Neuer HRK-Präsident: "Es gibt keine perfekte Hochschule"

Deutschlands Hochschulchefs haben einen neuen Sprecher: Horst Hippler, 65 und Physiker, leitet künftig die Hochschulrektorenkonferenz. Im Interview fordert der Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie mehr Vertrauen in die deutschen Hochschulen und niedrigere Steuern für private Spender.

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KIT/Harry Marx

Neuer HRK-Präsident Hippler: "Missbrauch wird man nie verhindern können"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Wahl zum HRK-Präsidenten war nicht einfach. Erst im zweiten Wahlgang bekamen Sie eine knappe Mehrheit, für einige Fachhochschulrektoren waren Sie nicht der Wunschkandidat. Wie wollen Sie jetzt als Präsident für alle Hochschulen sprechen?

Hippler: Ich habe überhaupt kein Problem damit, mit den Fachhochschulen kollegial und vertrauenswürdig umzugehen. An meiner bisherigen Arbeitsstelle, dem Karlsruher Institut für Technologie, arbeiten wir einmalig gut mit der Fachhochschule Karlsruhe zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Und doch haben Sie in der Vergangenheit gesagt, es sei nicht notwendig, den Fachhochschulen das Promotionsrecht zu verleihen, was bei den FHs für Unmut sorgte.

Hippler: Eine Fachhochschule ist keine Universität. Wenn eine Fachhochschule Promotionsrecht haben soll, muss man sie zur Universität machen. Das bedeutet auch, dass man ihr eine universitäre finanzielle Förderung zukommen lassen muss. Promotionen kriegt man nicht zum Nulltarif, denn Forschung braucht Geld und Zeit. Die Professoren an den Fachhochschulen haben ein doppelt so hohes Lehrdeputat wie die Professoren an den Universitäten und viel weniger Zeit für die Forschung.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Anfang Mai Ihr neues Amt antreten, welche Aufgabe werden Sie als Erstes in Angriff nehmen?

Hippler: Das wichtigste Ziel für die nächsten Jahre ist eine nachhaltige Finanzierung der Hochschulen. Wir brauchen Planungssicherheit im Bereich Studiengänge, Studienplätze und Grundfinanzierung. Weil alle Länder sparen, sind die Mittel knapp, aber Investitionen in Bildung dürfen deshalb nicht zu kurz kommen. Derzeit trifft die Haushaltskonsolidierung ganz besonders das Hochschulsystem, dabei sind wir der Garant dafür, dass die deutsche Wirtschaft funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Wo mangelt es besonders an Geld?

Hippler: Wir brauchen einen Einstieg in die Vollkostenfinanzierung der Forschung. Wenn Sie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Projekt einreichen, bekommen Sie Geld für einen Doktoranden und ein bisschen für das Projekt. Aber dass der Doktorand auch noch einen Raum, einen Rechner und vieles mehr braucht, ist in der Projektfinanzierung nicht enthalten. Um die Forschungskosten voll zu finanzieren, bräuchte man 60 bis 70 Prozent mehr Geld, als wir heutzutage kriegen. Jedes öffentlich eingeforderte Forschungsprojekt erzeugt an den Hochschulen Kosten, die nicht gedeckt sind.

SPIEGEL ONLINE: Was die Studenten besonders belastet, ist der derzeitige Erstsemesteransturm, mehr als zwei Millionen junge Menschen studieren an Ihren Mitgliedshochschulen. Wie sollen sie mit den stark gestiegenen Studentenzahlen fertig werden?

Hippler: Da hilft nur, dass sich der Bund bei der Grundfinanzierung der neuen Studienplätze im Bachelor- und im Masterbereich engagiert. Der Bund profitiert schließlich heftig von der Ausbildung an den deutschen Hochschulen, weil er hinterher die Steuereinnahmen der gut ausgebildeten Menschen bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich komplett vom Bund finanzierte Hochschulen vorstellen?

Hippler: Wenn man das typische deutsche Regelwerk anwenden will, sehe ich da Probleme. Entscheidend ist, dass die Autonomie der Hochschulen geachtet wird und dass man ihnen zutraut, dass sie mit dem Geld vernünftig umgehen. Das große Problem ist immer das grundsätzliche Misstrauen. Darum werden die Kontrollen verstärkt, um jede Form von Missbrauch auszuschließen. Den wird man aber nie verhindern können. Vielmehr braucht es Regeln dafür, wie man mit Missbrauch umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung wünscht sich Geld von privater Seite und fordert eine Stipendienkultur, doch die Ergebnisse sind im internationalen Vergleich sehr dürftig. Wie kann man private Spendenaktivitäten ankurbeln?

Hippler: Ich denke, der wichtigste Auftrag an die Politik wäre, die Steuergesetzgebung so zu ändern, dass sich das Spenden und Stiften für die Wissenschaft und Bildung für Privatleute auch tatsächlich lohnt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Problem der privat finanzierten Bildung bleibt: Bestimmte Fächer werden immer besser wegkommen als andere.

Hippler: Dann muss man sich eben auf die Fächer konzentrieren, für die man keine hinreichende Finanzierung bekommt. So machen das auch die großen privaten Universitäten in den USA. Harvard bekommt das Geld sicher nicht für Ägyptologie oder Sinologie, sondern natürlich für Medizin, Medizintechnik und so weiter. Doch die gesamte Institution lebt davon, dass sie dann mit ihren eigenen Mitteln das andere mitfördern kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht für den neuen HRK-Präsidenten Hippler die perfekte Hochschule aus?

Hippler: Es gibt keine perfekte Hochschule. Es ist ein stetiger Wandel, eine stetige Anpassung an die Herausforderungen, und das muss auch so weitergehen. Wichtig ist mir vor allem, dass die Hochschulen mehr Freiheit bekommen.

Das Interview führte Heike Sonnberger

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1.
strixaluco 25.04.2012
Unsere Hochschulen haben kein Problem damit, dass sie zu wenige private Spender haben, sondern eines damit, dass die Wissenschaftler zu viel Zeit mit der Anwerbung von Drittmitteln verbringen müssen. Abgesehen davon, dass man die Zeit auch damit verbringen könnte, miteinander zu diskutieren - was vielleicht die Ergebnisse verbessern würde - ist die vollständige Abhängigkeit von Drittmittelfinanzierung in der jetzigen Form eine ganz erheblich Einschränkung der Forschungsfreiheit, wenn nicht deren Ende. Ein weiteres Problem sind die prekären Arbeitsbedingungen durch befristete Verträge, die viele Jungwissenschaftler vergraulen. Was wirklich helfen könnte wäre ein Bundeseinrichtung, die Wissenschaftlern nach der Promotion eine Grundfinanzierung für den Lebensunterhalt bietet, plus zusätzliche Verträge von den Unis, die einen Leistungsanreiz bieten. Alle reden von Exzellenz - hinter den Fassaden bröckelt das Fundament.
2. hat er es wieder geschafft
hartholz365 25.04.2012
da kann einem ja nur noch übel werden.
3.
aatvfm 25.04.2012
Herr Hippel polarisiert, in dieser Position wäre aber jemand der zusammenführt wichtig. Als Professor einer FH finde ich mich wenig gut vertreten, schade in diesem Amt könnte man etwas bewegen, wenn man sich nicht in Grabenkämpfen verliert. Hippel wird bestenfalls stillstand bringen. Lieber Herr Kollege Hippel, bitte beweisen mir das Gegenteil!
4.
doktorwaldmann 01.05.2012
Amüsant, dass ein Professor einer FH nicht einmal den Namen der Person richtig schreiben (lesen?) kann, um die es in diesem Artikel geht. Ich für meinen Teil kann da nur froh sein, dass kein FH Professor HRK Präsident geworden ist, und werde jetzt noch kein Urteil über Herr Hippel kundgeben - Ich warte, bis er etwas Zeit im Amt verbracht hat. Das was er da am KIT gemacht hat überzeugt jedoch zweifellos. Ganz Deutschland schaut neidvoll auf das hier einzigartige und erfolgreiche Konzept. Meine Hochachtung für das, was er an dieser Hochschule verändert hat. Dr. Waldmann
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Zur Person
Horst Hippler, 65, studierte Physik und wurde 1993 von der Universität Karlsruhe zum Professor für Physikalische Chemie berufen. Seit 2009 leitete er das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Zudem war er Gründungspräsident des Verbands Technischer Universitäten TU9 und bis April 2012 Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg.

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