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Studienplatzvergabe-Chaos: Alle Unis warten, bis alle mitmachen

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Überfüllte Unis? In Wahrheit bleiben dennoch viele Studienplätze unbesetzt

Deutschlandweit bleiben Tausende Studienplätze unbesetzt - ausgerechnet in begehrten Fächern. Dabei gibt es ein zentrales Vergabeverfahren. Warum klappt es nicht?

Wer sich vergeblich beworben hat, für den ist diese Zahl ein Schlag ins Gesicht: Mindestens 14.579 Studienplätze sind nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE im laufenden Wintersemester unbesetzt geblieben; nicht etwa in Nischendisziplinen, für die es wenige Interessenten gibt, sondern in den in den besonders begehrten Fächern, die einer Zulassungsbeschränkung unterliegen.

Dabei sollte dieses Problem allmählich gelöst sein. Vor einigen Jahren wurde die Stiftung Hochschulstart gegründet, als Nachfolgeeinrichtung der "Zentralen Vergabestelle für Studienplätze". Die Idee: Die Bewerbungen werden zentral gesammelt und so auf die Hochschulen verteilt, dass möglichst alle Wünsche erfüllt werden und keine Plätze unbesetzt bleiben.

So die Theorie.

Doch die zentrale Vergabe funktioniert bislang nur für einen Teil aller Studiengänge. In den großen Fächern, die bundesweit zulassungsbeschränkt sind, laufen schon heute alle Bewerbungen über Hochschulstart. Das sind die klassischen Numerus-Clausus-Fächer Medizin, Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie.

"In diesen Fächern bleiben praktisch keine Plätze unbesetzt", sagt Ingo Just, Studiendekan der Medizinischen Hochschule Hannover. Das ist nicht verwunderlich: Was diese Fächer angeht, deckt Hochschulstart das gesamte Bundesgebiet ab.

Trotzdem kann es auch in der ausgebuchten Medizin passieren, dass Studienplätze frei bleiben. Etwa wenn ein Student nach ein paar Semestern die Hochschule oder das Fach wechselt und die Uni keinen Nachrücker findet.

Doch Nachrücker für frei werdende Plätze zu finden, sei bisher kein Problem, sagt zumindest Jost. "Dafür sind Medizinstudienplätze einfach zu begehrt."

Kein Medizin-Bewerber? Dann wird's kompliziert

Größer sind die Probleme für die nicht-medizinischen Studiengänge mit Zulassungsbeschränkung. Für diese Fächer hat die Stiftung Hochschulstart das sogenannte Dialogorientierte Serviceverfahren geschaffen, kurz DoSV. Daran beteiligen sich allerdings bisher nicht alle Hochschulen.

Von den 4.000 örtlich zulassungsbeschränkten Studienangeboten lief lediglich für 289 die Bewerbung über das DoSV.

So kann es passieren, dass man sich etwa für Kunstgeschichte mal an der Uni direkt und mal zentral bei der Stiftung Hochschulstart bewirbt. Das heißt allerdings auch: Bekommt ein Bewerber eine Zusage von einer Hochschule, die nicht am Verfahren beteiligt ist, erfährt die Stiftung davon nichts. Sie vergibt unter Umständen einen Studienplatz an jemanden, der ihn gar nicht mehr braucht.

Wie viele Plätze in den 289 beteiligten Studiengänge zuletzt unbesetzt geblieben sind, kann die Stiftung Hochschulstart nicht beziffern. Man habe "keine exakten Rückläufe über diese Zahlen", sagt die Pressestelle. Trotzdem zeigt man sich optimistisch: Es seien dank des Serviceverfahrens sicherlich weniger als früher.

Einige Hochschulen stellen die Situation anders dar. Die Freie Universität Berlin etwa begann im Wintersemester 2013/2014, die Bewerbungen für die Fächer Rechtswissenschaften und Psychologie über die Stiftung Hochschulstart abzuwickeln.

Trotzdem musste die FU selbst ein Nachrückverfahren initiieren, weil zu wenig Studienplätze besetzt werden konnten. Daran habe sich nichts geändert. "Von einem feststellbaren Effekt der 'Koordinierung' durch das Serviceverfahren kann auch heute noch nicht die Rede sein", sagt ein FU-Sprecher. Der Aufwand sei höher, obwohl es keinen zusätzlichen Nutzen gebe.

Viele Hochschulen - wie etwa die Uni Köln - scheuen es deswegen, sich an dem Verfahren zu beteiligen. Das Dilemma ist schnell beschrieben: Alle warten, bis das System funktioniert. Aber das System funktioniert erst, wenn alle mitmachen.

Das Bundesbildungsministerium hatte das Projekt einst groß angekündigt und immer wieder dafür geworben. Inzwischen scheint man vom Pannenportal nicht mehr viel wissen zu wollen. Man habe eine Anschubfinanzierung von 15 Millionen Euro für die Software geleistet, sagt ein Sprecher. Der Rest ist Sache der Hochschulen und Länder.

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1. Warum es nicht klappt
rmuekno 31.01.2015
weil alles Ländersache ist und die Unis darüber hinaus noch weitgehend selbstständig. Da kann eine zentrale Software nicht klappen. Wer sich mal mit der Entstehungsgeschichte dieser Software auseinandersetzt sieht dass es nie was werden kann aus Millionen zu versenken. Jeder Informatikstudent im 3, Semester könnte das besser.
2.
schnitteuk 31.01.2015
Ein warnendes Signal für alle, die mehr zentrale Planwirtschaft im Bildungsbereich fordern.
3. Real existierender Föderalismus
Kurt Kraus 31.01.2015
Solange den Provinzlern das Bildungsressort nicht ihren ungeschickten Fingern entrissen wird, wird das nie was. Alles, was die Kultusministerkonferenz auskocht, ist so gehaltvoll wie ein Bremer Abitur.
4. Und die bilden unsere Elite aus...
bananenrepublikanerin 31.01.2015
Es ist erstaunlich, wie gering die Einsichtsfähigkeit und das organisatorische Vermögen in Hochschulverwaltungen ausgeprägt sind. Offensichtlch dient die Freiheit von staatlichem Zugriff nur dazu, munter ein Eigenleben zu pflegen. Warum geselschaftlichen Anforderungen genügen, wenn die Kohle auch so fliesst?! Ich bin für ein System klar definierter Leistungsanforderungen und - kontrollen. Was für die Studenten seit Jahren rigoros praktiziert wird, kann für ihre Vordenker so schlecht nicht sein.
5.
TS_Alien 31.01.2015
Die Lösung ist einfach. Da nur der Student weiß, bei welchen Universitäten er sich beworben hat, sollte auch der Student verpflichtet werden, den Universitäten zeitnah abzusagen, deren Platz er nicht mehr benötigt. Die Unis können dann die besetzten und die freien Plätze an eine zentrale Stelle weiterleiten. Einmal am Tag sollte das genügen. Solange es keinen Überblick über die Bewerbungen der Studenten gibt, ist jede zentrale Software unnötig. Die 15 Millionen und alle weiteren Kosten hätte man sich für diese Software sparen können. Es war und ist mir ein Rätsel, warum eine solch profane Software (ein Server, ein Client, ein paar Daten) überhaupt so viel Geld verschlingen kann. Mit der obigen Lösung programmieren selbst etliche Schüler die Software innerhalb eines Tages. Möchte man noch eine schöne GUI haben, dauert es einen Tag länger.
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