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Hochschulen am Hindukusch: Nur so gelingt Afghanistans Wiederaufbau

Entwickelt sich Afghanistan zu einer selbstbewussten Nation oder versinkt das Land noch tiefer im Chaos? Der Westen hat es in der Hand, findet Alexander Kupfer, der die deutsche Hilfe für Unis am Hindukusch koordiniert. Ein Plädoyer für den akademischen Wiederaufbau.

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Studenten in Kabul: Der Bildungshunger ist groß

Es ist ein wenig wie im Taxi: Als Fahrgast weiß man, dass der Trip nicht billig wird. Doch irgendwann macht der Taxameter trotzdem nervös, sind wir nicht mal bald da?

Unmittelbar nach dem Sturz der Taliban war die Entschlossenheit groß, Afghanistan wieder aufzubauen. Acht Jahre später geht es trotz aller Einzelerfolge noch immer nur sehr langsamvoran, der Fortschritt bleibt mühsam. Die Sicherheitslage ist prekärer denn je. Und die Geberländer, die durch die Finanzkrise Billionen Dollar verloren haben, fragen sich, wie lange ihre Steuermittel denn noch in dieses scheinbare Fass ohne Boden fließen sollen.

Afghanistan steht an einem Wendepunkt, an dem sich entscheidet, ob es als selbstbewusste neue Nation aufsteigen oder kraftlos in das alte Chaos zurücksinken wird. Bildung spielt in diesem Generationenwerk des Aufbaus eine Schlüsselrolle. Und doch sprechen die Zahlen eine andere Sprache: So standen im deutschen Stabilitätspakt Afghanistan von den für 2008 verfügbaren 140 Millionen Euro gerade einmal 1,5 Prozent für die Hochschulbildung bereit. Das entspricht den Kosten von knapp zwei Tagen Bundeswehrpräsenz in Afghanistan.

Und selbst dieser bescheidene Anteil wird nun durch eine akute Nacht-und-Nebel-Planung in Frage gestellt. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Politik mit akademischem Aufbau kaum punkten kann, denn Hochschulen sind aus der Sicht der Medien einfach nicht sexy: Noch immer füttern diese ihr Publikum lieber mit zehn Meldungen über Attentate als einem Bericht über afghanische Geographen, die mit deutscher Hilfe den ersten Nationalatlas erstellen.

Die Ungeduld der Geber ist verständlich, aber unsachgemäß. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und auch nicht in acht Jahren. Es wäre aberwitzig zu glauben, dass ein ganzes Land wie Afghanistan in nur acht Jahren zu sanieren und glücklich wieder sich selbst zu überlassen wäre.

Die afghanische Jugend drängt an die Hochschulen

Seit 2002 wird der deutsche Beitrag zum akademischen Aufbau durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) koordiniert. Unter seiner Regie kümmern sich deutsche und afghanische Hochschulen um die Verbesserung der Lehrqualität. Denn der Bildungshunger der afghanischen Jugend ist groß.

Schon jetzt ist die Hochschullandschaft Lichtjahre vom einstigen desolaten Zustand entfernt. Während bis 2001 noch ein rigoroses Bildungsverbot für Frauen bestand, sind heute ein Drittel der Studenten und Lehrenden weiblich. Die vor Beginn des Aufbaus praktisch unbekannte Informationstechnologie hat in fast allen Hochschulbereichen Einzug gehalten. Derzeit planen die TU Berlin und das von ihr errichtete Kabuler Rechenzentrum eine landesweite IT-Vernetzung, die auch eine effektive Fernlehre ermöglichen könnte.

Die Universität Bochum ist auf dem besten Weg, alle afghanischen Wirtschaftsdozenten auf ein international anzuerkennendes Master-Niveau zu führen, obwohl die meisten vor kurzem noch nicht einmal das Fachwissen hiesiger Zweitsemester besaßen. Ähnliches gilt für viele andere Bereiche. Das hört sich gut an und ist es auch. Das Problem liegt in der überzogenen Erwartung, wie schnell der Job erledigt sein müsse.

Gespendete Geräte verrosten, weil keiner sich rantraut

An eiligen Helfern hat es in Afghanistan nie gefehlt. Sie haben sich viele Denkmäler gesetzt, die auf Hinterhöfen rosten oder still unter Staubschutzhüllen darauf warten, dass jemand sich erbarmt und sie auf dem nächsten Bazar verkauft. An der Universität Kabul befindet sich seit Jahren eine von Japan gespendete hochmoderne Laboreinrichtung. In der Wärmekammer des Inkubators klebt immer noch die eingeschweißte Gebrauchsanleitung - die Einrichtung wurde noch nie benutzt.

Um Beschädigung zu vermeiden, verwehren manche Dekane ihren Studenten den Zugang zu Geräten, die eigens für den Unterricht angeschafft wurden. Sogar der Umgang mit Literatur ist nicht selbstverständlich. Ein Gastdozent mag den afghanischen Kollegen ein Semester lang vor Augen führen, dass Bücher in erster Linie da sind, um gelesen zu werden. Und dennoch wird er womöglich die Erfahrung machen, dass eine kurz nach seiner Abreise eingetroffene Bücherkiste zu Beginn seiner nächsten Dozentur immer noch ungeöffnet auf dem Flur steht. Währenddessen unterrichten die Lehrkräfte wieder mit ihren zwanzig Jahre alten Manuskripten, als hätte ihr Institut niemals moderne Literatur erhalten.

Was fehlt, ist eine Tradition der Eigenverantwortung

Es liegt auf der Hand, dass es nicht reicht, mal rasch ein paar Leute auszubilden und ihnen Gerät vor die Tür zu stellen. Damit die Bemühungen erfolgreich sind, müssen Gastdozenten den Aufbau begleiten. Sie müssen geduldig darauf hinwirken, dass endlich das entsteht, was zum Zauberwort des Aufbaus wurde: Afghan ownership, die Bereitschaft der afghanischen Partner, vermitteltes Wissen anzuwenden und gespendetes Gut so sorgsam zu pflegen, als stünde es im eigenen Wohnzimmer. Doch Afghan ownership wächst nicht auf Bäumen, sie ist die blaue Blume des Aufbaus am Hindukusch.

Dass Afghanen mit dem Begriff nichts anfangen können, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Denn was er bezeichnet und Abendländern so selbstverständlich erscheint, ist in Afghanistan kulturell gar nicht tradiert: die Selbstbestimmtheit des Individuums, das sich nach Kants Kategorischem Imperativ in einer freien Willensentscheidung selbst wohlüberlegte Schranken setzt, um einem Gemeinwohl zu dienen, von dem es letztlich auch wieder selbst profitieren wird.

In Afghanistan gibt es keine Tradition eines nationalstaatlichen Gemeinwesens. Entscheidungen werden durch die Zugehörigkeit zu konkurrierenden Volksgruppen, Stämmen und Familien bestimmt - oder durch die Gewalt lokaler Machthaber. Selbst über persönlichste Belange entscheiden meist Oberhäupter. Eigene Initiative ist oft unvereinbar mit Respektsgeboten.

Die Angst vor dem Gesichtsverlust

Es gilt die in ganz Asien obligate Vermeidung von Gesichtsverlust: Ein afghanischer Student wird seinem Lehrer niemals eine fachliche Frage stellen, wenn er sich nicht sicher ist, ob der sie beantworten kann. Üblich ist auch die Selbstversorgermentalität. Wo öffentliche Fürsorge versagt, ist jeder sich selbst der Nächste. Schlechte Karten für die verantwortliche Pflege von Allgemeingut.

Oft ist die fehlende Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen auch Ausdruck traumatischer Belastung. Persönliche Kriegserlebnisse, von denen der eine oder andere in einer stillen Stunde erzählt, lassen erahnen, welch ungeheurer Schmerz viele Afghanen täglich begleitet. Passivität ist ein Abwehrreflex gegen das erinnerte Grauen, dessen Urheber zumeist auch heute noch auf einflussreichen Posten sitzen, während den Opfern kein Hauch einer Wiedergutmachung zuteil wird. Solche Verhältnisse schaffen nicht das Vertrauen, dass es sich lohnt, Initiative zu zeigen - zur seelischen Zerfleischung gesellt sich der Fatalismus.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, wieso eine gut ausgebildete Gruppe afghanischer Fachkräfte wochenlang nicht daran denkt, eine im Sturm zerborstene Fensterscheibe zu ersetzen, um Schäden an empfindlicher Technik zu vermeiden. Es ist nicht wirklich individuelles Versagen, das zu solchen entwicklungshemmenden Pannen führt, sondern ein Zusammenspiel von Traumatisierung, kulturellen Gepflogenheiten und Ratlosigkeit. Dessen Überwindung ist nichts weniger ist als die afghanische Wende zur Moderne. Das Abendland brauchte für diesen Prozess hundert Jahre.

Sicher überlegen viele Geber, auf die Afghan ownership still zu verzichten. Die Versuchung ist groß, am Ende ein wenig zu pfuschen, damit man endlich fertig wird. Doch eine solche Rechnung kann nicht aufgehen. Wenn die heutigen Akademikerinnen wieder unter Burkas verschwunden sind, wenn die Taliban die Buddhas von Bamyan, die gerade restauriert werden, endgültig pulverisiert haben, und wenn Afghanistan wieder zum Hort globaler Bedrohungen geworden ist, wird sich die Fatalität dieser Ungeduld erweisen.

Es liegt in der Hand der Entscheidungsträger, jetzt die Weichen für eine Aufbaupolitik zu stellen, die dem globalen Sicherheitsinteresse wirklich angemessen ist. Ohne die sinnstiftende Wirkung eines engagierten zivilen Aufbaus, in dem Bildung an prominenter Stelle steht, wäre jede Investition in Militär oder Polizei ein Unterfangen ohne Perspektive.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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1. Erziehung
Tubus 15.09.2009
Zitat von sysopEntwickelt sich Afghanistan zu einer selbstbewussten Nation oder versinkt das Land noch tiefer im Chaos? Der Westen hat es in der Hand, findet Alexander Kupfer, der die deutsche Hilfe für Unis am Hindukusch koordiniert. Ein Plädoyer für den akademischen Wiederaufbau. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,647933,00.html
Kluger Beitrag. Nur die Vorstellung Ausländer könnten zur Änderung der inneren Einstellung einen wesentlichen Erziehungsbeitrag leisten ist naiv. Sowas muss aus der Gesellschaft selbst kommen.
2. Vollste Zustimmung.
Meisterbrau 15.09.2009
Diesem Artikel ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Nur zwei Anmerkungen: a) Natürlich ist ein solcher akademischer Aufbau nur unter stabiler Sicherheitslage möglich, die, solange die afghanische Polizei/Militär nicht dazu in der Lage ist, nur von ISAF-Soldaten garantiert werden kann. b) Ein interessantes Gedankenspiel: ein Fokus auf Bildung könnte alle afghanischen Probleme lösen - übertragbar (natürlich auf höherem Startniveau) auf Deutschland? Sollte man einfach alle Agrarsubventionen in der BRD streichen und das Geld in sämtliche Stellen des Bildungssystems stecken, dieses endlich bundesweit vereinheitlichen und durchlässiger (nach oben natürlich) machen - würden sich dann in 10-15 Jahren der Großteil der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in unserem schönen Land auch erledigt haben? Ich bin davon überzeugt: Bildung ist ein Allheilmittel.
3. Running Systems und die Eitelkeit der Vernunft.
Parzival v. d. Dräuen 15.09.2009
Zitat von TubusKluger Beitrag. Nur die Vorstellung Ausländer könnten zur Änderung der inneren Einstellung einen wesentlichen Erziehungsbeitrag leisten ist naiv. Sowas muss aus der Gesellschaft selbst kommen.
Afghanistan ist eine failed nation. Die Clanstrukturen sind nicht wesentlich zu beeinflussen. Am Hindukusch wird es in der nahen Zukunft künftiger Jahrzehnte keine Universität geben. Dort gibt es vielerlei Traditionen, aber ohne Frage nicht das geringste Anzeichen eines "oktroyierbaren" Wissenschaftsbetriebes. Der Westen fixt die Oberschichten solche Länder mit Bildung an und überzeichnet die Erfolge. Eher wird San Marino Fussballweltmeister. Ein bißchen mehr 'weniger Hoffährtigkeit' würde solchen Ländern gerechter werden.
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