Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Trotz Zulassungsbeschränkung: Tausende Studienplätze sind ungenutzt

Von

Leerer Hörsaal: Rein rechnerisch sind längst nicht alle Studienplätze besetzt - nicht einmal in den besonders begehrten NC-Fächern Zur Großansicht
DPA

Leerer Hörsaal: Rein rechnerisch sind längst nicht alle Studienplätze besetzt - nicht einmal in den besonders begehrten NC-Fächern

Das Wintersemester geht zu Ende - doch mehr als drei Monate nach Vorlesungsbeginn sind immer noch Tausende Studienplätze frei. Allein in den besonders begehrten NC-Fächern sind 14.500 Plätze ungenutzt.

Studieren in Köln? Das würden viele Abiturienten gerne. Und deshalb ist der Andrang auf die Kölner Uni enorm. "Alle Fächer sind in diesem Wintersemester bei uns mit einem Numerus Clausus belegt", sagt Uni-Sprecher Patrick Honecker, "die Nachfrage ist so groß, dass wir durchgängig mehr Interessenten zulassen als wir tatsächlich Plätze haben." Mit dieser Überbuchung - ähnlich wie bei Fluggesellschaften - will die Universität sicherstellen, dass auch bei Absagen einzelner Studenten trotzdem alle Studienplätze belegt sind.

Doch das ist nicht überall so. Bundesweit, ergaben Recherchen von SPIEGEL ONLINE, sind immer noch Tausende von Studienplätzen unbesetzt - und das, obwohl das laufende Wintersemester schon fast zu Ende ist. Allein in den besonders begehrten Fächern mit Numerus-Clausus-Beschränkung (NC) konnten bis zum Januar mindestens 14.579 Plätze nicht vergeben werden. Die tatsächlichen Zahlen dürften jedoch noch höher liegen, da mehrere Länder keine Angaben zu den unbesetzten Studienplätzen machen konnten.

Das Problem einer effektiven Verteilung der Studienplätze in Deutschland ist nach wie vor ungelöst. Zwar sind die Zahlen aus den einzelnen Bundesländern nur begrenzt vergleichbar, weil die Wissenschaftsministerien keine einheitliche Statistik führen. Dennoch ist klar: Dass Tausende von Studienplätzen frei bleiben, ist eine Verschwendung von Kapazitäten - und eine Zumutung für abgelehnte Studieninteressenten.

Einige Ergebnisse:

  • Eine komplette Auslastung aller zulassungsbeschränkten Studienfächer meldet lediglich Sachsen.
  • Den zahlenmäßig größten Anteil an freien NC-Studienplätzen gibt es bei Bachelor-Studiengängen in Nordrhein-Westfalen - was durch die große Zahl von Hochschulen in dem Bundesland zu erklären ist. 8398 Plätze wurden hier nicht besetzt.
  • Den größten prozentualen Anteil an unbesetzten Bachelor-NC-Plätzen gibt es an Universitäten in Thüringen (12,8 %) und an Fachhochschulen in Mecklenburg-Vorpommern (16,1 %).
  • Den größten Anteil an unbesetzten Master-NC-Plätzen gibt es an Universitäten in Mecklenburg-Vorpommern (26,4 %) und an den Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg (29,2 %).
  • Keine aktuellen Zahlen legten Berlin, Brandenburg, Hessen, das Saarland und Schleswig-Holstein vor.

Für die schleppende Vergabe der begehrten Plätze machen Vertreter der Ministerien und der Hochschulen ein fehlendes bundesweites Verteilverfahren verantwortlich. Dessen voller Betrieb ist bereits mehrfach angekündigt, aber immer wieder verschoben worden. 2008 war die damalige "Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen" (ZVS) auf Druck von Ländern und Hochschulen geschlossen worden, die Unis und FHs wollten ihre Studenten lieber selbst aussuchen - und stellten schnell fest, dass sie damit häufig überfordert waren.

Softwareprobleme und verbreitete Skepsis

Als ZVS-Nachfolger wurde deshalb die Stiftung für Hochschulzulassung ins Leben gerufen. Die experimentiert seit Jahren mit einem computergestützten sogenannten "dialogorientierten Serviceverfahren" herum, das jedoch wegen Problemen bei der Datenübermittlung durch die Hochschulen und wegen weit verbreiteter Skepsis bei vielen Unis und FHs nur vereinzelt genutzt wird. Im Wintersemester hatten 62 Hochschulen insgesamt 289 Studienfächer über das Verteilverfahren angeboten - nur ein Bruchteil der rund 400 Hochschulen mit ihren mehr als 16.000 Studiengängen in Deutschland.

Für Ulf Bade, Geschäftsführer der Stiftung für Hochschulzulassung, ist das Serviceverfahren dennoch "das geeignete Instrument, um zur Auslastung der Studienplätze beizutragen". Die Teilnahme an diesem Verfahren nehme "kontinuierlich zu". Im Übrigen beträfen die freien Studienplätze nicht nur Studienangebote, die im dialogorientierten Serviceverfahren angeboten werden. Bis zum Wintersemester 2017/2018 soll das Verfahren flächendeckend eingesetzt werden, ist zu hören - allerdings hatte es solche Ankündigungen schon häufig gegeben.

Das Bundesbildungsministerium sieht die Länder in der Verantwortung. "Für die Ein- und Durchführung des Serviceverfahrens ist allein die von den Ländern im Zusammenwirken mit den Hochschulen getragene Stiftung für Hochschulzulassung zuständig", heißt es auf Anfrage. Schließlich seien es seinerzeit ja auch die Länder gewesen, die die funktionierende ZVS abgeschafft hätten.

Die Wissenschaftsministerien in den Ländern wiederum sehen die Verantwortung für die freigebliebenen Studienplätze bei den Hochschulen - und manche drohen jetzt mit Haushaltskürzungen. So verweist ein Sprecher des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums darauf, dass in den Zielvereinbarungen mit den Hochschulen "finanzielle Konsequenzen" festgelegt worden seien, wenn Studienplätze nicht besetzt werden. Die Senatsverwaltung in Berlin will zwar keine Zahlen über freie Plätze nennen, denkt aber über "Abzüge bei der Finanzierung" nach und droht, Geld "möglicherweise an andere Berliner Hochschulen" zu vergeben.

Solche Sorgen hat die Uni Köln nicht: Dort sind alle Studienplätze belegt - möglicherweise auch deshalb, weil die Universität für viele Fächer selbst die Verteilung übernommen und nicht die Stiftung für Hochschulzulassung beauftragt hat.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 100 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
crazy_swayze 30.01.2015
Inkompetenz. Und diese Leute wollen anderen etwas beibringen?
2. es geht doch ums Lernen ...
Spiegelleserin57 30.01.2015
und nicht um den Wellnesscharakter einer Uni. nach wie vor ist mir immer noch unverständlich was für ein Bild die Studierenden von einer Ausbildung haben. Bei uns im Unibetrieb hört man leider immer noch zu oft das Wort Party und den Satz: wie komme ich am besten durch die nächste Klausur? Dass man diese Kenntnisse für den Berufsalltag braucht erkennen wohl viele gar nicht. Später müssen wir immer wieder am Arbeitsplatz erkennen wie praxisfremd die Leute sind. Unsere Mitarbeiter kichern schon wenn die Studis morgens um 8 Uhr halb verschlafen und gähnend zum Praktikum erscheinen. Man kann sich nicht die Örtlichkeiten aussuchen sondern muss einfach akzeptieren dass es ums STUDIUM geht. Dies dürfte wohl ein entscheidendes Kriterium sein warum die "unbeliebten" Regionen Deutschlands noch Plätze frei haben. Übrigens machen die Leute die während des Studiums sehr engagiert arbeiten auch meistens sehr schnell Karriere. Dies konnte ich schon sehr oft beobachten, Auszeichnungen folgen dann der Regel auch sehr bald.
3. Welche Fächer?
wolffm 30.01.2015
Um welche Fächer geht es konkret? Das ist ein Zumutung für die und deren Eltern, die teuer einen Studienplatz im Ausland bezahlen, weil sie in Deutschland keinen bekommen haben.
4. Auch ein Wohnproblem?
hooverphonic 30.01.2015
Welche Studentin, welcher Student will denn unbedingt bei den Eltern wohnen bleiben? Selbst WENN er/sie sich blendend mit ihnen versteht. Spannungen sind da einfach unvermeidlich, nicht zuletzt wegen des "Regelwerks" im Elternhaus, das man als Studierende(r) irgendwann doch mal etwas großzügiger auslegen will. Und in sehr konservativen Elternhäusern gibt es überdies noch ein Problem mit Privatsphäre und -leben. Was, wenn die Studentin einen Schwarzen liebgewonnen hat? Gerade im ländlichen Raum ist da die Toleranzschwelle bei der sog. Elterngeneration immer noch nicht im 21. Jh. angekommen. Und GENAU dann steht sich besagtes Wohnproblem. Man möchte studieren ABER auch sein eigenes Leben leben, und das lässt sich in großen Städten kaum noch bezahlen - es wird immer schlimmer. Andererseits reicht das hinzuverdiente Geld "dank" der Minijob-Politik (bei der ZWEI Arbeitskräfte sich eine Stelle teilen) kaum aus, um Miete + Essen + noch wenigstens wenige Aktivitäten finanzieren zu können. Bafög? Ja, gibt's auch, aber in Akademikerhaushalten steht das gar nicht zur Debatte, weil das Elterneinkommen zu hoch ist.
5. Danke Wettbewerb
prefec2 30.01.2015
Weil die Hochschulen nun im Wettbewerb um die besten Studierenden treten sollen wurde ein neues Vorgehen für die Bewerbung ausgetüftelt. Jeder muss sich bei allen Hochschulen bewerben wenn es etwas werden soll. Das führt natürlich dazu, dass der eine mehrere Zusagen und der andere mehrere Absagen bekommt. Aber egal. Hauptsache dem Dogma wurde genüge getan. Zu ZVS Zeiten konnte man sich zentral bewerben und angeben welche Unis man vorzieht. Das war viel einfacher. Auch gab es nicht so viele verschiedene Studiengänge, welche sich im Bachelor kaum voneinander unterscheiden und früher einfach Schwerpunkte innerhalb eines Studiengangs waren. Mit ZVS wäre das nicht passiert mit den unbesetzten Stellen. Davon abgesehen wollen wir doch, dass die Hochschulen in Deutschland alle eine gute Ausbildung und Bildung anbieten. Das geht nicht wenn man versucht eine pseudo Konkurrenz aufzubauen, welche zum Abstieg von Unis und deren Qualität führt. Wir wollen gute Bildung überall. Also weg mit dem aktuellen Modell und eine Wiedereinführung der ZVS.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Hochschulen und der NC: Beschränkter Zugang