Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Liste der Hochschulräte: Wie Unternehmen an den Unis Einfluss nehmen

Von

Gut vernetzt: Deutsche Konzerne mit Hochschulanschluss Fotos
REUTERS

Als Mitglieder von Hochschulräten können Banker und Manager Einfluss auf Unis nehmen. Eine Auswertung von Transparency International zeigt, an welchen Hochschulen Siemens, Daimler und die Deutsche Bank mitmischen.

Es muss hoch hergegangen sein, wenn sich der ehemalige Universitätsrat von Schleswig-Holstein zum geheimen "Arbeitsessen" traf. Die zwölf Mitglieder tranken dann gern mal bis zu zehn Flaschen Wein und andere alkoholische Getränke. Pro Person wurden bei einigen Gelegenheiten mehr als 70 Euro fällig; da war es angenehm, dass die Rechnungen vom Steuerzahler beglichen wurden.

Genauso wie die Aufwandsentschädigungen, welche die Mitglieder für ihre vierteljährlichen Sitzungen bekamen: Der Vorsitzende kassierte 3000 Euro, alle anderen Teilnehmer 1500 Euro - dabei ist die Tätigkeit im Universitätsrat laut Gesetz "ehrenamtlich".

Der Landesrechnungshof Schleswig-Holstein urteilte in seinem Rechenschaftsbericht von 2013, dass der Rat, der die Unis des Landes in "strategischen Fragen" beriet, schlicht "unwirtschaftlich" sei. Zudem seien Zahlungen vom Wissenschaftsministerium, die unter anderem für die Vorbereitung der Sitzungen vorgesehen waren, in eine "schwarze Kasse" geleitet worden: wofür, ist nicht ganz klar. Aber die trinkfeste Runde hatte sicher Verwendung für das Geld vom Staat.

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!
Für den Oldenburger Soziologen Marcel Schütz passt das alles genau ins Bild, das er sich in den vergangenen Jahren von den Hochschul- und Universitätsräten machte, die es in allen deutschen Bundesländern gibt. "Der Fall aus Schleswig-Holstein zeigt, wohin die intransparente Macht einzelner Räte führen kann", urteilt er.

Neues Portal zeigt, welches Unternehmen wo vertreten ist

Um ein bisschen Licht ins Dunkel der Hochschulräte zu bringen, hat die Organisation Transparency International gemeinsam mit der Tageszeitung "taz" das Internetportal hochschulwatch.de gestartet. Die Räte bestehen größtenteils aus hochschulexternen Mitgliedern, darunter viele Manager aus der freien Wirtschaft, die offiziell von den Unis berufen werden. Das Portal zeigt gebündelt, welche Unternehmen in welchen Hochschulräten vertreten sind. Die Gesamtschau ist beeindruckend: Allein Siemens hat demnach 15 Manager untergebracht, Daimler ist mit 12 Räten vertreten, und Bosch hat immerhin noch 8 Führungskräfte an Hochschulen platziert. (Tabelle und Grafik am Ende des Textes)

Wie weit die Kompetenzen der Gremien reichen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Immer gleich ist jedoch, dass Studenten kaum erfahren, was die Räte so entscheiden, weil keine Protokolle der Sitzungen veröffentlicht werden. Dabei haben die Mitglieder viel Macht: Oft wählen sie den Rektor, beraten die Hochschulleitung in wirtschaftlichen Fragen und entscheiden sogar über die Einrichtung oder Abschaffung von Studiengängen.

Die bundesweite Einführung von Hochschulräten von 1998 an hatte daher anfangs für Studentenproteste gesorgt, einige Sitzungen mussten sogar unter Polizeischutz stattfinden. Mittlerweile ist es aber ruhig geworden um die Gremien, nur ab und zu dringt etwas nach außen, das für Erstaunen sorgt. Da wäre zum Beispiel die Geschichte mit Rolf Breuer, dem ehemaligen Vorstand der Deutschen Bank. Der ließ sich Bewerbungen für das Rektorat der Uni Frankfurt am Main praktischerweise direkt an seine eigene E-Mail-Adresse der Deutschen Bank schicken.

Wie groß ist der Einfluss der Unternehmen?

"Die massive Präsenz von Wirtschaftsunternehmen an deutschen Unis ist besorgniserregend", urteilt Arne Semsrott, der das Transparency-Projekt leitet. Allein das reiche schon aus, um die Freiheit von Lehre und Forschung infrage zu stellen. Zumal nicht klar sei, inwiefern die Besetzung des Hochschulrats mit Finanzspritzen der Unternehmen zusammenhänge.

In nur fünf Bundesländern wird laut Semsrott veröffentlicht, welche Unternehmen Zuwendungen an Hochschulen zahlen - im Rest der Republik bleibt die Herkunft vieler Hilfsgelder geheim. Ein Missstand, den das Transparency-Portal verdeutlicht. Nutzer können dort zwar lange Listen mit hohen Spendenbeträgen begutachten. Von wem die Gelder geflossen sind, verschweigen die Unis aber häufig.

Hochschulen blocken Anfragen zu den Spendern gern ab: die TU Freiberg, die sich auf "schutzwürdige, private Interessen" beruft; oder die medizinische Hochschule Hannover, die auf "bestehende Geheimhaltungsvereinbarungen" verweist - ähnlich wie die Uni Erlangen-Nürnberg, die "Vertraulichkeitsverpflichtungen" sieht.

Wie eng die Beziehung von Unternehmen und Universitäten schon ist, offenbart sich derzeit besonders bei Technischen Universitäten und Fachhochschulen. Ein Beispiel ist die Hochschule für angewandte Wissenschaften in Würzburg-Schweinfurt. Die Uni taufte Vorlesungsräume gegen Geld auf die Namen "Aldi-Süd-Hörsaal" und "Fresenius Medical Care Hörsaal" um - und die Aula auf "Warema Renkhoff Aula".

Baden-Württemberg hadert mit den Hochschulräten

Warema Renkhoff ist ein Hersteller von Sonnenschutzprodukten und fördert über eine Stiftung Forschungsprojekte, die an der Uni laufen. Diese Wirtschaftsnähe wirkt sich auch im Hochschulrat aus: sechs von zehn Mitgliedern kommen aus der Wirtschaft, darunter Angelique Renkhoff-Mücke, die Vorstandsvorsitzende von Warema Renkhoff. Die Uni Würzburg sieht darin kein Problem: Inhalte von Lehre und Forschung würden immer noch die Professoren festlegen. Und an die Gelder, die durch Hörsaal-Sponsoring gewonnen würden, seien keine Bedingungen geknüpft.

Ähnlich argumentiert die Uni Köln, die seit Jahren umstrittene und millionenschwere Verträge mit dem Chemieriesen Bayer unterhält. Dazu passt, dass ein ehemaliges Bayer-Vorstandsmitglied seit Jahren den Hochschulrat als Vorsitzender anführt - ein Umstand, der mindestens "ein Geschmäckle" habe, sagt Arne Semsrott von Transparency International.

Die Uni Köln lässt mitteilen, dass man doch überhaupt kein Interesse daran habe, von der Wirtschaft gelenkt zu werden. Außerdem sei der Hochschulrat nicht so mächtig wie oft behauptet. Die Räte träfen sich nur vierteljährlich zu relativ kurzen Sitzungen, da könne doch überhaupt kein maßgeblicher Einfluss auf die Uni ausgeübt werden, wird oft argumentiert. Wenn dem so sei, müsse aber doch eine andere Frage gestellt werden, sagt Wissenschaftler Schütz: "Welche Funktion haben diese Gremien dann überhaupt?"

Die Macht der Hochschulräte einzuschränken oder die Runden gar wieder abzuschaffen dürfte allerdings nicht ganz so einfach werden. Das zeigte sich beispielsweise in Baden-Württemberg, wo die dortige grün-rote Landesregierung dem Gremium einige Kompetenzen streitig machen wollte. Nachdem die Industrie- und Handelskammer Widerstand angekündigt hatte, wurden die Pläne wieder fallen gelassen.

Selbst das hemmungslose Treiben des schleswig-holsteinischen Universitätsrats, der die Hochschulen in Kiel, Lübeck und Flensburg übergreifend betreute, hatte keine negativen Folgen für die Wirtschaft - im Gegenteil. Das Gremium wurde zwar nach dem Bericht des Landesrechnungshofs abgeschafft. Etwas später wurden aber drei neue gegründet. Jetzt haben alle Unis einen eigenen Rat mit jeweils fünf Mitgliedern - und die schleswig-holsteinischen Unternehmen dadurch noch mehr Möglichkeiten, Vertreter zu entsenden.

Einfluss der Wirtschaft: Dax-Unternehmen haben Mitarbeiter in den Hochschulräten etlicher Unis und Fachhochschulen platziert Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Einfluss der Wirtschaft: Dax-Unternehmen haben Mitarbeiter in den Hochschulräten etlicher Unis und Fachhochschulen platziert

Dax-Unternehmen und ihre Vertretungen in Hochschulräten (Stand: Januar 2015)
Deutsche Bank
- Uni Frankfurt am Main

- TU Ilmenau

- Hochschule Neu-Ulm

- Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar
Bayer
- HfbK Hamburg

- Uni Hohenheim

- Uni Köln

- Uni Tübingen
Daimler
- Hochschule Esslingen (FH)

- Hochschule Furtwangen

- Karlsruher Institut für Technologie

- Hochschule Karlsruhe (FH)

- Uni Konstanz

- Hochschule Ostwestfalen-Lippe

- Hochschule Reutlingen

- Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (FH)

- Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd

- Uni Stuttgart

- Hochschule Ulm
VW
- TU Braunschweig

- Uni Dresden

- Göttingen

- Uni Kassel
Siemens
- RWTH Aachen

- Hocschule Amberg-Weiden

- Hochschule Augsburg

- SRH Hochschule und TU Berlin

- Universität Erlangen-Nürnberg

- Hochschule Esslingen (FH)

- FH Frankfurt am Main

- TU Hamburg-Harburg

- Fachhochschule Westküste Heide

- HAW Ingolstadt

- Uni Jena

- Hochschule Landshut

- Uni Magdeburg

- TU München

Mitarbeit: Susmita Arp, Oliver Trenkamp

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
mipez 17.02.2015
Und diese Unternehmen helfen den Hochschulen weit mehr als der deutsche Staat, tolle Welt oder?
2. Und nun?
Profdoc1 17.02.2015
Ich mache es 'mal ganz plump: Es ist schön, wenn die nächste Sau durch's Dorf getrieben wird. Warum gibt es so viele Hochschulräte aus der Wirtschaft? Weil sie von den Hochschulen angefragt werden! Warum werden sie angefragt: Weil sie Netzwerke zur Akquise von Projekten mitbringen! Warum werden sie genutzt? Um Industriedrittmittel zu akquirieren! Warum das? Weil die Länder erheblich zu wenige Mittel in ihre Hochschulen stecken und es der Bund (noch) nicht darf! Darum!! Stichworte: Wissenschaftliche Mitarbeitende, Dauerstellen, Lehrbelastung, Infrastruktur, etc., etc.
3.
thapk 17.02.2015
Von trinkfreudiger Runde kann wohl nicht die Rede sein. Wenn 12 Personen 10 Flaschen Wein trinken, dann sind das pro Person etwas mehr als zwei Gläser. Wieder eine Behauptung ohne nachzudenken.
4. @mipez
javra 17.02.2015
Wenn du denkst, dass die das ohne Eigennutz tun, hab ich schlechte Nachrichten für dich -.-
5. die Hochschulräte
parsimony 17.02.2015
waren von Anfang an ein schlechtes Konzept. Welchem Manager aus der Industrie ist denn daran gelegen, die Interessen einer Universität zu vertreten? Entweder werden die eigenen Interessen vertreten oder bestenfalls ist es einem egal und man nimmt den Titel für die Visitenkarte mit und trifft sich noch viermal im Jahr zu Gelage...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© UniSPIEGEL 1/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Titelbild
Heft 1/2015 Die bizarre Geschichte zweier Studenten, die ein wertvolles Bild gestohlen haben