Hochschulstatistik: Keine Massenflucht wegen Campusmaut

Studiengebühren lassen Studenten nicht scharenweise in gebührenfreie Länder fliehen, meldet das Statistische Bundesamt. Der neue Hochschulbericht zeigt aber auch: Seit es die Campusmaut gibt, sparen sich die Länder 400 Millionen Euro für Uni und FH. Und Frauen bleiben in akademischen Spitzenjobs selten.

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dpa

Studenten im Hörsaal der Uni Kassel: Keine Massenflucht

Studiengebühren sind eine Last und sorgen dafür, dass Eltern mehr für das Studium ihrer Kinder zahlen oder Studenten neben ihrem Studium mehr jobben müssen. Aber verlassen Abiturienten auch in Scharen ihr angestammtes Bundesland, um der Campusmaut auszuweichen?

Dafür gibt es keine belastbaren Anzeichen, meldete das Statistische Bundesamt am Mittwoch bei der Vorstellung des Berichts "Hochschulstandort Deutschland 2009". Entwarnung gibt das Budesamt aber ebenso wenig. Aus den Zahlen zur Wanderung der Studenten zwischen den Ländern ergibt sich ein zu uneinheitliches Bild, fest steht nur: Eine Massenflucht von Studienanfängern aus den sechs unionsgeführten Bundesländern, die Studiengebühren kassieren, findet nicht statt.

Hamburg und Baden-Württemberg verzeichneten 2008 im Vergleich zu 2005 trotz Studiengebühren einen Zugewinn an Studenten. Bayern legte beim Saldo, der sich aus der Zahl der Schulabgänger mit Hochschulreife im Verhältnis zu Studienanfängern errechnet, 2008 ebenfalls zu. Allerdings gewannen bayerische Unis und Fachhochschulen deutlich weniger hinzu als 2005, vor Einführung der Campusmaut. Das Gebührenland Nordrhein-Westfalen verzeichnete dagegen im Studienjahr 2008 leichte Wanderungsverluste.

Studenten ziehen noch immer aus dem Osten weg

Der Zugewinn für Baden-Württemberg basiert zum Teil auf einem Buchungstrick. Seit 2008 zählen die Statistiker im Südwesten Studenten der Berufsakademien in ihrer Hochschulstatistik mit. 10.000 dieser Anfänger, die ein Fachstudium in Kombination mit einer beruflichen Ausbildung antraten, werden als Studienanfänger gewertet, obwohl Berufsakademien keine Hochschulen sind. Neben doppelten Abiturjahrgängen in drei Bundesländern ist diese neue Definition auch ein Grund für den Erstsemesterrekord in diesem Herbst: 423.400 Studenten haben im Sommer- und Wintersemester 2009 ein Erststudium aufgenommen - sieben Prozent mehr als 2008.

Auch in den Bundesländer, die keine Studiengebühren erheben, fiel der Vergleich zwischen 2005 und 2008 sehr unterschiedlich aus: Einige Länder gewannen Studenten hinzu, anderen verloren welche. Vor allem die ostdeutschen Bundesländer gaben erneut mehr Abiturienten an andere Länder ab als sie im Gegenzug anwerben konnten. Da halfen offenbar auch Werbeaktionen nicht, wie sie die Ostländer seit Jahren betreiben und auch im Sommer 2009 mit einer umstrittenen Jux-Kampagne fortsetzten.

Die Studiendauer betrug im Jahr 2008 9,6 Semester und ist damit im Durchschnitt ein Semester kürzer als noch im Jahr 2000. Grund dafür seien die Bologna-Reform und die verkürzten Bachlor-Studiengänge, sagte ein Sprecher des Bundesamts bei der Vorstellung des Berichts. Die kürzere Regelstudienzeit, die den Druck auf die Studenten erhöht, ist mit ein Grund für die seit mehr als zwei Monaten andauernden Studentenproteste in ganz Deutschland. Über eine mögliche Ausweitung der Regelstudienzeiten diskutieren die Kultusminister derzeit bei ihrem turnusmäßigen Treffen in Bonn. Ihr Ergebnis werden sie am Donnerstag vorstellen.

Länder kürzten Hochschulausgaben um 400 Millionen Euro in zwei Jahren

Der Frauenanteil an in Führungspositionen an Hochschulen ist erneut leicht gewachsen. Mittlerweile sind immerhin 17 Prozent aller Professorenstellen in Deutschland mit Frauen besetzt, zu Beginn des Jahrzehnts war es nur gut jede zehnte Professur. Bei den Promotionen liegt der Frauenanteil mittlerweile bei 42 Prozent. Bei Studienanfängern und Absolventen hielten sich Frauen und Männer die Waage. Ein Sprecher des Bundesamtes sagte dazu: "Je höher die Position auf der akademischen Karriereleiter, desto weniger Frauen arbeiten in diesem Bereich."

Die Einnahmen der Hochschulen aus Studiengebühren sowie Rückmelde- und Prüfungsgebühren beliefen sich 2007 auf mehr als eine Milliarde Euro. Zugleich gingen 2005 bis 2007 die Aufwendungen des Staates für die Grundmittel der Hochschulen um 400 Millionen auf 16,8 Milliarden Euro zurück. In Hamburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen finanzieren die Studenten mittlerweile etwa 7,5 bis 8,5 Prozent der allgemeinen Hochschulausgaben. Bundesweit liegt der Gebührenanteil an den Gesamtkosten der Hochschulen inzwischen bei gut vier Prozent, obwohl zehn der 16 Bundesländer keine Gebühren für das Erststudium erheben.

Für die gesamten Bildungsausgaben im laufenden Jahr meldeten die Wiesbadener Statistiker, Bund Länder und Gemeinden würden insgesamt 97,9 Milliarden ausgeben. Endgültige Angaben liegen derzeit nur für das Jahr 2006 vor. Damals investierten Bund, Länder und Gemeinden 89,2 Milliarden Euro unter anderem in Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen. Zusammen mit dem privaten Sektor und den Ausgaben für Forschung und Wissenschaft wurden 198,5 Milliarden Euro aufgewendet. Das entsprach 2006 8,5 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP). Dieser Anteil sank im Folgejahr auf 8,4 Prozent des BIP. Um das von der Bundesregierung immer wieder geforderte Zehn-Prozent-Ziel zu erreichen, müssten die Ausgaben in zweistelliger Milliardenhöhe zulegen, teilten die Statistiker mit.

cht/dpa/Reuters

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