Uni-Crashkurs bei Professor Multimedia: So funktioniert das Studium

Von , Osnabrück

Als Schüler drehte er Filme, als Professor inszeniert er seine Vorlesungen wie Seifenopern: Oliver Vornberger war einer der ersten Dozenten Deutschlands, die ihre Vorlesungen filmten und ins Netz stellten. Jetzt hilft er beim Semesterstart - in einer UniSPIEGEL-Videoreihe gibt er Tipps.

SPIEGEL ONLINE

Er hatte gerade das erste Video ins Netz gestellt, da trafen sich die Mitarbeiter des Rechenzentrums zur Krisensitzung. Der Server der Uni Osnabrück lief heiß, Datenberge wurden aus dem System gesaugt, es drohte zusammenzubrechen. Wer tat so was? Und: Warum?

Später tauften die Mitarbeiter das Phänomen die Vornberger-Flanke: Jedes Mal wenn Professor Vornberger eine neue Folge seiner Vorlesung hochgeladen hatte, stieg der Netzverkehr wie eine Kurve in der Grafik sprunghaft an. Irgendwann reagierte die Uni und lagerte Videos in ein anderes Rechenzentrum aus.

Viele von Vornbergers Kollegen graust es vor der Kamera. Was, wenn ein Fehler passiert? Ein Witz misslingt? Wenn das Video im Netz kursiert, Studenten lachen, Kollegen spotten? Vornberger kennt die Gedanken, aber sie schrecken ihn nicht ab.

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Virtuelle Vorlesungen: "Die Studenten sind fasziniert"
Als das Niedersächsische Wissenschaftsministerium vor zehn Jahren mehr Multimedia in der Lehre forderte, hob er die Hand. "Ich habe gesagt: Okay, ich spiele das Versuchskaninchen", sagt er, er hatte immer schon ein Faible für Filme. Damit war er deutschlandweit einer der ersten Professoren, die sich ins Internet trauten, wo jeder folgen konnte.

Dabei sieht er nicht aus wie jemand, der gern experimentiert: Oliver Vornberger lehrt seit rund 25 Jahren als Professor an der Uni Osnabrück Informatik, heute ist er 61 Jahre alt, er spricht ruhig, seine Haare sind grau, die Brille randlos, der Pulli hochgeschlossen. Die Adjektive bodenständig, sympathisch, unauffällig passen eher zum ihm als revolutionär. Und doch hilft er mit, die Lehre weltweit zu verändern.

Vornberger zeigt, wie die Zukunft aussehen kann

Kurz nach der Jahrtausendwende prophezeite die Bertelsmann Stiftung, bis 2005 werde mindestens jeder zweite Student wenigstens einzelne Teile des Studiums online durchlaufen. Sieben Jahre später ist E-Learning nur an wenigen Unis mehr als ein Schlagwort. Vornberger will das ändern, genauso wie sein Kollege Sebastian Thrun: Zu seinem Online-Einführungskurs an der Uni Stanford über Künstliche Intelligenz meldeten sich im vergangenen Jahr 160.000 Studenten aus 190 Ländern an.

Sie zeigen, wie die Lehre der Zukunft aussehen kann. Auch dafür hat Vornberger vom Stifterverband und der Hochschulrektorenkonferenz vor drei Jahren den mit 50.000 Euro dotierten "Ars Legendi-Preis" für exzellente Lehre erhalten. Seine Podcasts gehörten zu den "beliebtesten Angeboten dieser Art", lobten sie. Im gleichen Jahr bekam er den Wissenschaftspreis Niedersachsen.

Dabei, erzählt er, habe er nicht geplant, Informatik-Professor zu werden. Als Schüler drehte er gern Filme, "Oskar - der Hamster" beispielsweise. Vielleicht wäre er Dokumentarfilmer geworden, wenn er nicht als 16-Jähriger das Buch "Was denkt sich ein Elektronengehirn?" gelesen hätte. "Ich war hin und weg", sagt er. Kurz darauf kaufte er sich für einige hundert Mark einen Taschenrechner und verkroch sich in sein Zimmer.

Als er Mitschülern erzählte, dass er Informatik studieren will, wussten sie nicht, was das ist. An der Uni Dortmund gehörte er zu den ersten Informatik-Studenten Deutschlands. Später promovierte er und bewarb sich am Institut für wissenschaftlichen Film in Göttingen. Er wurde abgelehnt. "Junger Mann", habe der Chef gesagt, "gehen Sie zurück an die Uni. Ihnen steht eine große wissenschaftliche Karriere bevor."

Wanderungen, Grillabende und Gruppenfotos mit Studenten

Ein begnadeter Forscher sei er nie gewesen, sagt Vornberger, er habe aber immer gern Kompliziertes erklärt. Darauf hat er gesetzt, auch wenn viele Kollegen ihn belächelten, weil er Studenten als Kunden betrachtet, die nicht stören, sondern die er zufrieden stellen möchte. Auch wenn sich das Gewicht etwas verschoben hat, gilt an der Uni Forschung meist immer noch mehr als Lehre. "Der Ars Legendi-Preis war für mich ein später Triumph", sagt Vornberger. "Es war wie ein Donnerschlag, viele zuckten zusammen: 'Ah, Lehre ist doch wichtig.'"

Die Lehre brachte ihm nicht nur Preise ein, auch die renommierte Uni Berkeley meldete sich bei ihm und dem Team "Virtuos" von der Uni Osnabrück, das ihn von Anfang an unterstützt hat. Berkeley wollte einen internationalen Standard für Vorlesungsaufzeichnungen erarbeiten und hatte oft von den Pionieren aus Osnabrück gehört. "Wir fühlten uns extrem gebauchpinselt", sagt Vornberger. Also entwickelten sie mit den Unis Cambridge und Zürich eine frei zugängliche Software: Sie erleichtert es, Vorlesungen aufzuzeichnen.

Vornberger genießt die Aufmerksamkeit und die Bestätigung, vergisst aber seine Kunden nicht. Er verkörpert einen Typ Professor, wie ihn sich viele wünschen: Einen, der sich interessiert. Im Flur der Osnabrücker Informatik hängen Gruppenfotos von seinen Studenten, einmal im Jahr lädt er sie zu einer Wanderung ein, im Sommer empfängt er Tutoren und Examens-Kandidaten zum Grillabend.

Und die Studenten, die erstmals seine Vorlesung "Algorithmen" besuchen, begrüßt er mit Fragen. Mit rotem Pulli und Headset steht er vor ihnen und will wissen, wer was studiert, wer woher kommt. "Wer ist der jüngste?" Keiner meldet sich. "Sie sehen, dass war eine algorithmisch unsauber definierte Frage. Also, ich frage noch mal neu: Wer ist 17 Jahre und jünger?" Eine meldet sich. "17 Jahr, kein blondes Haar, aber die jüngste offenbar", sagt Vornberger trocken. Lachen im Hörsaal.

Jeder kann die Vorlesung bei YouTube oder iTunes sehen. Während manche das als Klamauk verteufeln, sagt Vornberger: Das verbessere die Lehre. Denn Dozenten bereiten sich besser vor, wenn ihnen nicht mehr hundert Studenten zuhören, sondern Tausende Fremde.

Aus dem Fernsehen sei man Anfang und Ende gewohnt, sagt Vornberger. Das versucht er zu übertragen. Er überlegt sich, wie er einsteigt, wie er die Tafeln des Hörsaals beschreibt, und er fragt sich: Wie mache ich Lust auf die nächste Vorlesung? "Wir wissen ja aus den Seifenopern, dass sie am Ende einen Cliffhanger einbauen. Also: Wer erschoss JR?", sagt er. "Ich ertappe mich dabei, dass ich überlege, wie ich das bei mir einbauen kann. Also: Kann Quicksort es schaffen, n Zahlen in n*log(n) zu sortieren? Dazu mehr am nächsten Dienstag."

Ein Kollege habe mal gesagt: "Sie versuchen die Studenten zu unterhalten, das ist nicht Ihre Aufgabe!" Immerhin gelingt es Vornberger, auch jene anzusprechen, die Vorlesungen nicht hören, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Schüler, Rentner, Hausfrauen, Ingenieure. Nach dem ersten öffentlichen Video vor nicht ganz zehn Jahren bekam er Mails aus ganz Deutschland: "Ich freue mich auf die nächste Episode", schrieb jemand. Vornberger sagt: "Es gibt nichts Schöneres im Leben eines Hochschullehrers als solche Mails zu bekommen."

Wenn Sie SPIEGEL ONLINE mobil nutzen, geht es hier zum Video.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. very modern..
hagbart_celine 09.10.2012
..dass der gute Herr Professor offenbar nur die Herren der Schöpfung beim Thema Studienwahl anspricht und von "ins Ohr säuselnden Lebensabschnittsgefährtinnen" ausgeht. Rückständiger Chauvi-Müll!
2. Man könnte ja sagen
spongie2000 09.10.2012
Zitat von hagbart_celine..dass der gute Herr Professor offenbar nur die Herren der Schöpfung beim Thema Studienwahl anspricht und von "ins Ohr säuselnden Lebensabschnittsgefährtinnen" ausgeht. Rückständiger Chauvi-Müll!
Man könnte ja sagen, die Frau Professorinnen könnten es ihm gleicht tun frei nach Anne Will ("wir sind die Hälfte, wir wollen die Hälfte") - ihr seid die Hälfte, schafft die andere Hälfte der Arbeit. Man könnte auch moderater sagen, weil Herr Professor Informatiker ist - angeblich ein Studium mit 10% Frauenanteil ( meiner Schätzung nach deutlich weniger), habe sich der gute Mann an die Gesichter der männlichen Studenten gewöhnt - quasi nix Biologie oder Chauvinismus sondern Ergebnis äußerer Zuständer (angeblich ja der Grund, warum Frauen nicht Ingenieurinnen werden). Allerdings sind es nur Bemerkungen für andere Leser, denn Ihrem Kommentar nach zu urteilen würden Sie sowieso sich nicht eine Minute lang freigeistig zurücklehnen und darüber nachdenken, ob da was dran ist.
3. Danke
Regenmacher 09.10.2012
Zitat von hagbart_celine..dass der gute Herr Professor offenbar nur die Herren der Schöpfung beim Thema Studienwahl anspricht und von "ins Ohr säuselnden Lebensabschnittsgefährtinnen" ausgeht. Rückständiger Chauvi-Müll!
Wieso Chauvi-Müll? Es ist doch nur ein Beispiel. Es ist dazu noch so universell, dass sich jeder hineindenken kann. Jemand bequatscht Sie X zu studieren, sie denken genau das Gegenteil, und entscheiden sich aus diesem Grund für das Studienfach ihrer Wahl. Ehrlich gesagt spricht mir dieses Beispiel geradezu aus der Seele. Das hat nix mit Chauvi-Gehabe zu tun. Ich denke auch jede Frau kann sich in die gleiche Situation hineindenken. Von mir aus auf Mallorca, mit dem Lebensabschnittsgefährten, und sie denkt dann über ihren Sonnenbrand nach und studiert dann Hautmedizin statt Journalismus. Gut das Beispiel des Professors ist vielleicht prägnanter. Ich denke man braucht sich nicht gleich angegriffen fühlen, nur weil ein Beispiel aus der männlichen Sicht beschrieben worden ist. Viel wichtiger ist mir die Aussage, die hinter seinem Videobeitrag steckt. Ich bin seit gestern im dritten Semester angekommen und stand also genau vor einem Jahr vor der Studienwahl. Ich muss sagen, ein so positiver und aufmunternder Kommentar wie den der hier vorgestellt wurde, habe ich nirgends gefunden. Weder von den Abiturlehrern, den Beratern noch die Internetseiten haben den Klartext gesprochen, dass man in erster Linie das machen soll, was einen interessiert. Mir und meinen Mitschülern wurde das Gefühl gegeben direkt in die Arbeitslosigkeit zu studieren. Egal welches Studienfach. Es wird niemand gebraucht. Nun gut das kann bei einem Teil der Absolventen so sein, aber bestimmt nicht bei jedem. Deswegen danke ich dem Herrn Vornberger für diese motivierenden Worte. Dieses ewige Schwarzmalen bringt keinen weiter. Ein bisschen Optimismus hilft hingegen sehr viel mehr. Mit freundlichen Grüßen
4. Spiegel Online = Apple Homeboys?
Schnipson 09.10.2012
Wieso müssen auf vier von acht Bildern ganz unverblümt Apple Produkte platziert werden? Produkplatzierung at its best!
5. Danke nach Osnabrück
fieps 09.10.2012
Hallo, habe mich jetzt extra registriert für diesen Artikel - ich möchte mich bei Prof. Vornberger bedanken. Ich habe 2004 / 2005 seine Vorlesungen besucht, und fand es einen absolut tollen Service, dass man die Wahl hatte zwischen überfülltem Vorlesungssaal am Westerberg, einem kleineren überschaubaren Saal in der Stadt in den übertragen wurde, oder dem Live-Stream. Ich habe das ein oder andere Mal die Vorlesung morgens noch im Bett verfolgen können, sei es bei Krankheit oder weil ich doch nicht aus dem Bett gekommen bin. Auch hatte ich eine super Prüfungsvorbereitung - ich habe mich mündlich prüfen lassen bei ihm, und konnte mir so die alten Vorlesungen alle nochmal in der Lernphase als Auffrischung ansehen - wo bitte gibt es sowas sonst noch? Oder zumindest: wo gab es das 2004? Absolut genial. Und Prof. Vornberger ist beim besten Willen kein Macho, Chauvi oder sonstwie Frauenfeindlich. Wäre das so gewesen dann hätte ich (weiblich) mich mit Sicherheit nicht bei ihm prüfen lassen. Die Vorlesungen von ihm waren einfach nur immer interessant zu verfolgen, er geht auf Fragen der Studenten ein, erklärt sinnvoll und verpackt das ganze in kleine Anekdoten. Seine Nikolausvorlesung war ein absolutes Highlight. Ich werde mich in vielen Jahren noch im Guten an seinen Vortragsstil erinnern. Also - der Mann ist nur zu empfehlen. Einfach mal angucken, lohnt sich!
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