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Heidelberg: Elite-Uni geizt mit Geist

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Bei der Exzellenzinitiative wurde die Heidelberger Universität mit Lorbeer bekränzt. Nun gärt es in den ausgehungerten Geisteswissenschaften, vor allem in der Romanistik. Studenten sehen von erstklassiger Lehre keine Spur, nur einen Massenbetrieb auf Notstrom.

Uni Heidelberg, Dienstagmittag: Der Himmel über der Altstadt zeigt sich abweisend grau. In Erdgeschoss und Treppenhaus des Romanistischen Seminars drängt sich der akademische Nachwuchs. Universitätsrektor Bernhard Eitel ist zu Verhandlungen gekommen und hat sich mit einigen Dozenten und Studenten in ein Zimmer zurückgezogen. Nun wartet man.

Bibliothek der Uni Heidelberg: Unzufriedene Geisteswissenschaftler
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Bibliothek der Uni Heidelberg: Unzufriedene Geisteswissenschaftler

Viele Studenten anderer Fachrichtungen solidarisieren sich mit den "romanistas" - "weil es Institute gibt, an denen die Lage ähnlich schlecht oder schlechter ist", sagt Nils Beste, Student der Politikwissenschaft. "Die Professoren bauen in erster Linie auf ihre Forschung, weil man sich damit profilieren kann, und die Lehre kümmert sie einen Dreck."

Beste legt gerade die Magisterprüfungen ab. "Ich hatte in den letzten Monaten keine Möglichkeit, mit meinen Dozenten Kontakt aufzunehmen", seine E-Mails seien schlicht nicht beantwortet worden. Der angehende Germanist Ziad-Emanuel Farag berichtet aus seinem Fachbereich von überlaufenen Seminaren und einem Online-Anmeldesystem, das konsequent kurz vor Fristende zusammenbreche.

Ein Hauch von '68

Zum Bild einer Elite-Uni will das nicht passen - Heidelberg erntete Lorbeer bei der Exzellenzinitiative, hat aber große Probleme in den Geisteswissenschaften. Mit bunten Transparenten, Infostände, Vollversammlungen und ausgesperrte Professoren hatten Romanistikstudenten letzte Woche einen Hauch von '68 durchs Institut wehen lassen. Aus Protest gegen miserable Studienbedingungen besetzten sie für drei Tage das Seminargebäude.

"Der Grund ist die systematische Unterfinanzierung des Romanistischen Seminars", erklärt ihre Sprecherin Veronika Zill, eine zierliche junge Frau mit leiser Stimme. Zill beklagt vor allem den Mangel an Dozenten und Kursen. In manchen Lehrveranstaltungen drängen sich mehr als 50 statt der vorgesehenen 20 Teilnehmer. Im neuen Bachelor-Studiengang biete man eine kulturwissenschaftliche Pflichtvorlesung gar nicht an, und Geld aus Studiengebühren fließe nicht in die Verbesserung der Ausbildung, sondern diene nur zur Aufrechterhaltung der "Kernlehre". Weil man sich mit den Romanistik-Professoren aber inzwischen einig sei, so Zill, wurde die Besetzung vorerst unterbrochen.

Auch aus anderen geisteswissenschaftlichen Instituten kommen immer wieder unzufriedene Töne - obwohl die Heidelberger Ruperto-Carola sich selbst als "klassische Volluniversität" beschreibt. Die Exzellenz-Millionen kommen fast ausschließlich der Forschung zugute, die einfachen Studenten gehen leer aus. Das finden viele ungerecht. Student Johannes Michael Wagner sagt für die Fachschaftskonferenz: Exzellenz brauche nun mal Ressourcen, "die kommen von der Lehre". "Es finden Umschichtungen statt", wirft Wagner der Verwaltung vor.

Rektor will die Wogen glätten

Die Stimmen der Professoren sind geteilt. "Die Studenten haben keinen Grund zu klagen", meint Germanist Wilhelm Kühlmann. Der Anglist Beat Glauser sieht die Lage etwas anders: "Man hat den Eindruck, dass die Außenwirkung wichtiger ist als eine vernünftige Lehre." "Die Mittel müssen gerecht und sinnvoll verteilt werden", so Diamantis Panagiotopoulos, Direktor des Instituts für Klassische Archäologie. Sein Haus habe aber von der Exzellenzinitiative profitiert, mit zehn zusätzlichen Doktorandenstellen. Romanist Gerhard Poppenberg gibt zu bedenken, dass Lehrer von der Uni "in den nächsten 30 Jahren das Schicksal unserer Kinder mitbestimmen". Deutschland könne sich eine mangelhafte Lehre einfach nicht leisten.

Dienstagnachmittag: Die versammelte Studentenschar wartet lange, erst nach anderthalb Stunden öffnet sich die Tür des Besprechungsraums wieder. Der Rektor schreitet die Treppe ein Stück herunter und richtet das Wort an das Jungvolk: "Die Probleme, die hier sind, sind nicht neu." Applaus und Gelächter. Nun müsse man gemeinsam nach Lösungen suchen, fährt Bernhard Eitel fort und kündigt neue Budgetverhandlungen für den 19. Mai an. "Alles kommt auf den Tisch, alle werden in gleicher Weise gehört, jeder kann offen sein Wort sagen."

Der Rektor will offenbar die Wogen glätten. "Für Sie ist es wichtig, dass Sie Ihr Studium ganz geregelt zu Ende bringen können. Darauf haben Sie einen Anspruch." Doch konkrete Zusagen macht Eitel nicht und bittet mit Blick auf die Finanzlage der Universität um Verständnis. "Ich muss ständig mit einer Mangelbewirtschaftung leben." Zum Schluss ein seltsames Eingeständnis: "Wir haben Probleme, aber wissen nicht genau, wodurch sie verursacht sind."

Weiß der Leiter einer "Exzellenzuniversität" etwa nicht, mit welchen Schwierigkeiten einige Institute seiner Hochschule kämpfen? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE weist Eitel auf unerwartet viele Fachwechsler von Italienisch auf Spanisch hin; zudem erzeugten die neuen Bachelor-Studiengänge offensichtlich "Reibungsverluste". Es gebe "Planungsunsicherheiten", vielleicht seien "Probleme mit der Selbststeuerung des Instituts" Schuld an der Misere. "Finanzielle Engpässe gibt es überall an der Universität", erklärt Eitel weiter - "ganz normale Vorgänge", bedingt durch die "politische Wetterlage".

Was nun - vielleicht mal das Rektorat besetzen?

Also sitzen die Verantwortlichen in der Landeshauptstadt Stuttgart? Vorsichtig spricht Eitel nur von einem gewissen "Widerspruch" zwischen den Aufgaben einerseits und den Finanzmitteln andererseits. In Sachen Romanistk gibt er sich zuversichtlich: "Wir kriegen das Schiff schon wieder flott."

Unter den Studenten grassiert nach Eitels Besuch eine Ratlosigkeit. Beim Gespräch war von einer möglichen "Verschlankung" der Studiengänge, so ein Teilnehmer. Also könnte eine Streichung von Lehrinhalten anstehen, für neue Stellen indes gab es "kein Signal der Bereitschaft".

"Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht verarschen lassen", ruft ein Student und fordert neue Aktionen. "Eitel kann kein Geld aus der Luft nehmen", meint ein anderer. Das Seminar weiter zu besetzen würde dem Lehrbetrieb noch weiter schaden, sagt ein Dritter und erntet Beifall. Eine Studentin schlägt vor: Könnten wir nicht das Rektorat besetzen? "Was können wir uns mit dem Rektor verscherzen? Er hat uns ja nichts angeboten!" Am Ende aber entschließen sich die Unzufriedenen nur zu einer kurzen Spontandemo auf dem Universitätsplatz. Und es regnet wieder.

Halb neun, die Dämmerung zieht auf, die Flure des Romanistischen Seminars wirken verlassen. In Raum 018 brennt noch Licht. Veronika Zill steht die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Soeben hat sie mit einer Handvoll Kommilitoninnen eine neue Presseerklärung verfasst: "Die Studierenden des Romanischen Seminars verlangen, dass man ihren Forderungen nachkommt. Andernfalls werden Konsequenzen nicht auf sich warten lassen."

Dennoch: Die Besetzung bleibt aufgehoben, "zumindest bis zur Budgetierungs-Vorbesprechung am 11. Mai", sagt Zill. Man will also abwarten, nicht aufgeben. "Die Gemeinschaft zwischen Dozierenden und Studierenden ist ungebrochen", hat Romanistik-Professor Gerhard Poppenberg betont. Immerhin.

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