Hochschule für Fußballmanager: Tante Käthe, bloß studiert

Von Philipp Jarke

Bislang waren die meisten Fußballmanager vorher selbst Profi-Kicker. Den Umweg übers Spielfeld kann man sich jetzt sparen: An englischen Hochschulen lässt sich lernen, wie man Spieler kauft und Trainer feuert. Allerdings ist das nicht ganz billig.

Was haben die Fußballmanager Christian Nerlinger (FC Bayern), Michael Zorc (Borussia Dortmund) und Jörg Schmadtke (Hannover 96) gemeinsam? Ein abgebrochenes BWL-Studium. Rudi Völler (Bayer Leverkusen, Spitzname "Tante Käthe") ist gelernter Bürokaufmann, Horst Heldt (Schalke 04) Kfz-Mechaniker. All diese ehemaligen Fußballer stehen nun an der Spitze großer Bundesligavereine, feilschen um Ablösesummen in Millionenhöhe und pokern mit Spielerberatern um Kleingedrucktes in Verträgen.

Sie alle tun das durchaus mit Erfolg, aber ihre Personalien stehen auch für einen Missstand: Zu Fußballmanagern wurden bisher fast nur ehemalige Profi-Kicker. Das soll sich jetzt ändern.

Die University of Liverpool führte schon vor einigen Jahren den Studiengang "Football Industries" ein, der Zweitligist Burnley FC gründete vergangenes Jahr sogar eine eigene Hochschule für angehende Kicker-Manager, die Fußballverrückten aus aller Welt offensteht: die UCFB (University & College of Football Business). Hier können Studenten einen dreijährigen Bachelor in "Football Business" machen mit den Schwerpunkten Finanzen, Marketing und Medien.

60 Studenten haben sich im Herbst eingeschrieben an der Uni mit dem wohl größten Audimax der Welt: 22.546 Sitzplätze, vollständig überdacht, mit Blick auf 65 mal 104 Meter Rasenfläche: Turf Moor, das ehrwürdige Stadion des Burnley Football Club.

Zum Hörsaal, der Bibliothek und den Seminarräumen steigen die Studenten die Treppen der Osttribüne empor. Über hellen Holzfußboden geht es einen Flur entlang, auf Flachbildschirmen läuft der Sportkanal, in Glasvitrinen stehen Devotionalien aus 130 Jahren Clubgeschichte: Wimpel, Pokale und Zeitungsausschnitte, die von Europapokal-Schlachten berichten.

Der Burnley FC ist zweifacher englischer Meister und Gründungsmitglied der Football League, der Großmutter der heutigen Premier League. Es ist nicht ohne Ironie, dass dieser Traditionsverein eine Kaderschmiede für Fußballmanager gegründet hat: Der Club braucht dringend Geld.

Gut 4000 Euro Studiengebühren im Jahr

Burnley hat nur 90.000 Einwohner und für einen Fußballclub eine durchaus problematische Nachbarschaft. Nicht weit entfernt gibt es gleich vier Spitzenvereine - die Blackburn Rovers, die Bolton Wanderers, Manchester City und Manchester United -, die in der Premier League spielen und dem FC Burnley die Fans abspenstig machen.

So hält sich der Trikotverkauf in Grenzen, und auf Geldspritzen von Ölscheichs und russischen Oligarchen kann man auch nicht mehr hoffen; die UEFA möchte sie verbieten. So kamen die Club-Verantwortlichen auf die Idee, eine Uni zu gründen und den Verein über Studiengebühren mitzufinanzieren.

Die Idee zahlt sich aus: Zu den 60 Studenten, die jetzt angefangen haben, kommen im Herbst 200 hinzu, im Jahr 2013 sollen noch einmal 300 einsteigen.

Danny Stroud, 20, und seine Kommilitonin Faye Orme, 18, sind seit einem halben Jahr dabei. Sie sitzen in der Bibliothek und bereiten sich auf ein Seminar vor. Danny, rote Haare und das Gesicht voller Sommersprossen, brach sogar sein Lehramtsstudium ab, um nach Burnley zu wechseln. Für ihn wurde ein Kindheitstraum wahr: Er ist Chelsea-Fan und kickte, bis er 15 war, in den Nachwuchsmannschaften des Premier-League-Clubs West Ham United. "Meine Fußballleidenschaft mit einem Wirtschaftsstudium zu kombinieren, das konnte ich mir nicht entgehen lassen", sagt er.

Danny will irgendwann einmal einen Club managen, "als Finanzvorstand oder noch höher, das wäre ein Traum". Dafür zahlt er umgerechnet gut 4000 Euro Studiengebühren im Jahr. Für die nächsten Jahrgänge sind sogar 7200 Euro fällig.

Liverpool, das war bisher die beste Zeit meines Lebens"

"Klar ist das teuer", sagt Faye und schaut aus dem Fenster, auf das weite Grün des Stadions, "aber so was gibt es doch sonst nirgendwo auf der Welt." Schon als Kleinkind war sie Fan ihres Heimatvereins Birmingham City. Später spielte sie in einer Mädchenmannschaft. "Anders als Englisch oder Mathe hat mir Fußball schon immer Spaß gemacht", sagt Faye, die sich in den kommenden drei Jahren auch durch Seminare über Bilanzen und Europäisches Recht kämpfen muss. Anschließend soll es zum Fernsehen gehen: als Fußballmoderatorin.

Die Ausbildung in Burnley läuft zweigleisig.

  • Im akademischen Teil lernen die Studenten die Grundlagen der Betriebswirtschaft. "Wir wenden das Fachwissen aber immer direkt auf den Fußball an", sagt Uni-Geschäftsführer Philip Wilson. So wird den Studenten zum Beispiel nahegebracht, wie man das Risiko von Spielerkäufen minimiert oder wann der Zeitpunkt optimal ist, um den Trainer zu entlassen.

  • Zum Dozenten- und Referentenstamm der UCFB zählen aber nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch Manager wichtiger Fußball-clubs, Verbandsfunktionäre und Vorstände großer Sportartikelhersteller. So können die Studenten Kontakte knüpfen, die ihnen später bei der Jobsuche helfen.

Einer der deutschen Absolventen der englischen Manager-Schmiede ist Christian Happel, jetzt Marketingmanager beim Chemnitzer FC. Happel, 34, hat 2005 den MBA Football Industries an der Uni Liverpool gemacht, danach ging es stetig bergauf im Fußballbusiness. Erst schloss er sich einer Agentur für Sportmedien an, dann erfuhr er, dass Estland, Lettland und Litauen ihren gemeinsamen Fußballpokalwettbewerb reformieren wollten. Wenige Wochen später bezog er als Geschäftsführer der Baltic League ein Büro in Tallinn.

In der estnischen Hauptstadt konnte Happel dann anwenden, was er in Liverpool gelernt hatte: Er änderte den Modus des Pokalwettbewerbs, modernisierte die Vermarktung und handelte einen Vertrag mit einem Pay-TV-Sender aus. Happel war so erfolgreich, dass ihn der estnische Fußballverband abwarb und ihn als Marketingchef ins Präsidium wählen ließ. Weil er aber unbedingt zurück in den Vereinsfußball wollte, bewarb er sich gezielt bei deutschen Clubs in unteren Ligen. "Unterklassige Vereine suchen Leute, die ein breites Spektrum abdecken", sagt er - und das konnte er dank seines Studiums in Liverpool.

Der Chemnitzer FC verpflichtete ihn für die Marketingabteilung. Kurz nach der Vertragsunterschrift stieg die Mannschaft in die dritte Liga auf, und der Verein beschloss den Bau eines neuen Stadions. Mittelfristig soll es jetzt in die zweite Bundesliga gehen. Von seiner Zeit an der Liverpooler Uni schwärmt Happel noch heute: Fußball, durch die Kneipen ziehen, studieren. 25 Studenten aus 20 Ländern waren sie, ein Nationenmix wie in einer modernen Fußballmannschaft. Auch das Verhältnis zu den Professoren war eng, Happel trank mittags auch mal ein Pint mit ihnen. "Liverpool", sagt Happel, "das war bisher die beste Zeit meines Lebens."

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1. Studiengebühren
SirJazz 29.05.2012
4000 Euro im Jahr sind teuer? Das zeigt wie verwöhnt unsere Studenten in diesem Land mitlerweile sind...
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