Historien-Hype: Renaissance der Wanderhuren
Düstere Jahrhunderte voller Ritter, Päpste, Burgfräuleins: Für viele ist das Mittelalter ein Zeitalter, das sie von Märkten und Schaukämpfen, aus Kinofilmen und Büchern zu kennen glauben. Das tatsächliche Wissen über die Zeit zwischen 500 und 1500 ist dagegen erschreckend schwach. Wie gut ist Ihres?
In wenigen Wochen wird das Mittelalter wieder über Deutschland hereinbrechen, emsige Stadtväter rüsten bereits für die Vergangenheit. "Fackeln, Öllampen, Kerzen und Teelichter tauchen die Zeltstadt mit Einbruch der Dunkelheit in mystisches Licht", verspricht man etwa in Siegburg. "Trommel- und Dudelsackklänge dringen ins Ohr, Spielleute und Jongleure demonstrieren ihr Können." Auch dabei: "eine Wahrsagerin, die verrät, was die Zukunft bringt".
Die nahe Zukunft bringt, so viel ist sicher, historisch überzuckertes Weihnachtsbrimborium. Zahlreiche Städte laden im Advent zu "mittelalterlichen Weihnachtsmärkten" und dürfen auf viele Besucher hoffen. Zu schön ist die Kitsch-Kombi, die in München, Münster und andernorts heraufbeschworen wird: traditionelle Glühweinbesinnlichkeit gepaart mit neuer Mittelalterglückseligkeit. Ritter, Mönche und neuerdings auch Wanderhuren liegen im Trend, das Mittelalter erlebt seine ganz eigene Renaissance - auch wenn in unserer angeblich aufgeklärten Zeit teils abenteuerliche Fehlvorstellungen über das Leben vor tausend Jahren herrschen.
Das Wissen der Deutschen über die Zeit zwischen ungefähr 500 und 1500 ist begrenzt, ihre Begeisterung scheint es nicht zu sein. Als der SPIEGEL einen neuen Wissenstest erstellte, wagte das Redaktionsteam beim Mittelalter deshalb nur nach Basiswissen zu fragen. Dabei müssten sich viele Deutsche mit dem Mittelalter besser auskennen als mit fast jeder anderen Zeit. Menschenmassen ziehen jeden Sommer zu Ritterspielen, Burgfesten oder Mittelaltermärkten. Im Buchladen und Fernsehen ist das Thema omnipräsent, das Schicksal der "Wanderhure", gespielt von Alexandra Neldel, verfolgten bei Sat.1 vor wenigen Wochen rund 10 Millionen Menschen.
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Alte Zeit als Projektionsfläche für neue Sehnsüchte
Wenn es aber ums Gefühl geht, sind die Fakten unwichtig. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass die Menschen im Mittelalter mitnichten die Erde für eine Scheibe gehalten haben und Hexenjagden größeren Stils erst in der Neuzeit stattfanden. Oder dass Ritterrüstungen ganz schön beweglich waren und keineswegs mit Keuschheitsgürteln die Enthaltsamkeit von Ehefrauen über einen längeren Zeitraum erzwungen wurde - Ausstellungen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und, soeben beendet, des Deutschen Historischen Museums in Berlin kämpften zuletzt mal wieder gegen solche Mythen.
Die alte Zeit ist schon seit langem vor allem eine Projektionsfläche der aktuellen Sehnsüchte. Historiker Groebner schreibt unter anderem "von der zeitweiligen Begeisterung der Neuen Linken der siebziger und achtziger Jahre für ein Vollkornmittelalter rebellischer Handwerker und Hebammen bis zur Instrumentalisierung mittelalterlicher Mythen durch die populistische Rechte nach 1989". Das Mittelalter selbst wirkt so wie eine wandlungsfähige und gefügige Wanderhure, die sich jedem Zeitgenossen anschmiegt, ganz nach dessen Wünschen.
Besonders der Film hat die Popularität befördert, Werke wie "Der Name der Rose", "Braveheart", "Luther", "Ritter aus Leidenschaft" oder "Die Päpstin". Dass sie es mit den historischen Fakten nicht so genau nehmen, stört die meisten Zuschauer nicht und trägt vermutlich zum Erfolg bei. "Filme sind eben keine Wissenschaft und müssen ohne Fußnoten auskommen", sagt die Altgermanistin Bettina Bildhauer, die an der University of St. Andrews in Schottland lehrt und soeben ein Buch* über die Darstellung des Mittelalters in verschiedenen Filmen geschrieben hat. Was die Regisseure mit der Historie anstellten, meint Bildhauer, sei "oftmals falsch und dennoch wertvoll".
Die Filme zeichneten ein verzerrtes Bild der damaligen Wirklichkeit, verrieten aber viel über die heutige Zeit: Sie sagen "weniger über das Mittelalter aus als über uns, unser Selbstbild und unser Weltbild", sagt die Forscherin. Wenn das Mittelalter mit Burgfräulein, Ritter und Drachenkampf romantisiert wird, wie in "Ritter aus Leidenschaft", dann komme darin wohl auch ein Unbehagen über die heutige Zeit zum Ausdruck. Und wenn die Welt damals als besonders rückständig dargestellt wird, wie in "Der Name der Rose", dann können wir uns als fortschrittlich fühlen.
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* Bildhauer, Bettina: Filming the Middle Ages, Reaktion Books; erscheint vorraussichtlich Feburar 2011
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