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Herumdoktern am Bachelor: "Wir haben zwei Studentengenerationen verschlissen"

Professoren haben überall in Deutschland neue Studiengänge erfunden und eingeführt. Jetzt wettert ihr oberster Vertreter gegen die Bachelor-Misere: zu kurz, zu verschult und zu speziell, sagt Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes - und er ruft auf zum Boykott der Bachelor-Bürokratie.

Protestierende Studenten (in Leipzig): In sechs Semestern zum Abschluss getrieben Zur Großansicht
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Protestierende Studenten (in Leipzig): In sechs Semestern zum Abschluss getrieben

SPIEGEL ONLINE: Herr Kempen, endlich reagiert die Politik. Es soll künftig weniger Prüfungen im Bachelor geben. Zuständig dafür sind Akkreditierungsagenturen, eingesetzt vom Akkreditierungsrat, sie sollen teils verkorkste Stopf-Studiengänge reformieren. Was halten Sie davon?

Bernhard Kempen: Nichts. Die Akkreditierungsagenturen sind mitschuld an der mangelnden Studierbarkeit - und die Kultusminister wollen sie nun damit beauftragen, genau diese zu überwachen. Da wird der Bock zum Gärtner gemacht. Wir fordern die Politik auf, den Akkreditierungszwang abzuschaffen. Diesen Unsinn brauchen wir nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Die Mitglieder ihres Verbands, die Professoren, machen machen doch den Löwenanteil der Mitglieder in den Akkreditierungsagenturen aus!

Kempen: Wir werden uns ab jetzt wirksam verweigern. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, dass sie ihre Arbeit im Akkreditierungsrat und in den -agenturen niederlegen. Da wird letztlich das Geld verpulvert, das den Studenten zugute kommen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Akkreditierer weg sind, können die Professoren wieder machen, was sie wollen. Das hatten wir fast 40 Jahre lang.

Kempen: Nein, wir wollen keine unumschränkte Freiheit. Wir sagen erstens: Gebt denen die Hoheit über den Bachelor zurück, die sich am besten auskennen mit dem Studium, den Professoren. Die sollen studierbare Studiengänge draus machen. Und zweitens: Lasst die Hochschulen selbst ein Instrument der Qualitätssicherung aufbauen. Da sollten dann auch Studenten mit drin sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Worauf sollten die Professoren und die Studierenden beim neuen Bachelor achten?

Kempen: Erstmal ist wichtig, dass die Politik jetzt endlich innehält. Man muss nicht auch noch den letzten Studiengang auf Bachelor bürsten. Wir haben schon zwei Generationen von Studenten im Bachelor verschlissen. Jura und Medizin sollten außen vor bleiben. Und den Diplomingenieur sollten wir unbedingt wieder einführen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sollen die missratenen Bachelor-Studiengänge wieder erträglicher gestaltet werden?

Kempen: Weniger Arbeitsbelastung und insgesamt zwei Semester mehr Zeit. Wir sollten unbedingt auch die Mobilität der Studierenden wieder verbessern. Ins Ausland gehen die Studenten nämlich nicht mehr, Erasmus ist am Ende.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Kempen: Wir waren praktisch gezwungen, einzigartige Studiengänge zu entwerfen. Die Vorsitzenden der Akkreditierungskommissionen fragten immer: "Was ist denn Ihr Alleinstellungsmerkmal?" Man hat mit dem Bachelor lauter Spezialstudiengänge installiert. Es war teilweise nicht mal mehr möglich, von Bonn nach Köln zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte das alles eigentlich passieren? Immerhin haben doch Ihre Professoren die Bachelor-Studiengänge gebaut?

Kempen: Ja, aber nur formell. Wir hatten engste Vorgaben. Die Kultusminister haben beschlossen, dass ein Bachelor in der Regel sechs Semester dauern soll - und die Akkreditierungsagenturen haben das genau überwacht. Wir Professoren konnten das nur noch ausführen. Wir hatten keine Freiheit mehr.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal Artikel 5 der Verfassung gelesen? Er macht sie fast exklusiv zu den Trägern der Freiheit von Forschung und Lehre. Niemand kann ihnen Vorschriften machen.

Kempen: Wir haben Artikel 5 nicht nur gelesen, sondern sogar geklagt vor dem Bundesverfassungsgericht, dass die Bachelorreform unsere Lehrfreiheit verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dann passiert?

Kempen: Das Verfassungsgericht hat die Klage zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass die Lehrfreiheit des einzelnen Professors dort beschränkt werden darf, wo der Gesetzgeber ein ganzes Studiensystem auf Bachelor und Master umstellen will. Das bedeutet, wir Professoren bestimmen die Inhalte eines Studiums. Aber die Menge, die Arbeitsbelastung und die Dauer des Studiums, das hat man uns alles diktiert. Man hat uns die Lehrfreiheit weggenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Kultusminister die Architekten des Bachelors sind und die Akkreditierungsräte die Bauingenieure, was sind die Professoren beim Bachelor-Umbau dann?

Kempen: Wir waren die Hilfsarbeiter. Wir hatten das auszuführen, was die gesagt haben. Deswegen müssen Kultusminister, Akkreditierungsrat sowie die Hochschulrektoren aufhören, den Schwarzen Peter hin- und herzuschieben.

Das Interview führte Christian Füller

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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1. Och hör,...
ArbeitsloserMathematiker 08.12.2009
mir kommen die Tränen. Eine Runde Mitleid für die armen Professoren....
2. selber schuld?
allerfreund, 08.12.2009
Zitat von sysopProfessoren haben überall in Deutschland neue Studiengänge erfunden und eingeführt. Jetzt wettert ihr oberster Vertreter gegen die Bachelor-Misere: zu kurz, zu verschult und zu speziell, sagt Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes - und er ruft auf zum Boykott der Bachelor-Bürokratie. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,665567,00.html
Letzlich muesste man sagen, dass die (damaligen) Studenten und die Politiker schuld an der Misere sind. Die einen wollten auch mit einem abgebrochenem Studium einen berufsqualifizierenden Abschluss und haben nach UK und USA geschielt, wo Absolventen im Alter von 22 Jahren Geld verdienten. Die anderen wollten schlicht populaer sein. Also wurde zuerst das Hochschulrahmengesetz angepasst und der Verschulungsprozess eingeleitet. Die einzigen, die sich ernsthaft gegen diese "Reformen" gewehrt haben, waren die Professoren (in Natur- und Ingenieurwissenschaften). Dass das Studium (in den genannten Faechern) nicht ohne Qualitaetsverlust zu verkuerzen ist, war allen von Anfang an klar. Blos der Druck von Ministerien war schlicht zu gross. Heute hat man nicht nur mit einem Ingenieurmangel zu kaempfen (den es auch schon damals gab), sondern auch noch mit der miserablen Ausbildung. Die ist jetzt auf dem angelsaechsischen Niveau angekommen. Uebrigens steht DE nicht alleine mit den Problemn da. In Ost-Europa hat auch der Bologna-Prozess eingesetzt, allerdings ohne der "typisch deutschen" Gruendlichkeit. Dadurch sind deutsche Naturwissenschaftler und Ingenieure auch schlecht ausgebildet, immer noch international Konkurenzfaehig.
3. 100% Ack!
0815login 08.12.2009
Das Interview gibt genau die Situation wieder, in der sich die "Sachbearbeiter" (=Professoren) befanden, als es darum ging, die neuen Bachelor-Studiengänge zu entwerfen. Vielen Dank an den Kollegen für die klaren Worte ! Die föderale Kakophonie tut ihr Übriges: Es ist vollkommen unverständlich, wieso diese EU-weite Regelung in Deutschland uneinheitlich auf Länder- und nicht einheitlich auf Bundesebene geregelt wird.
4. Auf den Inhalt kommt es an
jensjeep 08.12.2009
Prof. Kempen hat durchaus Recht, wenn er eine Zwangsverkürzung aller Studiengänge auf drei Jahre für falsch hält. Aber das Bologna-Modell zwingt niemanden zu diesen Kurzstudiengängen. Auch vier Jahre sind möglich. Warum Medizin und Jura ausgenommen werden sollten, bleibt auch unklar. Es gibt längst Modelle, nach denen die Vorzüge der bisherigen Studienstruktur (vergleichbares Staatsexamen)beibehalten werden können und dennoch eine vernünftige Umstellung auf einen Bachelor-Abschluss am Ende des juristischen Studiums stattfindet. Das Etikett "Bachelor" ist ja vergleichsweise aussagelos, es kommt auf den Inhalt an. Und hier müssen in der Tat die Hochschulen mehr Freiheiten bekommen. Wenn nur das Ziel klar ist. Bei Jura lautet dies: Die Absolventen müssen optimal auf die Anforderungen des Staatsexamens vorbereitet werden. (Ist das heute wirklich der Fall, weshalb am bisherigen System festzuhalten ist?) Das Staatsexamen ist der TÜV des Jurastudiums und das sollte mit 70% der Studienleistungen eines vierjährigen Studiums möglich sein. Und wie beim TÜV auch überlassen wir das Bauen der Autos den Herstellern und schreiben Ihnen nicht vor, wie genau jeder Wagen auszusehen hat. Die gleiche Freiheit benötigt die Universität. Wenn nur das Ergebnis stimmt. Was wir ebenfalls nicht brauchen, ist beispielsweise die verfrühte Spezialisierung, wie sie im geltenden System in den Wahlschwerpunkten praktiziert wird. Stattdessen sollten die Studierenden ein Stück Freiheit bei der Gestaltung der verbleibenden 30% ihrer Studieninhalte bekommen. Die Qualitätskontrolle sollte im übrigen auf der Ebene der einzelnen Veranstaltungen (Module) und weniger auf Ebene des Abschlusses ansetzen. Denn jeder Arbeitgeber kann sich anhand des Diploma Supplement, einer Übersicht über alle erfolgreich absolvierten Module, die jedem Bachelor-Zeugnis beigefügt ist, davon überzeugen, was genau der einzelne Bewerber studiert hat. Wir können uns auf dieser Ebene also Freiheiten leisten, die die Studierenden nutzen können, um selbständig das zu studieren, was sie interessiert. Von einem solchen Studium sind wir im Bereich der Rechtswissenschaften heute meilenweit entfernt - obwohl es die vielkritisierte Umstellung auf Bachelor-Master gar nicht gegeben hat. Wie es gehen kann, zeigt beispielsweise das 4-Stufen-Modell für eine neue Juristenausbildung: 4 Jahre Bachelor, ein anspruchsvolles Staatsexamen als Zugangsprüfung zum nachfolgenden Vollzeit-Referendariat. Kein zweites Staatsexamen und ein optinonales, für den Volljuristen nicht verpflichtendes Master-Studium zur wissenschaftlichen oder praxisnahen Spezialisierung. Das wäre das Beste aus beiden Welten, alt und neu. Und zudem schneller und sogar günstiger. Es würde Geld an der richtigen Stelle gespart, das dann in die Lehre gesteckt werden kann und sollte. Kurzum: Es geht nicht einfach um "Bachelor oder kein Bachelor", sondern um die Ausgestaltung. Und wenn hier alle Beteiligten (Hochschulen, Studierende, Praktiker) sich gemeinsam für ein gutes Modell entscheiden, dann wüsste ich nicht, was dagegen sprechen könnte. Dr. Jens Jeep, Notar, Hamburg Lehrbeauftragter Humboldt-Universität zu Berlin
5. Neues schwarzes Schaf
urbansonnet 08.12.2009
Das Problem ist doch nicht die Akkreditierung der Studiengaenge. Zum einen akkreditieren die Agenturen doch auch nur nach Vorgabe des Gesetzes und zweitens hat eine Qualitaetssicherung noch nie jemanden geschadet. Mir scheint eher, dass hier nach einem schwarzen Schaf gesucht wird. Was ja auch nicht verwunderlich ist. In der derzeitigen Bachlor/Master-Diskussion ist das herumreichen des schwarzen Peters ja schon fast symptomatisch. Alle finden es auf einmal doof, aber niemand will's gewesen sein und schon gar nicht will irgendwer den ganzen Mist aufraeumen. Dass jetzt auch noch die Akkreditierungsangenturen an den Pranger gezerrt werden spricht ja wohl nur dafuer, dass sich niemand in der Verantwortung sieht. Die Einfuerhung des Bachlor/Master-Systems war eine kaum durchdachte Hauruck-Aktion, bei der es primaer darauf ankam, dass es schnell ging, dass man schnell die Studiengaenge umbaute, egal wie. Die jetzigen Studenten muessen es ausbaden. Und so schnell wie die Umstellung damals durchgejagt wurde, um so laenger wird es sicherlich dauern, die Fehler zu ueberarbeiten. Vorallem wenn sich niemand verantwortlich fuehlt dafuer.
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Studentenproteste: "Keine Stimme ohne uns"

Zur Person
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Bernhard Kempen, 49, ist Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV)

Der Kölner Juraprofessor ist Experte für Völker- und ausländisches Recht. Der DHV vertritt die rund 18.000 Universitätsprofessoren. Kempen ist seit Jahren ein Kritiker der Bologna-Reform im deutschen Hochschulwesen.
Pannen beim Bachelor: Wer ist schuld?
Wie geht das mit der Akkreditierung?
Alle Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert, also begutachtet und zugelassen werden - mindestens alle sieben Jahre. Dafür ist ein Netz von zehn Akkreditierungsagenturen zuständig.
Wer hat die Studiengänge so gestaltet, wie sie sind?
Die Agenturen erhalten ihre Lizenz vom zentralen Akkreditierungsrat, der wiederum von den Kultusministern der Länder und den Hochschulrektoren eingesetzt wurde. Aufgabe der in der Öffentlichkeit kaum bekannten Organisationen ist es, die Vorgaben der Kultusminister für Bachelorstudiengänge auszulegen und umzusetzen - dazu gehören Dauer, Lernpensum und Ausstattung der Studiengänge. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kann so eine Bewertung durch eine Akkreditierungsagentur wie AQAS für einen Bachelor-Studiengang kosten - um diese Ausgaben kommen Unis und FHs nicht herum. Ebensowenig wie um den umfangreichen, oft mehrere hundert Seiten starken Antrag samt Modulhandbuch und konzeptioneller Beschreibung.
Lernen die Akkreditierer aus ihren Fehlern?
Als Reaktion auf Bachelorkrise und Bildungsstreik hat der Akkreditierungsrat seine Kriterien geändern. Die "Studierbarkeit" wurde aufgewertet und ist ein eigenes Kriterium bei der Begutachtung von Studiengängen geworden. Die Akkreditierungsagenturen sollen jetzt auch prüfen, ob die Arbeitsbelastung eventuell zu hoch ist und ob die Studenten adäquat betreut werden. Zur Diskussion um die "Studierbarkeit" von Studiengängen sagte Rolf Dobischat vom Deutschen Studentenwerk, das sei, "als müsse man über die Trinkbarkeit von Trinkwasser diskutieren".
Was soll sich für die Studenten ändern?
Die Akkreditierer wollen die Zahl der Prüfungen einschränken. Unter andderem soll ein Studienmodul, also ein Fachgebiet, künftig "in der Regel nur mit einer das gesamte Modul umfassenden Prüfung" abgeschlossen werden. Bisher gab es teilweise drei oder mehr Prüfungen. "Wir fassen uns da an die eigene Nase", sagte Achim Hopbach, Geschäftsführer des Rates. "Bisher haben wir zu viele Studiengänge mit zu vielen Prüfungen zugelassen". Auch "Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit" ist ein neues Kriterium, das anzuwenden ist.

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