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Hochschulrektoren: Erstmals Damenwahl im Herrenclub

Von Hermann Horstkotte

Margret Wintermantel heißt die künftige Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Ihre erste Aufgabe: den Laden befrieden. Denn die Chefin ist neu, die internen Querelen bleiben - ihr Vorgänger hatte mit seinem Überraschungs-Rücktritt für einen Eklat gesorgt.

Niemand sonst von 261 Rektoren oder Präsidenten wollte den Job, Margret Wintermantel bekam ihn also. Mit 84 Prozent Ja-Stimmen wurde sie heute zur neuen Präsidentin der Lobbyorganisation der deutschen Universitäten und Fachhochschulen gewählt. Die 59-jährige Psychologieprofessorin aus Saarbrücken, eine von 29 Frauen in der HRK, war bislang eine der sieben Vizepräsidenten, zuständig für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs und erklärte Förderin von Spitzenleistung. Zur Kandidatur für den Chefsessel musste sie allerdings von ihren sechs männlichen Kollegen erst gedrängt werden. Denn der Glanz des Präsidentenamtes ist seit Jahren durch unklare Zuständigkeiten und persönlichen Reibereien stark eingetrübt.

Margret Wintermantel: Sorgt für weibliche Doppelspitze
Universität des Saarlandes

Margret Wintermantel: Sorgt für weibliche Doppelspitze

Im November hatte Peter Gaehtgens, erst seit August 2003 im Amt, die Brocken hingeschmissen und die deutschen Rektoren zu einem Mann-über-Bord-Manöver gezwungen. Seine Vizechefs mit jeweils eigenen Aufgaben von den studentischen bis zu internationalen Angelegenheiten fühlten sich von einem "autoritären Führungsstil" des Präsidenten Gaehtgens und seiner Generalsekretärin Christiane Ebel-Gabriel überfahren. Zusätzliche Munition fanden die Kritiker in der engen privaten Beziehung der beiden. Beleidigt trat Gaehtgens zurück und sorgte für tumultartige Szenen in der HRK. In einem Abschiedsbrief schob er alle Missverständnisse auf mangelndes Verständnis seiner Präsidiumskollegen für echte professionelle Führung.

Aus Angst vor dem Image des "Königsmörders" drängelte sich niemand vor, als es um die Gaehtgens-Nachfolge ging. Da erweckt Wintermantel immerhin einen gewinnenden Eindruck. Sie ist die erste Professorin im Chefsessel der HRK und bildet fortan gemeinsam mit Ebel-Gabriel eine weibliche Doppelspitze - und das im deutschen Wissenschaftssystem, das nicht gerade reich an Frauen in Führungspositionen ist.

Profi-Posten statt Rentnerjob

Nicht erst seit Gaehtgens spektakulärem Rücktritt kracht es im Gebälk der Rektorenkonferenz. Schon dessen Vorgänger Klaus Landfried, ein munterer Poltergeist aus Kaiserslautern und immer für ein offenes Wort gut, hatte seine Amtszeit 2003 im Krach um Führungs- und Personalfragen beendet. Dabei stellten sich eine Rektorenopposition und sein eigener Generalsekretär Jürgen Heß gegen Landfried. Heß verfasste ein Papier über Struktur-, Verfahrens- und Kommunikationsfragen in der HRK, weil sich nach seiner Auffassung "führungsrelevante Probleme häuften". Das Präsidium legte ihm die Kritik als Majestätsbeleidigung aus. Heß ging - aber erst nach einer saftigen Blamage für Präsident Landfried: Der musste nach dem Willen des HRK-Plenums die fristlose Kündigung des angeblich ungetreuen Verwaltungsleiters zurückziehen.

Die neue Steuerfrau Wintermantel muss nun die Rektoren durch ein nie da gewesenes Tohuwabohu führen. Alles ist neu, praktisch auch ihr hauptberufliches Präsidentenamt. Bisher war das eher ein Neben- oder Rentnerjob mit Ehrensold. Das jetzige Präsidentengehalt von 130.000 Euro im Jahr bringen die Universitäten und Fachhochschulen durch eine Umlage auf. Darin schlägt sich schon ein drohendes Gewitter aller Finanzminister nieder. Sie haben der Kultusministerkonferenz einen amtlichen Prüfauftrag erteilt, weshalb die Länder die HRK überhaupt noch finanzieren sollen und nicht die Mitgliedhochschulen selber.

Der Profi-Job der Präsidentin wird die Hochschulspitzen nicht zuletzt gegenüber dem eigenen, 60 Fachkräfte umfassenden Apparat unter der Generalsekretärin stärken. Im übrigen hat die Vollversammlung der Rektoren im Februar eine Kommission eingesetzt, die "Vorschläge für strukturelle Änderungen in den externen wie internen Aufgabenstellungen entwickeln soll", also auch über die Rolle der Präsidentin. Ebenfalls wird, wie etwa der Karlsruher Unirektor Horst Hippler betont, an eine Stärkung unterer Ebenen der Willensbildung gedacht, namentlich an einen aus der Mitgliederversammlung gewählten Senat von etwa zwanzig bis dreißig beschlussfähigen Repräsentanten. Das war freilich auch schon ein Thema zu den Zeiten von Landfried und Gaehtgens.

Neue Herausforderung für eine Psychologin

Die Bundespolitik will den Ländern im Zuge der "Föderalismusreform" weit mehr Einfluss auf die  Hochschulen geben. Damit nimmt die Bedeutung der Landesrektorenkonferenzen gegenüber der HRK zu. Denn die war bisher hauptsächlich die Lobbyorganisation gegenüber dem Bund und dem Bundesbildungsministerium. Einzelne Großprojekte wie die "Qualitätssicherung" in Forschung und Lehre hängen ganz am Tropf der Bundesmittel - wie lange noch, weiß niemand.

Davon abgesehen, steht aber für einflussreiche Rektoren wie Peter Hommelhoff von der Universität Heidelberg fest: "Die Fragen, die sich den Hochschulen in Deutschland stellen, können die Landesrektorenkonferenzen nicht allein schultern. Wir müssen auf nationaler Ebene organisiert sein." Womöglich kann auch die EU-Hochschulpolitik, der Ansprechpartner "Brüssel", das Arbeitsfeld "Bund" zum Teil kompensieren und der HRK mehr Bedeutung verschaffen.

Die Hauptherausforderung für die HRK ist die innere Einheit angesichts des Wettbewerbs, den die Bundesländer untereinander wie unter den Hochschulen forcieren. Bezeichnend für unterschiedliche Interessenrichtungen ist der Zusammenschluss der großen und finanzstarken Technischen Hochschulen von Aachen bis Dresden im "TU 9"-Verein. Die Zeiten sind vorbei, als Klaus Landfried im Namen der HRK, wenngleich gegen reichlich Widerstand, große Ziele wie die Einführung der Bachelor-Master-Studiengänge oder Studiengebühren politisch durchsetzte. Demgegenüber erklärt Hommelhoff heute: "Visionen zu entwickeln, ist Aufgabe der einzelnen Hochschule. Die HRK wird die Gesprächsplattform für die Austragung von Interessengegensätzen sein. Wird kein Konsens erzielt, soll der Dissens bleiben und auch nach außen mitgeteilt werden."

Wissenschaftlich beschäftigt sich Margret Wintermantel mit den Arbeitsschwerpunkten "Soziale Urteilsbildung und Sprachproduktion". Womöglich hat die Psychologin schon von  Berufs wegen das Talent, eine zivile Konfliktkultur zu gestalten. Und wenn's ihr mal zu viel wird, geht sie joggen.

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