Soziales Studium: Tue Gutes und sammle Punkte dafür
Sie unterrichten Flüchtlinge, sie gestalten Websites für Senioren, sie beraten Studienabbrecher: Beim Service Learning häufen Studenten nicht nur trockene Theorie an, sondern nutzen ihr Wissen in sozialen Projekten. Die Idee aus den USA wird allmählich auch in Deutschland populär.
In der Theorie hat sie viel gelernt. Gesa Schlösser, 26, macht gerade ihren Master an der Uni Köln und diskutierte wochenlang in Seminaren über Marketing für soziale Einrichtungen und Projektmanagement. Seit einem Semester wendet sie das Erlernte auch praktisch an: Zusammen mit ihren Kommilitonen entwickelt sie Werbestrategien für eine theaterpädagogische Werkstatt in Osnabrück.
Die Werkstatt hat zum Beispiel das Theaterstück "Mein Körper gehört mir" entwickelt. Zwei Millionen Grundschüler haben das inzwischen gesehen. Das Ziel des Theaterstücks: die Prävention von sexuellem Missbrauch. Seit einem Semester überlegen Gesa Schlösser und ihre Kommilitonen, wie im Kölner Raum Sponsoren gewonnen werden können und wie das Projekt an Kölner Grundschulen bekannter gemacht werden kann.
Zusammengekommen sind die Studenten und die Theaterwerkstatt über ein Angebot der Kölner Uni, das sich Service Learning nennt. Dahinter steckt ein pädagogisches Konzept, das ursprünglich aus den USA stammt. Der Gedanke dahinter: Die akademische Lehre wird mit gemeinnützigem Engagement verknüpft. Denn Studien zeigen: Wenden Studenten das Gelernte direkt an, erhöht sich der Lernerfolg.
Viele Unis bieten inzwischen Service Learning an
Service-Learning-Seminare dauern in der Regel ein Semester. Parallel zu der praktischen Arbeit für das Projekt besuchen die Studenten Lehrveranstaltungen an der Universität. Dort bereiten sie gemeinsam mit einem Dozenten ihre Projektarbeit vor, erhalten Arbeitsmaterialien und reflektieren die Ergebnisse. Anschließend können sie sich ihr Engagement als Studienleistung anrechnen lassen.
Für die Teilnahme an einem Service-Learning-Projekt veranschlagen die meisten Hochschulen zwischen 60 und 90 Stunden pro Semester. Die Vielfalt der Projekte ist groß: Studenten geben beispielsweise Flüchtlingen Deutschunterricht, konzipieren Webseiten für Senioren oder planen Beratungsangebote für Studienabbrecher.
So etwas gibt es inzwischen an einer ganzen Reihe von Hochschulen in Deutschland, wie eine Studie der Martin-Luther-Universität (MLU) Halle-Wittenberg von 2011 ergeben hat. Damals praktizierten 56 von 368 befragten Hochschulen Service Learning. Bei der Studie kam allerdings auch heraus: 44 Prozent der Rektoren hatten zum Zeitpunkt der Befragung noch nie etwas von dem Konzept gehört.
"Dabei ist die Idee so einfach wie genial", sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der MLU. Die Uni bietet seit fünf Jahren Service Learning-Projekte für Studenten an. Der Ressourcenaufwand, solche Seminare anzubieten, sei für die Hochschulen gering, sagt er. Und die Studenten profitierten davon.
"Während des Studiums häuft man viel Wissen an. Doch das Wissen ist oft praxisfern", sagt Wolfgang Stark, Professor für Organisationspsychologie und Organisationsentwicklung an der Universität Duisburg-Essen und Mitbegründer des Hochschulnetzwerks "Bildung durch Verantwortung". In dem Netzwerk haben sich Hochschulen zusammengeschlossen, die bereits Service Learning durchführen und dieses Konzept in Deutschland bekannter machen wollen. Diese Seminare seien eine Möglichkeit, bereits erste Praxiserfahrung zu sammeln. Sie seien dafür oft besser geeignet als Praktika. Denn während Studenten in Praktika manchmal nur beobachten dürfen und wenig Eigenverantwortung haben, sind sie beim Service Learning selbst aktiv.
Außerdem erfahren die Teilnehmer dadurch, was es bedeutet, die eigenen Kompetenzen für das Gemeinwohl einzusetzen. "Dieser Prozess der Wertevermittlung und Reflexion kommt im Hochschulalltag häufig zu kurz", sagt Stark. Doch man brauche nur einen Blick in die Stellenanzeigen zu werfen, um zu sehen, dass heute nicht nur Fachkenntnisse gefragt sind, sondern auch soziale Kompetenzen wie Einsatzbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein. "Arbeitgeber suchen Persönlichkeiten."
Einmal die Woche treffen sich Gesa Schlösser und ihre Kommilitonen nun mit einem Mitarbeiter der Theaterpädagogischen Werkstatt und besprechen mit ihm ihre Ideen. Von der Projektarbeit profitieren beide Seiten: Die Theaterpädagogen schätzten den objektiven Blick und die frischen Ideen der Studenten, sagt sie. Und: "Wir haben die Gelegenheit, zu sehen, wie die Arbeit in solch einer Einrichtung funktioniert, und können Praxiserfahrungen im sozialen Marketing sammeln."
Mascha Dinter/dpa/fln
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