatte. Er engagierte mehr Frauen, bemühte sich in Gesprächen erkennbar um bessere Umgangsformen und tanzte sogar bei Studentenpartys. Und immer wieder versprach er besseres "leadership". Doch als die Ablösung von William Kirby, des populären Dekans der "Faculty of Arts and Sciences" - sie ist das akademische Herzstück der Uni - eine neue Rebellion auslöste, gab er auf.

Summers wird Harvard als Professor erhalten bleiben. Viele glauben, dass er noch einen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaft gewinnen kann, er ist ja erst 51 Jahre alt. Und die Hochschule könnte bei der Regelung seiner Nachfolge die Ära Summers ironisch abrunden. Dann nämlich, wenn auf den "Frauenhasser" Summers erstmals eine Frau an die Harvard-Spitze träte. Vielleicht sind sie ja zumindest für den Job genetisch einfach besser geeignet.

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